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Konstruktiver Journalismus im KURIER: „Die Leute sind voll von Krieg und Krise“

Sind die Leser der Nachrichten wirklich überdrüssig? Wie kann ein alternatives Angebot aussehen? Und was hat das alles mit Corona zu tun?
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Vor 30 Jahren ging kurier.at online. Grund zu feiern und für dieses Interview. Weitere Texte zum Jubiläum, mit Ein- und Ausblicken zu kurier.at finden Sie an dieser Stelle. 

Was macht der Dauerzustand Krise mit unseren Leserinnen und Lesern – und mit uns Journalisten? KURIER-Herausgeberin Martina Salomon und Freizeit-Chefin Marlene Auer im Gespräch über einen Weg raus aus der Nachrichtenmüdigkeit, ihren Zugang zu Journalismus – und wie dieser auch online funktionieren kann.

KURIER: Das Schlagwort „konstruktiver Journalismus“ treibt die Medienbranche nun schon mehrere Jahre um. Wieso?
Martina Salomon:
Ich glaube, dass konstruktiver Journalismus sogar immer wichtiger wird. Weil wir speziell auf Social Media eine unglaublich aggressive Auseinandersetzung sehen. Das ist auch das Geschäftsmodell vieler privater TV-Sender geworden: Zwei starre Meinungen, die zu keiner Lösung führen. Ich glaube, das ist mit ein Grund, warum die Leute so eine Nachrichtenmüdigkeit haben. Wir versuchen im KURIER auch, mögliche Lösungen aufzuzeigen. Davon gibt es natürlich immer mehrere, und mein Zugang war immer, dass wir diese auch darstellen. Und du, liebe Leserin, du, lieber Leser, bildest dir dann bitte aus dem, was wir dir bieten, eine eigene Meinung.

Bleibt da noch Raum für Kritik, wenn man sich so einer konstruktiven Haltung verschreibt, immer die Lösung betont?
Marlene Auer:
Auch das kritische Hinterfragen gehört ja zum konstruktiven Journalismus.

Salomon: Aber ich finde zum Beispiel wichtig, dass wir keinen Schlagabtausch als Interview inszenieren. Da ist der Journalist immer in der einfacheren Position, du kennst ja die Fragen. Wichtig ist, dass man zuhört: Was sind denn eigentlich die Botschaften des anderen? Ein gutes Interview hinterfragt schon auch kritisch, aber es ist kein Match zwischen mir und einem Politiker zum Beispiel. Da gibt es mittlerweile einen Überdruss der Leute, glaube ich.

Abseits von Politik gibt es im KURIER eine ganze Freizeitwelt. Der Slogan „Alles, was dir guttut“ beschreibt recht gut, worum es dabei vor allem geht. Merkt ihr, dass es mehr Nachfrage nach solchen Themen gibt über die letzten Jahre?

Auer: Absolut. Der Reuters Digital News Report zeigt ja auch, dass allein in Österreich mehr als 40 Prozent der Menschen inzwischen Nachrichten vermeiden. Das heißt, die Leute sind einfach voll mit Krieg und Krise. Das erste Mal bewusst bemerkt habe ich das persönlich während der Corona-Pandemie. Wir haben uns damals dazu entschieden, in der KURIER-Freizeit keinen Krieg, keine Krise und eben kein Corona zu zeigen – das Wort war wirklich verboten. Zuerst war die Reaktion der Leserschaft verhalten. Viele waren später dann aber sehr dankbar. Die Leute brauchen auch die guten Nachrichten – und das hat jetzt nichts mit Feel-Well-Journalismus zu tun, sondern einfach mit einer anderen Themenwelt.

Umgekehrt sehen wir online oft, dass die Schlagzeile „Wirbel um …“ die „gute Nachricht“ aussticht – also schlicht besser gelesen wird. Widerspricht das dem nicht?
Auer:
Es kann halt beides immer stimmen, oder? Es geht online aber ganz stark um die Gewichtung. Die Frage ist, „wie groß man es hängt“, wie wir sagen.

Am Ende des Tages sind wir Journalisten nun einmal täglich von Negativität umgeben. Verändert das auch unseren Blick, macht das etwas mit uns?
Auer:
Die Generation, die jetzt um die 30, 35 ist, hat schon vier Once-in-a-Lifetime-Events erlebt, heißt es. Bankenkrise, Pandemie, die Kriege. Das macht mit Menschen generell was und mit uns Journalisten. Man braucht eine viel höhere Resilienz als früher, weil es schneller ist, weil es intensiver ist, und weil mehr schwierige Themen in der Dichte da sind als früher.

Salomon: Ich glaube aber, wir Journalisten sind „Bluthunde“. Das war schon immer so. Und das bin ich selber auch. Wenn irgendwas ausbricht, eine Regierungskrise, ein neuer Kanzler, ein Erdbeben, ein Attentat, wie es in Wien war, dann ist das Adrenalin ganz oben, dann stehen wir an vorderster Front. Das ist auch unser Privileg: als erste hinschauen dürfen. Insofern müssen wir natürlich schon auch aufpassen, dass man abseits der großen Spektakel nicht die kleinen Geschichten übersieht, das, was sich zwischenmenschlich tut.

Ist es heute stressiger als früher?
Salomon:
Ich glaube, der Stress ist einfach ein anderer geworden. Stressig war der Job schon immer, und das ist ja auch das, was Spaß macht.

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