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Kultur Medien
12/04/2019

Ernst Gelegs: "Orbán ist Garant meines Arbeitsplatzes"

Der ORF-Korrespondent im Gespräch über Pressefreiheit und Joballtag in Ungarn.

von Nina Oberbucher

Hierzulande hört man meist nur von den großen Umwälzungen in Ungarn. Erst vor wenigen Tagen berichteten die wenigen verbliebenen kritischen Medien von Anweisungen, denen Journalisten der ungarischen Nachrichtenagentur MTI Folge zu leisten hätten: So sollen etwa Meldungen von NGOs wie Amnesty International ignoriert werden, ebenso wie kritische Berichterstattung über Ungarn in der internationalen Presse.

„Ich habe schon bemerkt, dass ungarische Journalisten die Schere im Kopf haben, vor allem im öffentlich-rechtlichen Bereich“, erzählt Ernst Gelegs im Gespräch mit dem KURIER. „Fernsehen und Radio sind mittlerweile Propagandasender der Regierung. Und die Zeitungen, die von Oligarchen im Nahbereich der Regierung aufgekauft werden, berichten auch nichts, was (Ministerpräsident) Viktor Orbán nicht lesen will.“

"Nachhaken ist nicht möglich"

Gelegs ist seit 20 Jahren als Korrespondent für den ORF in Budapest. Wie andere Auslandsjournalisten habe auch er Schwierigkeiten, Interviews mit Regierungspolitikern zu bekommen. Immer öfter seien bei Pressekonferenzen in Ungarn gar keine Fragen mehr erlaubt. „Die Politiker geben ihre Statements ab, sagen ,Danke‘ und gehen. Wenn doch Fragen möglich sind und diese kritisch ausfallen, sagt der Politiker einfach, was er will. Das muss keine Antwort auf die Frage sein, ein Nachhaken ist dann aber nicht mehr möglich.“

Freunde der Regierungspartei Fidesz werden jedoch anders behandelt, sagt Gelegs: „Norbert Hofer war kurz vor der Nationalratswahl in Budapest. Der Kameramann von FPÖTV durfte überall hin und alles filmen. Wir haben eine fixe Position bekommen, wo rechts eine Säule war – also konnte der Kamermann nicht einmal zur Seite schwenken“, erzählt Gelegs von einem Pressetermin im Büro des Ministerpräsidenten. „Es gibt also nicht nur Message Control, sondern auch Picture Control.“

Ernst Gelegs wurde 1960 in Wien geboren, studierte Politikwissenschaften, Publizistik und Kommunikationswissenschaften. Gelegs kam 1980 zum ORF und war zunächst in der Radio-Sportredaktion tätig. Von Budapest aus berichtet er über Ungarn, Slowakei, Tschechien, Polen, Rumänien, Moldawien und Griechenland.

Kaum kritische Medien

Die meisten ungarischen Medien sind mittlerweile in regierungsfreundlichen Händen, fast 500 Medientitel wurden etwa im Vorjahr zu einer gemeinsamen Holding zusammengefasst. Die Tageszeitung Népszabadság wurde 2016 von einen Tag auf den anderen eingestellt, 2018 kam das Aus für das Blatt Magyar Nemzet.

Kritische Berichterstattung gibt es zwar nach wie vor, beispielsweise im Magazin HVG oder auf Internetplattformen, die Masse erreicht diese aber nicht. 80 Prozent der ungarischen Medien könne man mittlerweile als regierungsnahe bezeichnen.

Ähnliche Tendenzen

Gelegs ist nicht nur für Ungarn zuständig, sondern betreut von Budapest aus noch weitere Länder, darunter Rumänien und Polen. Dort beobachtet er ähnliche Entwicklungen wie in Ungarn. Warum es diese Tendenzen gibt? „Das Demokratieverständnis ist in Osteuropa ein anderes. In Westeuropa heißt es, die Mehrheit sollte die Minderheit schützen. In Osteuropa vernichtet die Mehrheit die Minderheit, weil sie davon überzeugt ist, dass ihr Denken das einzig Richtige ist“, erklärt Gelegs.

Kritisches Hinterfragen von Journalisten ist da nicht erwünscht. „Für Osteuropäer ist es wichtig, relativ rasch denselben Wohlstand zu erreichen, den man im Westen hat. Wenn eine Partei den Menschen das Gefühl gibt, schnell aufschließen zu können, werden sie diese auch wählen. Das sieht man in Polen sehr deutlich.“

Dort hat die rechtskonservative Partei PiS mit großzügigen Sozialversprechungen geworben. „In Ungarn gewinnt Orbán eine Wahl nach der anderen mit dem Thema Migration“, so Gelegs. „Es war offenbar ein einschneidendes Erlebnis für viele Ungarn, als 2015 tausende Menschen vor dem Budapester Ostbahnhof gewartet haben, um in die Freiheit zu kommen. Viele Ungarn haben damals zum ersten und letzten Mal einen Flüchtling gesehen.

"In den Spitälern muss man Klopapier selbst mitbringen"

Andere Themen gehen dabei unter: „Das Gesundheitssystem liegt beispielsweise mehr o­­der weniger in Trümmern, aber die Ungarn sind daran gewöhnt und bis jetzt ist noch jede Regierung daran gescheitert, eine sinnvolle Reform durchzuführen. Die Ärzte laufen davon­, in den Spitälern muss man Klopapier und Verbandszeug selbst mitnehmen, weil es diese Sachen dort einfach nicht gibt.“

Dass diese Missstände trotzdem nicht der Regierung angelastet werden, liege an der kommunikativen Strategie. „Es wird immer vor Flüchtlingen gewarnt und Orbán präsentiert sich dann als Beschützer der Nation. Ein funktionierendes Gesundheitssystem hat da wenig Platz.“

"Der ORF ist der ungarischen Regierung nicht wurscht"

Seine Berichterstattung für den ORF stößt in Ungarn auf wenig Begeisterung. „Der ORF ist der ungarischen Regierung nicht wurscht, weil relativ viele in Westungarn Deutsch sprechen und den ORF empfangen können. Deswegen wird gegen den ORF auch schärfer geschossen als gegen andere Medien.“

Ein früherer ungarischer Botschafter habe bei ORF-Chef Alexander Wrabetz Gelegs’ Abberufung gefordert, in Österreich gab es von FPÖ-Seite immer wieder Kritik an der Ungarnberichterstattung des Korrespondeten.

Gelegs sieht das gelassen: „Die Nähe zwischen FPÖ und Fidesz ist ja viel größer als zwischen ÖVP und Fidesz, auch wenn letztere zur Parteienfamilie der europäischen Volksparteien gehören. Deswegen ist die FPÖ bei meiner Ungarnberichterstattung besonders rasch in ihrem Urteil.“

Orbán ist ein Garant meines Arbeitsplatzes“, lacht Gelegs. „Es ist lange debattiert worden, ob man ein Korrespondentenbüro in Budapest überhaupt braucht. Seit Orbán regiert, gibt es diese Diskussionen nicht mehr.“