Fahri Yardim und Felix Kramer als ungleiches Ermittler-Duo in "Dogs of Berlin".

© Stefan Erhard/Netflix

Kultur Medien
12/10/2018

"Dogs of Berlin": Regisseur Christian Alvart im Interview

In der zweiten deutschen Netflix-Serie geht es um übermächtige Clans, korrupte Polizisten – und Hunde.

von Nina Oberbucher

Wer den Namen Christian Alvart liest, kann davon ausgehen, dass er es mit einer actionreichen Story zu tun bekommt: Der Deutsche hat u. a. bei den explosionsgewaltigen Hamburg-"Tatorten“ mit Til Schweiger sowie beim Kinothriller "Abgeschnitten" Regie geführt.

Und auch "Dogs of Berlin", nach "Dark" die zweite deutsche Serienproduktion für den Streamingdienst Netflix, ist keine beschauliche Angelegenheit. Alvart zeichnet als Autor und Regisseur verantwortlich.

Darum geht's in der neuen Netflix-Serie "Dogs of Berlin": Polizist Kurt Grimmer (Felix Kramer) ist zufällig vor Ort, als in einem Berliner Brennpunktbezirk eine Leiche gefunden wird: Es handelt sich um den deutsch-türkischen Fußballstar Orkan Erdem.

Am nächsten Tag sollte Erdem für die deutsche Nationalmannschaft gegen die Türkei spielen. Das hat ohnehin schon für Spannungen zwischen den beiden Nationen gesorgt, weswegen bei den Ermittlungen nun absolute Geheimhaltung gilt.

Weil Grimmer in der Vergangenheit durch Verbindungen zur Neonazi-Szene aufgefallen ist, wird ihm – wegen der besseren Optik – ein türkischstämmiger Kollege zur Seite gestellt: Erol Birkan (Fahri Yardim, der unter anderem in den Til-Schweiger-"Tatorten" mitspielt). Birkan ist seit Jahren dem organisierten Verbrechen in Berlin auf den Spuren. Der neue Fall führt ihn zu alten Bekannten.

Das ungleiche Duo muss bei rivalisierenden Clans, Drogenbanden und rechtsextremen Gruppen ermitteln. Immer wieder stolpern die beiden Polizisten über persönliche Altlasten. Und auch die Lage in der Stadt spitzt sich zu, als langsam immer mehr Informationen zum Tod von Orkan Erdem nach außen dringen.

In weiteren Rollen zu sehen sind Anna Maria Mühe, Kathrin Sass und Hannah Herzsprung. Die zehn Folgen von "Dogs of Berlinsind seit Freitag bei Netflix abrufbar. Regisseur Christian Alvart sprach im Interview mit dem KURIER über die Idee zur Story und erklärte, warum aktuell so viele Serien in Berlin spielen.

KURIER: Sie haben die Geschichte zu "Dogs of Berlin" schon vor Jahren geschrieben. Woher kam die Idee dazu?

Christian Alvart: Mir ging es da vor allem um die kulturelle Identität Berlins, die sehr zersplittert ist. Als ich als Frankfurter frisch hierher kam, ist mir das extrem aufgefallen. Man hat wahrscheinlich ein ganz anderes Leben, wenn man als Maximilian in Zehlendorf geboren ist oder als Mehmet in Neukölln oder als Kevin in Marzahn. Diese Ungerechtigkeit der menschlichen Geburt – in welche Familie, Religion oder Gesellschaftsschicht man geboren wird – hat mich schon immer beschäftigt. Über die verschiedenen Stadtteile, die ein ganz anderes Stadtbild haben, ist das sehr schön plastisch darstellbar.

Ursprünglich war ein Roman geplant.

Ja, aber ich habe ihn nicht vollendet. Nach zweieinhalb Kapiteln habe ich mich hingesetzt und das Buch für eine Pilotfolge geschrieben. Ich habe gemerkt, dass mich diese Bilder wahnsinnig interessieren. Ich dachte, das sind tolle Szenen und ich bin ja nun mal Filmemacher. Der Grund, warum ich keinen Spielfilm angefangen habe, war, dass ich die Geschichte für zu lang und zu komplex gehalten habe.

Damals, 2009, gab es auch noch nicht wirklich einen Abnehmer für Serien dieser Art. Dann habe ich einfach auf Verdacht geschrieben, weil ich der Meinung war: Das richtige Format ist die Serie. Und wenn ich das jetzt nicht machen kann, dann lege ich es in die Schublade. Genau das habe ich auch getan. 

Netflix hat auf der Suche nach Serienstoffen via Facebook-Nachricht Kontakt zu Ihnen aufgenommen. Ist die Arbeit sonst auch unkonventionell?

Ja (lacht). Auf jeden Fall. Netflix ist eine junge Firma, die rasant wächst, wo es ständige Veränderungen gibt und die sich gerade ihren Weg sucht. Ich finde diese Zeit in einer Firma sehr spannend, weil da noch sehr viel experimentiert wird. Es gibt noch nicht so verfestigte Gewissheiten und es macht Spaß, da Zaungast zu sein.

Also ist man bei Netflix freier?

Ja, aber ich habe bisher auch nicht so viel Unfreiheit empfunden bei meiner Arbeit, deswegen bin ich vielleicht der falsche für diese Frage. Natürlich ist man allein schon deswegen freier, weil man weiß, die Leute können sich das anschauen, wann sie wollen. Es gibt keinen Sendeplatz und der Jugendschutz läuft über eine PIN-Eingabe und nicht über die Uhrzeit. Das sind Sachen, die eigentlich wertneutral sind, aber doch ein bisschen den Kopf freimachen.

Die Geschichte muss international funktionieren. Wie sind Sie mit Kulturspezifika umgegangen?

Also rausgestrichen habe ich nichts. Man muss vielleicht mehr darauf achten, dass die Dinge intuitiv verständlich sind. Es muss nicht jeder wissen, wer die NSU ist, wenn sie angesprochen wird, aber man muss verstehen, dass das vielleicht eine rechte Terrorgruppe sein könnte. 

Und wie macht man das konkret?

Wir haben einfach überlegt: Ist über das Motiv, die Location, das Kostüm, die Körpersprache klar, was hier gerade verhandelt wird? Und wenn nicht, kann man vielleicht einen Journalisten in der Serie eine Frage stellen lassen und darüber etwas erklären. Wir haben uns natürlich Gedanken gemacht, aber ich glaube, die Änderung von national zu international liegt im Bereich von ein bis zwei Prozent. 

Wie haben Sie zu Clans und organisiertem Verbrechen recherchiert?

In "Dogs of Berlin" kommen ja verschiedene Milieus vor. In manchen habe ich mich schon öfter bewegt, beim Schweiger-"Tatort" zum Beispiel oder auch bei meinen Spielfilmen. Ich habe viele Kontakte bei der Polizei, wir haben uns bei der Entwicklung aber auch mit Reportern getroffen. Mit der Zeit sind Sozialarbeiter zum Autorenteam gestoßen und es wurden Leute besetzt, die vielleicht in der Verwandtschaft oder Bekanntschaft solche Kontakte haben. Dadurch hat sich das dann immer mehr authentifiziert, wir haben die Sprache angepasst und Geschichten aus dem realen Leben übernommen.

Haben Sie auch echte Clan-Mitglieder getroffen?

Also nicht, dass ich wüsste (lacht).

Sie haben gerade die "Tatorte" mit Til Schweiger angesprochen, in denen es auch um Clans geht. Woher kommt Ihr Interesse für diese Thematik?

Das hat mit der Ausgangsidee des Schicksals zu tun: Inwieweit sind wir Sklaven unseres Umfelds, unserer Geburt und wie frei sind wir wirklich? Das ist eine interessante Frage, die man am besten verdeutlicht, indem man sich kontrastierende Milieus anschaut. In ihren Codes, Regeln und auch in der Mode unterscheiden sie sich. Auf der anderen Seite ist da das Bedürfnis der Menschen nach Zusammenhalt, Brüderlichkeit und Respekt, wo sich dann doch alle gleichen.

In "Dogs of Berlin" eskaliert der Konflikt zwischen diesen unterschiedlichen Gruppierungen. Man erfährt bereits in der ersten Folge, dass es am Ende zu Ausschreitungen kommt, dass "die Stadt brennt". Ist das eine Angst von Ihnen, dass so etwas wirklich passieren könnte?

Es ist so etwas wie eine Verdichtung, eine physikalische Übersetzung einer kulturellen und gesellschaftlichen Debatte, die in den offenen Gesellschaften gerade ziemlich radikal verhandelt wird. Und es kommt ja immer wieder vor, dass sich das entlädt: Jetzt gerade wieder in Frankreich. Was man in "Dogs of Berlin" sieht, ist realistisch, aber es muss in der realen Welt nicht passieren. Es versinnbildlicht etwas, was schon da ist – egal ob es physisch wird oder nicht. 

Was hat es mit den Hunden auf sich, die immer wieder auftauchen in der Serie?

Die Hunde stehen in erster Linie für die Straßenköter-Perspektive auf diese Stadt, die wir zeigen. Und es gibt am Ende der ersten Folge die Metapher von Kurt über den Hund (den er auf der Straße findet, Anm.): Wenn man sich anmaßt, den mit nach Hause zu nehmen, dann hat man sich ja nicht nur einen Hund ausgesucht hat, sondern für diesen eigentlich gottgleich ein Schicksal gewählt hat, was dieser den Rest seines Lebens haben wird. Diese Metapher fand ich als Hundebesitzer sehr stark, weil sie verdeutlicht, dass Hunde wirklich ganz abhängig sind. 

So wie die Menschen von den Umständen abhängig sind, in die sie geboren werden?

Genau. Bei den Menschen ist es natürlich sehr viel komplexer. Wir sind alle mit einem anderen Paket ausgestattet. Ich glaube, der Schlüssel, um besser miteinander umzugehen und auch besser streiten zu können, ist Empathie. Filme sind für mich die Kunstform der Empathie. Die Idee dieser Serie war es, verschiedene Schicksale und Lebensentwürfe von Menschen zu sehen und die mit Empathie nachzuerzählen. 

Ist die Geschichte für mehrere Staffeln ausgelegt?

Ich hätte Lust drauf und für mich war auch von Anfang an mehr gedacht als nur eine Staffel. Aber es hängt natürlich wie bei allen Stoffen und Serien davon ab, ob das Publikum auch Lust drauf hat. 

Warum spielen aktuell so viele Serien in Berlin?

Ich glaube, dass das individuelle Gründe sind, die jetzt zufällig aufeinandertreffen. "Babylon Berlin" spielt ja in den 20er Jahren und da war Berlin nun mal die Metropole. "Beat" ist in der Clubkultur angesiedelt und da ist Berlin auch eine Vorreiterstadt. Ich glaube nicht, dass in den nächsten Jahren nur noch Berlin-Serien kommen. Die Leute werden wieder neue Orte erforschen. 

Zur Person:

Christian Alvart wurde 1974 in Hessen geboren. Er führte bei Filmen wie "Fall 39" mit Renée Zellweger, den Hamburger "Tatorten" mit Til Schweiger und Fahri Yardim sowie bei "Abgeschnitten", der Verfilmung des Romans von Sebastian Fitzek und Michael Tsokos, Regie.

Aktuell arbeitet Alvart an einem Film (Arbeitstitel "Sumpfland"), der in Mecklenburg-Vorpommern spielt: Es geht um einen Serienmörder, der nach der Wiedervereinigung sein Unwesen treibt, angelehnt ist die Handlung am spanischen Thriller "Marshland". Außerdem plant Alvart eine Realverfilmung der Zeichentrickserie "Captain Future".

eine Newsletter Anmeldung Platzhalter.

Wir würden hier gerne eine Newsletter Anmeldung zeigen. Leider haben Sie uns hierfür keine Zustimmung gegeben. Wenn Sie diesen anzeigen wollen, stimmen sie bitte Piano Software Inc. zu.