Kultur
01.12.2017

Netflix-Serie "Dark": Kein "Tatort" im Serienformat

Der US-Streamingdienst Netflix bringt heute, Freitag, seine erste in Deutschland produzierte Serie auf den Weltmarkt.

Netflix, der US-Streaminganbieter, der weltweit bereits über 100 Millionen Abonnenten zählt, präsentiert seine deutsche Serie. Endlich. Muss man hinzufügen, denn lange hat es gedauert, bis die Verantwortlichen den "richtigen" Stoff gefunden haben. Während Amazon Prime den Thriller "You Are Wanted", Sky die 20er-Jahre-Krimigeschichte "Babylon Berlin" in Deutschland in Auftrag gab, setzt Netflix auf die Mystery-Serie "Dark", von der nun zehn Folgen abrufbar sind.

Ins Rollen brachte alles "Who Am I", ein Film von Baran bo Odar (Regie) und Jantje Friese (Drehbuch), der den Netflix-Verantwortlichen so gut gefallen hat, dass sie eine Serie davon in Auftrag geben wollten. "Aber darauf hatten wir keine Lust, sagt Jantje Friese im KURIER-Interview, "denn wir hatten mit der Hackergeschichte längst abgeschlossen." Man habe danach "Dark" vorgeschlagen, "eine Geschichte, die wir bereits seit einiger Zeit in der Schublade liegen hatten. In der ursprünglichen Fassung gab es noch keine übernatürlichen Elemente, die sind erst später dazugekommen. Sie stammen von einer Kino-Trilogie, an der wir zeitgleich gearbeitet haben." Die Zusammenführung dieser beiden Geschichten wäre ein Glücksfall gewesen, so Friese, mit dem man auch Netflix voll und ganz überzeugen konnte. Der US-Konzern wollte eine Geschichte, die es so noch nicht gibt. "Etwas Eigenständiges", sagt Friese.

Das sei ihr und ihrem Mann Baran bo Odar auch sehr entgegengekommen, denn beide wollten keinen "Tatort" in Serienformat produzieren.

Atom

"Dark" spielt in Winden, einem beschaulichen Kaff, das eingebettet in einen Märchenwald idyllische Ruhe ausstrahlt. Aber vor lauter Bäumen sieht man das nahe Atomkraftwerk nicht, das mit rauchenden Kühltürmen eine bedrohliche Atmosphäre ausstrahlt: Tschernobyl lässt grüßen! Hinzu kommen konstant schlechtes Wetter, jede Menge rätselhafter Ereignisse und eine dunkle Höhle, in der Kinder verschwinden.

Bei der Kombination aus Kindern, die plötzlich wie vom Erdboden verschluckt sind und Mystery denken jetzt wohl viele an die erfolgreiche US-amerikanische Science-Fiction-Mysteryserie "Stranger Things" oder "OA", zwei Netflix-Produktionen, die tatsächlich in eine ähnliche Kerbe schlagen.

Als deutsche Antwort auf "Stranger Things" sehen es Baran bo Odar und Jantje Friese aber nicht. Außerdem sei das Grundgerüst des Drehbuchs von "Dark" bereits fertig gewesen, als die erste Staffel von "Stranger Things" veröffentlicht wurde. Die dennoch existierende Ähnlichkeit zur US-Serie ist also reiner Zufall. Außerdem sei "Dark" im Kern ja auch keine Horrorgeschichte, sondern ein Familiendrama: "Warum werden Menschen zu dem, was sie sind? Wir bewegen uns im Rahmen der Geschichte in drei Zeitfenstern – in den 50ern, 80ern sowie im Jahr 2019 – und können uns somit ein gutes Bild davon machen, wie sich Personen im Laufe der Jahre verändern. Wenn man dazu die Komponente Zeitreise addiert, ergeben sich wahnsinnig interessante Handlungsspielräume", sagt Friese.

Diese "Handlungsspielräume" werden bei "Dark" mit unterschiedlichen Storylines und Protagonisten gefüllt. Da wäre etwa der fremdgehende Polizist ( Oliver Masucci), seine unnahbare Kollegin (Karoline Eichhorn), die fürsorgliche Schuldirektorin (Jördis Triebel). Und Jonas (Louis Hofmann), ein pubertierender Teenager, dessen Vater sich vor einigen Wochen aus unbekannten Gründen das Leben genommen hat. Die Einführung in die Geschichte kann für die eine oder andere Verwirrung sorgen. Aber bis zum Ende der dritten Folge sollte alles ein bisschen klarer sein. Davor heißt es: durchhalten!

Nena-Dauerschleife

Nach zwei Folgen wird Tempo angezogen und mit einem Erzählsprung in die Achtzigerjahre ein übernatürliches Moment in die Geschichte eingebracht: So wird ein gefesseltes Kind eingeblendet, dem in Dauerschleife Nenas Song "Irgendwie, irgendwo, irgendwann" vorgespielt wird. Armer Bub!

"Ich habe als Zuseher, als Konsument schon lange nach so einer Mystery-Geschichte Ausschau gehalten", sagt Oliver Masucci im KURIER-Interview, der sich als Schauspieler mehr Abwechslung im deutschsprachigen Fernsehen wünscht. Ähnlich sieht das seine Kollegin Karoline Eichhorn: "Als Schauspielerin möchte ich gute Geschichten erzählen, Charaktere darstellen, die nicht eindimensional sind. Beim deutschen Fernsehen ist das oft nicht gegeben."

Dass "Dark"zur Abwechslung einmal kein Krimi sei, darüber ist Karoline Eichhorn überglücklich. Denn sie habe schon lange keine Lust mehr auf Krimis. "Hierzulande hat man als Schauspieler und Zuseher ja oft nur die Auswahl zwischen einem Krimi und einer Herz-Schmerz-Romanze. In der deutschen Fernsehlandschaft wird leider oft eindimensional gearbeitet. Mit dem Ergebnis, dass sich immer mehr Menschen vom Fernsehen abwenden und auf Streamingplattformen wie Netflix ausweichen." Für Masucci bringen neue Player wie Netflix frischen Wind in die Branche, sorgen für mehr Auswahl und Qualität auf den Markt. "Die öffentlich-rechtlichen und privaten Fernsehanstalten müssen nachziehen, darauf reagieren, was wiederum die deutschsprachige Filmlandschaft positiv beeinflussen wird", sagt Masucci.

Geisterbahn

Optisch ist "Dark" gelungen. Gedreht wurde mit einer Alexa 65, einer enorm hochauflösenden Kamera mit extremer Tiefenschärfe. Ähnlich scharf klingen die Sounds: Kaum bahnt sich so etwas wie Spannung an, fliegen einem wuchtige Sub-Bässe und Geisterbahnsounds um die Ohren. Durchaus anstrengend. Messen will sich die erste deutsche Netflix-Produktion mit dänischen Serien wie "The Killing". "Wenn man auf diesem Level wahrgenommen wird, wäre das ein Erfolg", sagt Jantje Friese. Sollte das klappen, steht einer Fortsetzung wohl nichts im Wege.

Info

Staffel eins von "Dark" – ab heute, Freitag, bei Netflix. Die Titelmusik stammt von der österreichischen Musikerin Anja Plaschg alias Soap & Skin.