Terra Maters "The Bastard King" ist ein Experiment, bei dem die Grenzen zwischen Dokumentation und Spielfilm völlig verwischen.

© Terra Mater Factual Studios

Interview
11/09/2021

"Corona könnte dann nur ein kleiner Vorbote gewesen sein"

Seit zehn Jahren produzieren die Terra Mater Factual Studios Natur-Filme für den globalen und regionalen Markt. Ein Jubiläum im Zeichen von Pandemie und Klima-Krise

von Christoph Silber

Walter Köhler, Gründer von Terra Mater Factual Studios, und Co-Geschäftsführerin Dinah Czezik-Müller über die Doku-Produktion in Pandemie-Zeiten, investigative Projekte, einen weiblichen David Attenborough und die Rückständigkeit der Film-Förderung in Österreich.

Das Jubiläumsjahr für Terra Mater Factual Studios stellt für Euch als global produzierendes und agierendes Produktionsunternehmen wohl vor extreme Herausforderungen?

Walter Köhler: 2021 war zum Produzieren sogar etwas einfacher als das Vorjahr – der erste Lockdown war hingegen wirklich schwierig für uns. Trotzdem ist es schon damals gelungen, eine komplette Produktion im weltweiten Lockdown umzusetzen, die international vielfach ausgezeichnet wurde ("Corona – Das Virus und das Pangolin", Anm.). Was uns in dieser Situation ganz grundsätzlich geholfen hat und auch weiterhin hilft, ist, dass wir schon vor mehreren Jahren begonnen haben, auf Green Producing umzustellen.

Wie meinen Sie das?

Köhler: Die meisten CO2-Emissionen, die wir dem Planeten antun, entstehen durch Reisetätigkeit im Verlauf einer Produktion. 70 Prozent unseres Fußabdrucks – früher war es noch mehr – geht auf das Konto des Flugverkehrs. Wir haben darauf so reagiert, dass wir unsere Teams massiv internationalisiert haben. Bei vielen Produktionen schicken wir inzwischen nur mehr die Regie vor Ort, und alle anderen Positionen werden regional besetzt. Da können wir auf unser Netzwerk setzen. Das hat mehrere Vorteile: Der CO2-Abdruck ist deutlich geringer, wir profitieren vom lokalen Knowhow und sind in Pandemie-Zeiten flexibler. Natürlich gab es auch Produktionen, die wir pausieren mussten wie etwa eine Kino-Produktion über in Russland gefangen gehaltene Orcas, die für China bestimmt sind. Diese Produktionen sind inzwischen aber bereits in Fertigstellung. Die tatsächlichen Herausforderungen liegen im Bereich der Finanzierung und der Partner-Suche. Da stößt man mit der ausschließlich digitalen Kommunikation an Grenzen.

Es sind wieder die Programm-Messen wie etwa jene in Cannes gestartet. Hilft das?

Köhler: Für eine Normalisierung der Situation ist es noch zu früh. Ich gehe von der großen Trendwende erst im nächsten Jahr aus. Für den Naturfilm wichtig wird das Jackson Wild Film Festival, das 2022 in Österreich, erstmals außerhalb der USA, stattfinden wird. Da rechne ich mit mehr als 1000 Teilnehmern, weil es einfach Aufholbedarf gibt – sowohl was Gespräche, als auch was das Produktionsgeschäft betrifft. Ich war vor mehr als 30 Jahren einer der Mitbegründer des Festivals, das immer stärker dem Conservation-Gedanken, also dem Naturschutz, Rechnung trägt. Wichtig ist deshalb bei der Organisation die Nähe zu einem Nationalpark, aber auch die entsprechende Infrastruktur. Das ist mit dem Neusiedler See - Seewinkel Nationalpark, dem nahen Flughafen und der Großstadt Wien gegeben.

Hat diese Phase der Einschränkungen durch die Pandemie etwas mit dem Naturfilm selbst gemacht? Hat das den Fokus verschoben?

Köhler: Der Trend zum Green Producing, wie von uns schon praktiziert, hat sich extrem verstärkt. Man kann ja nicht mehr so tun, als wäre nichts gewesen und einfach in allem zurückkehren auf den Stand vor der Pandemie. Was sich auch verändert hat ist, dass das Thema Conservation nun besser im Fernseh-Markt unterzubringen ist. Das war – abgesehen von unseren erfolgreichen Kinofilmen „Sea of Shadows“ und „Ivory Game“ – bisher fast ein Unwort, da wollten Sender nicht hingreifen. Das ist besser geworden, weil man nicht mehr darüber hinwegsehen kann, dass mit der Natur und damit mit uns etwas passiert. 

Dinah Czezik-Müller: Ich glaube, dass Corona uns zum Menschsein zurückgebracht hat. Der Virus hat uns ja auch mit einer Situation konfrontiert, in der wir nicht wussten, wie damit umgehen. Es hat den Mythos der Beherrschbarkeit der Natur ins Wanken gebracht. Es hat aber auch deutlich gemacht, wie wichtig ein soziales Umfeld und eine möglichst heile Umwelt ist - und dass man immer noch was dafür tun kann und muss.

Köhler: Ich habe allerdings große Bedenken, dass in einer nächsten Stufe Klimawandel-Leugner zum Kampagnisieren beginnen und über Wissenschaftlichkeit und Zumutbarkeiten zu diskutieren begonnen wird. Da wird es dann wirklich schwierig. Die Corona-Pandemie könnte dann nur ein kleiner Vorbote gewesen sein im Vergleich zu dem, was durch und in der Klima-Krise auf die Menschheit zukommt. Und keiner kann hier sagen, man hätte nichts gewusst, nichts tun können. Die Klima-Krise ist ein brennendes Thema, auch für den Naturfilm.

Zum Jubiläum: Die Terra Mater Factual Studios in Wien sind weltweit relevant, Eure Produktionen haben alle möglichen wichtigen Preise gewonnen. Was soll noch kommen – außer vielleicht ein Oscar?

Köhler: Wir haben fraglos mehr erreicht, als uns Kritiker vor zehn Jahren zugetraut haben, als wir nach dem Schritt raus aus dem ORF Terra Mater angegangen sind. Dass wir im Naturfilm breit diversifizieren wollen, dass wir vom Fernsehen auf die große Leinwand wollten, gehörte schon zum Gründungsgedanken. Was unsere großen Filme aber bereits bewirken konnten, das ist für uns als Produktionsfirma schon sehr befriedigend. Und damit meine ich nicht Auszeichnungen. Wenn ich bedenke, dass unser nächster Film, ein IMAX-Film über die amerikanische Arktis, es geschafft hat, 6,8 Millionen Unterschriften gegen Ölbohrungen in bisher unberührten Gebieten der Arktis an den US-Senat zu generieren und zwischenzeitlich Gesetze über deren Ausbeutung geändert wurden, dann ist das einfach gewaltig. Dahinter steht natürlich eine entsprechend aufgebaute Social Media-Kampagne, die, ohne dass der Film bereits gestartet wäre, durch die Decke ging. Bis jetzt hat es nur einige wenige Screenings gegeben, in den USA wird der Film nun mit eineinhalbjähriger Verspätung im April 2022 in die dann wieder offenen IMAX-Kinos kommen.

Czezik-Müller: Die Entwicklung unseres YouTube-Kanals bestätigt uns ebenfalls in unserer Impact-Arbeit. Mittlerweile haben mehr als 36 Millionen Menschen weltweit unsere Videos gesehen. Das ist eine Zahl, die für uns unvorstellbar war. Es gibt eine sehr engagierte Community, ob Abonnenten oder nicht, die diese Beiträge schätzen, in denen es u.a. um Conservation geht, in denen viel erklärt und auch gezeigt wird, was man tun kann.  Uns wiederum führt das vor Augen, dass man sehr wohl etwas bewegen kann. Wichtig ist YouTube für uns auch deshalb, weil wir hier sehr viel direktes Feedback vom Endkunden, also von den Zusehern bekommen.

Köhler: Knapp 350.000 Abonnenten auf YouTube in kurzer Zeit, das macht uns stolz. Es zeigt uns aber auch, dass Science Communication in Europa immer noch viel zu klein geschrieben wird. Auch hier haben wir mit den Terra Mater Labs nun Schritte gesetzt.

Geht es da um Wissenschafts-PR als weiteren Geschäftszweig?

Czezik-Müller: Nein, es geht darum, Wissenschaft sozusagen bekömmlich für Menschen zu machen, die nicht Teil des Wissenschaftsbetriebs sind, ob das nun Journalisten oder einfach nur Interessierte sind. Storytelling ist das Kern-Geschäft der Terra Mater Factual Studios, dieses Knowhow versuchen wir hier in die Kommunikation von Wissenschaft einzubringen, um sperrige Themen so aufzubereiten, so dass sie nicht nur verstanden werden, sondern auch darüber hinaus wirken können.

Köhler: Wir hatten beispielsweise CERN-Wissenschaftler im Rahmen eines Kurses bei uns, denen wir vermittelt haben, wie man auftreten muss, um verstanden zu werden. Das war so erfolgreich, dass das CERN in der Folge an uns herangetreten ist, es bei der Kommunikation über ihr größtes Projekt, die Nachfolge des Teilchenbeschleunigers LHC in Genf, zu unterstützen. Das soll vier Mal so groß werden wie das bisherige, hat einen jahrzehntelangen Vorlauf und es geht letztendlich dabei um die Entstehung und Beschaffenheit der Welt. Es geht aber auch darum, diese Nobelpreisschmiede überhaupt in Europa zu halten.    

Czezik-Müller: Bei diesem Projekt sprechen wir von einer Bauzeit von 60 Jahren, es ist also ein Generationen übergreifendes Projekt von einer kaum vorstellbaren Dimension. Die Arbeit mit dieser jungen Wissenschaftselite ist extrem spannend, und ihnen die Kommunikationstools zu geben, wie sie ihr jeweiliges Gegenüber in Politik, Gesellschaft, Wirtschaft abholen können, um gehört und verstanden zu werden, ist ein ganz wichtiger Aspekt.

Heißt das, Ihr forciert auch eine Art Ausbildungsschiene?

Czezik-Müller: Terra Mater Factual Studios und die Satel Film haben das International Screen Institute (ISI) mit Sitz in Wien gegründet. Ziel ist die Förderung der Aus- und Weiterbildung in der Branche und der Know-how-Transfer über Genres und Grenzen hinweg. Das ist eine Initiative, die einen internationalen Ansatz hat, und es geht hier auch um die Förderung und Vernetzung von Talenten. Die vergangenen Monate haben ja vor Augen geführt, dass es hier einen großen Bedarf gibt. Natürlich stehen auch hier Klima und Nachhaltigkeit über Generationen hinweg im Fokus.

Köhler: Pandemiebedingt wird der erste Kurs erst im kommenden Jahr über die Bühne gehen. Wir haben die Zeit der Beschränkungen aber genutzt für die Aufbauarbeit, die unter diesen Bedienungen nicht einfach war.  

Als nächstes Groß-Projekt fürs Kino geplant war jenes über den Tierhandel am Beispiel von Orcas, wo sich auch Russlands Präsident Vladimir Putin eingeschaltet hat. Wann soll dieser Film kommen?

Köhler: Wenn alles klappt, dann könnte der Film beim Sundance Festival Premiere feiern, das Mitte Jänner stattfindet und von wo uns Interesse signalisiert wurde. Dieses Projekt hat sich sehr spannend entwickelt, weil uns tatsächlich China offiziell eingeladen hat, dort zu drehen. Da tut sich also wieder etwas, wie das auch schon bei "The Ivory Game" über den illegalen Elfenbein-Handel der Fall war. Dieses große, mächtige Land registriert, dass es Besseres gibt, als 130 Aquarien zu eröffnen, um dort Orcas einzusperren. China hat bereits konkrete Aktionen gesetzt: zum Beispiel Wale befreit und nach Island geflogen. Was eine schräge Komponente ist: Dieser Film war, wie seine Vorgänger, als Investigativ-Arbeit angelegt. Das ist nicht mehr so, weil sich selbst jene, die sozusagen fürs "Böse" stehen, gemeldet haben, um ihre Sicht der Dinge darzulegen. Wir mussten deshalb nie mit versteckter Kamera arbeiten, haben aber trotzdem alles mitbekommen, was läuft. Das war faszinierend.

China und Umweltschutz, das bekommt man im Kopf nur schwer zusammen.

Köhler: Dort wird schon einiges versucht. Das Problem ist der Zugang zu Bildung von vielen Chinesen. Was das Thema des Films angeht, wachsen die chinesischen Kinder sozusagen in den 1960er Jahren auf, als Seaworld in Bezug auf die eingesperrten Orcas und Delfine noch der Welt erklären konnte, dass es denen super geht.

Seid Ihr weiterhin im Investigativ-Bereich tätig?

Köhler: Es gibt einen Film, der an sich fürs Fernsehen gedacht ist. Darin geht es um Orang-Utan-Babys, die ihren Müttern brutal entrissen werden, um zum Beispiel im Tourismusbereich in Thailand zu arbeiten. Wie Boxer angezogen, werden sie in Wildlife-Parks vor begeisterten Touristen in einen Ring gestellt. Dass diese Tiere hinter den Kulissen meist gequält werden und ein unwürdiges Leben fristen müssen, wissen die wenigsten.

Czezik-Müller: Die Dokumentation zeigt sehr eindringlich, dass es noch unendlich viel zu tun gibt, um hier Bewusstsein zu schaffen.

Was sind die weiteren großen Projekte?

Köhler: Das jüngste, das nun fertig für die weltweite Verwertung ist, ist "The Bastard King", eine sehr besondere Geschichte eines Löwen. Damit hatten wir im Vorjahr schon in Frankreich auf Canal+ einen Probelauf mit hervorragenden Quoten und sehr viel Berichterstattung. Die Kritiker von Le Monde, Figaro und Parisien haben alle den Film mit fünf Sternen ausgezeichnet. "The Bastard King" ist ein Experiment, bei dem die Grenzen zwischen Dokumentation und Spielfilm völlig verwischen. Das heißt, es basiert der Film auf einem Buch, das fiktional ist, aber alle Bilder sind wahrhaftig.

Ihr hattet ja auch den Plan für eine fiktionale Highend-Serie?

Köhler: "Rogue" ist im Grunde die Fortsetzung dessen, was wir mit unserer bisherigen Arbeit begonnen haben. Es geht um Wildlife-Crime. In diese fiktionale Serie wird alles eingearbeitet, was wir über das organisierte Verbrechen in diesem Bereich wissen, aber nicht mehr drehen konnten, weil wir sonst schlicht nicht zurückgekommen wären. Wir sind gerade an der Finanzierung dran. Das Vorbild ist "Narcos", die bekannte Netflix-Serie über die Drogenkartelle.

Ein hoher Anspruch.

Czezik-Müller: Deshalb muss man sich sehr genau überlegen, mit wem man in ein solches Abenteuer geht. 

Köhler: Es ist jedenfalls eine typische Streamer-Geschichte, die hochwertig produziert werden soll. Da braucht es also jemanden, der sich das traut und auch die Erfahrung hat. Wildlife-Crime ist ein gigantischer Markt und funktioniert im Grunde genauso wie der Drogenhandel. Das geht Hand in Hand. Es gibt keinen, der Wildlife-Crime begeht, der nicht auch im Drogen-, Waffen- und Menschenhandel betreibt. Nur hat Wildlife-Crime ein wachsende Gewinn-Marge.

"Terra Mater" ist seit Anbeginn auch eine Sendungsmarke bei ServusTV, immer mittwochs, 20.15 Uhr. Wie geht es hier weiter?

Czezik-Müller: Hier stehen wir im nächsten Jahr vor einem großen Wechsel – wir werden erstmals mit einem Presenter arbeiten.

Köhler: Wir setzen dabei auf eine Frau aus dem eigenen Team: Birgit Peters, selbst Naturfilmerin, hat im Frühjahr bereits die Sendung zum 10-Jahrs-Jubiläum von Terra Mater auf ServusTV präsentiert. Das war sozusagen ein Testballon, der von den Zusehern sehr positiv angenommen wurde. Wir werden im nächsten Jahr mehrere Eigenproduktionen mit ihr für den deutschsprachigen Markt machen. Birgit war eben erst in Wales und in Griechenland für eine mehrteilige Serie über "Unser Mittelmeer“. Kaum daheim geht es für sie diese Woche nach Hamburg, wo sie die wilden Seiten der Großstadt zeigen wird. Peters soll dem Zuseher helfen, Dinge besser einzuordnen – ein junger, ein weiblicher David Attenborough eben.

Ein ungewöhnliches Genre für die Terra Mater Factual Studios ist die angekündigte Verfilmung des amüsanten Bestsellers "Hummeldumm" von Tommy Jaud.

Köhler: Tommy Jaud schreibt selbst das Drehbuch – und zwar in Wien, weil er sich so in unsere Stadt verliebt hat. Da ich mir nicht vorstellen kann, dass wir vor September/Oktober 2022 in Namibia drehen können, liegen wir auch richtig in der Zeit. Namibia wurde ja von Covid wirklich sehr hart getroffen. Dazu kommen brutale wirtschaftliche Auswirkungen auch für jene, die vielleicht eine Impfung ergattern konnten. Auch deshalb wollen wir unbedingt an den Originalschauplätzen dieser ungewöhnlichen und witzigen Reisegeschichte drehen, um wenigstens für ein paar Wochen einen wirtschaftlichen Impuls dort zu setzen.

Wie sieht es im Naturfilm-Bereich mit der Relevanz von Streaming aus?

Köhler: Im Moment ist sehr viel Bewegung im Markt. An Curiosity Stream liefern wir bald die erste Großserie ab, eine der teuersten Produktionen, die wir je gemacht haben: "Alien Worlds" ist ein großer aufwendiger Dreiteiler über die Welt der Insekten. Auch einer unserer Feature Docs gehört dazu, der wohl in Richtung Netflix gehen wird. Auch im Factual Entertainment-Bereich unter Nina Steiner haben wir Formate entwickelt, mit denen wir etwas in die Fiction abbiegen werden. Aber im Moment muss man den Markt sehr genau beobachten, denn die Streaming-Anbieter regionalisieren immer stärker – teilweise passiert das auch auf Druck der EU. Auf der anderen Seite müssen – das spürt man insbesondere auf dem deutschen Markt – die linearen Sender sich etwas einfallen lassen, insbesondere die werbefinanzierten. Sonst wird die Situation auf dem Publikumsmarkt irgendwann gänzlich zu Gunsten der Streamer kippen. Das hat man verstanden, meine ich, so wie sich etwa gerade RTL neu aufstellt.

Ein Blick in die nahe Zukunft: Lässt sich mit Quoten-Vorgaben für europäische Produktionen, wie sie von der Brüsseler Kommission für Streamer geplant sind, tatsächlich auch etwas bewirken?

Köhler: Bislang gibt es die nur in Frankreich, wo ich auch einige Produzenten kenne – die kommen aus dem Freuen gar nicht mehr raus. Mal schauen, ob es da auch irgendwo einen Haken gibt. Aber dergleichen gibt es jetzt etwa auch in Kanada. Die haben zudem ein tolles Fördersystem. Wenn da Netflix nichts tut, verlieren sie den Markt, so simpel ist das. Ich denke, da wird etwas in Europa kommen – auch weil es den Streamern damit im Grunde ganz gut geht.

Czezik-Müller: Es ist ja auch das Nutzer-Verhalten ein anderes geworden ist. Was früher den nordeuropäischen Ländern vorbehalten war, dass man angloamerikanische Serien mit Untertiteln schaut, kommt auch bei uns zunehmend. Gleiches gilt auch umgekehrt – deutschsprachig ist kein Ausschlussgrund. Diese Entwicklung wird vor allem von den Streamern getragen. Was inzwischen ebenso verstärkt gemacht wird, ist, dass lippensynchronisiert wird und das für eine Vielzahl an Sprachen. Das war vor kurzem noch unvorstellbar.

Ein Thema, bei dem es in Österreich schön langsam tatsächlich eng wird, ist die Fördersituation und auch die Frage von Tax-Incentives, also Steuer-Erleichterungen bei entsprechenden Investitionen. Da ist nichts von der Bundesregierung zu hören. Spielt das für Euch als Doku-Produzenten überhaupt eine Rolle?

Köhler: Natürlich, würden die Rahmenbedingungen passen, würden mehr ausländische Produzenten in Österreich produzieren. So einfach ist das – nicht nur für uns.  

Czezik-Müller: Das einzige, was fix ist in einer Welt, in der nix fix scheint ist, dass die Kosten steigen. Darauf müssen Produzenten reagieren. Die Zukunft liegt in der Co-Produktion. Dafür sind Standort-Incentives entscheidend. Damit kann man Geld von draußen ins Land hereinholen.

Köhler: Wir haben eine Serie produziert, da hatte Kanada einen Finanzierungsanteil von 50 Prozent. Dabei ist Kanada jetzt nicht unbedingt das riesen Land. Beispiel Südafrika, dort geht der Anteil bis zu 45 Prozent. Oder auch in der nächsten Nachbarschaft mit Ungarn und Tschechien, Italien oder auch Luxemburg, Malta. Österreich ist da nicht konkurrenzfähig oder, um noch deutlicher zu werden, Österreich ist rückschrittlich und ich verstehe nicht warum.

Können Sie das erläutern?

Köhler: Es geht etwa um den Umgang mit Streaming-Anbietern bei Förderungen. Hätte man als österreichischer Produzent ein Projekt, zu dem Netflix 80 Prozent beisteuert, zählen hierzulande die 80 Prozent einfach nicht – das muss doch jemanden an den Hebeln auffallen, dass solche Regeln aus der Zeit gefallen sind. Da geht es ja nicht um Geld, das verschenkt, sondern das investiert wird. Da geht dem Land viel Geld verloren.

Czezik-Müller: Man muss da einen deutlichen Aufruf an die Politik machen, einen Weckruf, die Streaming-Anbieter endlich miteinzubeziehen. Das ganze bisherige System ist von der technologischen Entwicklung und der bei den Konsumenten längst überholt worden. Dass in Österreich eine Netflix-Finanzierung nicht wie die eines TV-Senders eingestuft wird, ist nicht mehr auf der Höhe der Zeit. Da muss ziemlich schnell etwas passieren, soll der Produktionsstandort Österreich nicht von der Landkarte verschwinden. Nachdenken muss man auch über die Verwertungskette bzw. Sperrfristen bei Kino-Produktionen. Wir haben z. B. überall sonst einen zeitgleichen Release von „Sea of Shadows“ – nur im deutschsprachigen Raum nicht. Wenn National Geographic einen weltweiten Release macht und der deutschsprachige Raum ist eben nicht dabei, sondern kommt mit Zeitverzögerung, dann geht der ganze Marketingdruck verloren. Das ist sicher allen bewusst, da aber Änderungen in Gang zu bringen, um die Realität abzubilden, das dauert bei uns in Österreich einfach zu lange.

Das Jubiläum

Walter Köhler, zuvor u. a.  Leiter der ORF-Reihe „Universum“, gründet 2011 die Terra Mater Factual Studios in Wien. Man fokussiert auf die Produktion und Distribution von Dokumentarfilmen für Kino, TV und Multimedia Plattformen. Zum Spektrum gehören inzwischen auch Spielfilme und fiktionale Serien sowie  Kommunikationsleistungen für die Wissenschaft

Das Unternehmen

TMFS ist ein Tochterunternehmen von Red Bull und mittlerweile eine Weltmarke des Naturfilms. Köhler führt es inzwischen mit Dinah Czezik-Müller, die sich als Chief Operating Officer um die wirtschaftlichen Belange kümmert und als Executive Producer u. a. hinter „The Ivory Game“ und „Sea of Shadows“ stand, allesamt und wie viele andere Produktionen von TMFS vielfach ausgezeichnet 

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