"Borat 2" läuft nicht im Kino, sondern ab 23. Oktober bei Amazon Prime Video

© Courtesy of Amazon Studios

Kritik
10/22/2020

Borat, verloren im heutigen Amerika: So ist die Fortsetzung des Kultfilms

Sacha Baron Cohen schlüpft in "Borat 2" erneut in die Rolle des schrulligen kasachischen Journalisten. Pünktlich zur US-Wahl.

von Nina Oberbucher

Man hat das vor Fremdscham schmerzhafte Filmerlebnis noch vor sich. 14 Jahre ist es her, dass der britische Comedian Sacha Baron Cohen sich erstmals als kasachischer Journalist Borat Sagdiyev auf große Reise in die "US and A" begab. Mit antisemitischen, rassistischen und sexistischen Aussagen brachte Borat seine Mitmenschen dazu, sich bloßzustellen: Ob aus Unwissen, Höflichkeit oder tatsächlicher Zustimmung - sie machten mit.

Der Film ist Kult - traf aber freilich nicht jedermanns Geschmack. Auch das offizielle Kasachstan war alles andere als begeistert.

Nun ist Borat zurück, ab 23. Oktober bei Amazon Prime Video, pünktlich vor der US-Wahl. Das Startdatum befeuerte natürlich Spekulationen über den Inhalt. Auch Meldungen, dass Borat im Sommer bei einem rechten Aufmarsch gesichtet worden war, schürten die Erwartung darauf, welche politisch brisanten Dinge man bei "Borat 2" zu sehen bekommen würde. Dass er gerade für Konservative ungemütlich werden kann, bewies Cohen in der Vergangenheit ja nicht nur mit Borat, sondern auch in der Serie "Who Is America?" (2018).

Die neue Melania

"Borat 2" startet vielversprechend und mit hohem Tempo. Ähnlich wie das offizielle Kasachstan hat auch die Film-Version des Landes keine große Freude mit Borat: Weil er die Nation vor aller Welt gedemütigt hat, wurde er ins Gulag gesteckt. Doch für einen besonderen Geheimauftrag schickt ihn das kasachische Staatsoberhaupt erneut nach Amerika. Borat soll als Zeichen der Wertschätzung einem Vertrauten von "McDonald Trump", nämlich Vizepräsident Mike Pence, ein Geschenk abliefern: einen Affen.

Aus unterschiedlichen Gründen klappt das mit dem tierischen Mitbringsel aber nicht, und so beschließt Borat, seine 15-jährige Tochter Tutar (gespielt von der bulgarischen Schauspielerin Maria Bakalova) zu verschenken. Die ist hoch erfreut darüber: Endlich würde sie die neue Melania werden.

In gewohnter Borat-Manier überschreiten die beiden alle erdenklichen Grenzen - manchmal zu zweit, manchmal zieht Tutar alleine los. So bestellen sie eine Torte mit der Aufschrift "Juden werden uns nicht ersetzen", was die Verkäuferin sogleich in die Tat umsetzt. Auch dem Wunsch, aus seiner Tochter doch ein für die Männerwelt akzeptables Geschenk zu machen, kommen Schönheitschirurgen wie Servicemitarbeiterinnen ohne Protest nach.

Andere Zeiten

Aber die ganz großen Schockmomente bietet "Borat 2" nicht mehr. Das liegt vielleicht auch daran, dass sich die Welt seit dem Vorgänger-Film weiterbewegt hat. Ersichtlich wird das zum Beispiel, als sich Borat bei zwei Verschwörungstheoretikern einnistet. Dass die beiden Anhänger von QAnon sind und behaupten, Eliten würden das Blut entführter Kinder trinken, erschreckt in einer Zeit, in der Prominente solche kruden Aussagen regelmäßig aus dem Paralleluniversum Telegram in die Welt hinaustragen, nicht wirklich.

Ähnlich ergeht es einem beim Finale, als Tutar es schafft, Trumps Rechtsanwalt Rudolph Giuliani als Journalistin getarnt zu einem Interview zu treffen. Dieses gipfelt in einer Szene in einem Hotelzimmer, in der Giuliani sich - wie er später gegenüber der Presse erklärte - lediglich das Hemd in die Hose stecken wollte ... Cohen sagte in einem Interview mit der New York Times, er wolle mit dem Film Frauen zum Nachdenken anregen, wen sie wählen. Ob die Szene mit Giuliani angesichts diverser Aussagen, die sich der amtierenden Präsidenten regelmäßig erlaubt, die gewünschte Schlagkraft haben wird, bleibt fraglich.

Meister des Fremdschämens

Dass die Umstände andere sind, merkte Cohen auch in dem New-York-Times-Interview an. "2005 brauchte es eine Figur wie Borat, die misogyn, rassistisch, anti-semitisch war, um die Menschen dazuzubringen, ihre heimlichen Vorurteile zu offenbaren", so Cohen. Mittlerweile habe der US-Präsident diese Aufgabe übernommen.

Mit dem neuen Film wolle Cohen die Gefahren eines autoritären Systems aufzeigen, die Menschen aber auch einfach zum Lachen bringen. Und letzteres gelingt dem Meister des Fremdschämens natürlich nach wie vor (etwa mit einer absurden Tanzeinlage bei einem Debütantenball). Zusätzlich wird der Film durch die Vater-Tochter-Geschichte um eine herzliche, wenn auch nicht zum Brüllen komische Komponente ergänzt. Vielleicht darf man sich aber nicht zu viel von Borat erwarten. Auf den aktuellen gesellschaftlichen Diskurs hat offenbar auch der kasachische Starjournalist nur begrenzt Antworten.

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