Armin Wolf ist in der Kategorie Information für die ROMY nominiert

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Kultur Medien
03/17/2019

Armin Wolf: "Beschimpft zu werden, gehört dazu"

Der ORF-Moderator über Aggression im Internet, Karl May und die Frage, warum er als Ex-Innsbrucker nicht mehr integrierbar ist.

von Guido Tartarotti

Armin Wolf war bisher drei Mal für die KURIER ROMY nominiert – und hat sie drei Mal gewonnen.

Im Interview spricht er auch über seine Affinität zu Karl May: Armin Wolf spielt seit zwei Jahren im May-Kabarett-Programm "Blutsbrüder" mit (gemeinsam mit dem Kabarettisten Thomas Maurer, dem Schriftsteller Thomas Glavinic und dem Autor dieses Interviews; Anm. der Red.).

KURIER: Was bedeuten Ihnen solche Preise?

Armin Wolf: Ich glaube, jeder freut sich, wenn er für seine Arbeit ausgezeichnet wird. Die ROMY ist ein schöner Preis, weil sie ein Publikumspreis ist, und letztlich arbeiten wir ja für ein Publikum. Ich bin ja nicht deshalb beim Fernsehen, weil ich Fernsehen so wahnsinnig toll finde als Medium, sondern weil so viele Menschen aus dem Fernsehen ihre politischen Informationen beziehen, und wenn das gut funktioniert, freut mich das. Es freuen mich aber auch Auszeichnungen von Kollegen, weil Fachjurys die Arbeit natürlich besonders gut beurteilen können. Insofern freue ich mich über die Auszeichnung bei der ROMY – und über die beim Grimme-Preis.

Es heißt, Sie polarisieren sehr stark. Dennoch haben Sie drei Mal die ROMY gewonnen. Stimmt es, glauben Sie, dass man entweder Fan von Ihnen ist – oder Sie hart ablehnt?

Es gibt ganz sicher Menschen, denen meine Arbeit weniger gut gefällt – es scheint aber so, als gebe es mehr, denen sie gefällt. Der ORF wird ja nicht von mir erpresst, dass er mich die ZIB2 moderieren lässt, sondern er untersucht sehr genau, wie seine Moderatorinnen und Moderatoren beim Publikum ankommen. Aber natürlich gibt es auch Leute, die nicht gut finden, was ich mache. Verstehe ich auch.

Vor allem in den sozialen Medien gibt es, scheint es, eine regelrechte Blase von Menschen, die Sie hassen.

So etwas gibt es immer, wenn man in der Öffentlichkeit steht. Natürlich hat es Auswirkungen, wenn der Obmann einer großen Partei auf seiner Facebook-Seite jahrelang schreibt, wie furchtbar ich bin. Und wenn ein Kolumnist einer großen Zeitung regelmäßig schreibt, was ich für eine grässliche Rotzpippn bin, dann wird es ein paar Hundert seiner Fans geben, die das auch finden – obwohl sie vielleicht nie ZIB2 schauen. Ja. Ist so. Ich lebe nicht schlecht damit.

Schläft man dann nicht schlechter?

Ich schlafe deshalb nicht schlechter. Das geht mir emotional nicht nahe. Ich bin in den fast 17 Jahren, in denen ich die ZIB2 moderiere, ein einziges Mal auf der Straße aggressiv angegangen worden. Und der wollte, dass ich der damaligen ORF-Generaldirektorin ausrichte, was für eine Sauerei es wäre, dass die „Millionenshow“ nicht live ausgestrahlt wird.

Möglicherweise hat er die Armins verwechselt.

Das kann sein. Ansonsten, auf Social Media beschimpft zu werden … ja, das gehört irgendwie dazu. Es verwundert mich, aber es fasziniert mich auch irgendwie, welche unglaubliche Aggressionen dort zutagekommen. Aber die freundlichen Reaktionen sind ungleich mehr.

Woher kommt das?

Ich glaube, die Aggression war immer da, aber die Leute konnten es halt niemandem erzählen, außer am Stammtisch im Wirtshaus, betrunken um zwei Uhr früh. Und jetzt können sie es ins Netz kotzen und finden da ganz schnell andere, die ähnlich frustriert sind und verstärken sich gegenseitig. Und kommen plötzlich drauf: Sie sind nicht der einzige Narr am Stammtisch, sondern es gibt in jedem Dorf ein, zwei Narren, und die können sich auf Facebook zusammenschließen und sich stark fühlen.

Es wird viel diskutiert über Ihren Interviewstil. Viele finden ihn erfreulich, weil kritisch und genau nachgefragt wird, andere finden ihn zu aggressiv.

Ich verstehe meinen Job so, dass ich Politiker und Politikerinnen, egal, welcher Partei sie angehören, mit Gegenpositionen, Kritik und Widersprüchen zu ihrer Position konfrontiere, damit sie ihre Politik argumentieren und erklären müssen. Und die Zuseher können sich dann überlegen, finden sie das überzeugend oder nicht. Und das wird manchmal etwas kontroversieller. Manchmal sind die Themen besonders kontroversiell, etwa die Frage der Menschenrechtskonvention. Manche Politiker reagieren auch sehr kontroversiell, und manche wollen einfach nur ein vorbereitetes Statement abspulen. Der Extremfall war Frank Stronach, der vier Minuten lang etwas vorlesen wollte – das kann ich halt nicht zulassen.

Kann es sein, dass wir in Österreich ein besonderes Verhältnis zur Obrigkeit haben, wo es als empörend gilt, wenn man den Herrn Minister und andere Würdenträger im Interview unterbricht?

Es ist, glaube ich, ein vergleichsweise obrigkeitsgläubiges Land …

Im britischen Fernsehen würden sie die ZIB2 ja für eine höflich-langweilige Teezeremonie halten. Es ist auch eine Generationenfrage – es stört ältere Zuseher viel mehr als jüngere. Es stört sie, je höherrangig der Gast ist. Den Bundespräsidenten darf man nicht unterbrechen, den Kardinal schon gar nicht. Was ein Problem ist, denn der Kardinal ist eher das Format der Predigt gewöhnt – viel Redezeit, wenige Zwischenfragen.

Sie machen seit zwei Jahren auch Kabarett, mit dem Karl-May-Programm "Blutsbrüder". Das hat viele überrascht – das Sie sich das trauen, und dass Sie so viel humoristisches Talent haben.

Ob ich humoristisches Talent habe, weiß ich nicht. Aber ich glaube, Journalisten müssen vor allem zwei Dinge können. Sie müssen neugierig sein. Und sie müssen Geschichten erzählen können. Bei mir ist halt der Spagat recht groß, zwischen meinem Job in einer seriösen Nachrichtensendung und der Kabarettbühne. Das finden offenbar viele Besucher witzig.

Macht Ihnen Kabarett Spaß? Werden Sie auch künftig auf die Bühne gehen?

Es macht extremen Spaß, und ich würde es gerne öfter tun, wenn wir am Vormittag oder am Nachmittag spielen könnten, weil ich halt schon in der ZIB2 abends arbeite.

Was bringt einen politischen Journalisten zu Karl May?

Ich habe mit Karl May Deutsch gelernt, lesen gelernt, meine Kindheit verbracht, und mein erster Berufswunsch war Old Shatterhand.

Daraus wurde aber nichts …

Das ist sich leider nicht ausgegangen. Irgendwo bin ich falsch abgebogen, ich habe weder das mit dem Jagdhieb, noch das mit dem Anschleichen richtig hingekriegt, selbst an den 1200 Sprachen bin ich gescheitert … Ich musste es dann billiger geben und Journalist werden.

Lesen Sie immer noch Karl May?

In der Vorbereitung aufs Programm schon. Ich kannte zum Beispiel "Satan und Ischariot" vorher gar nicht, keine Ahnung, warum. Ich glaube, da hat mich der Titel abgeschreckt, weil ich dachte, das ist irgendwas Biblisches, aber es ist wirklich super, wahrscheinlich der unterschätzteste Karl-May-Roman (Anm.: Der Dreiteiler spielt im Wilden Westen UND im Orient UND in Deutschland, und überall taucht Winnetou auf). Oder "Verschwörung in Wien", Band 90 der gesammelten Werke. Sehr skurril.

Sie sehen ja auch nicht nur Nachrichten, sondern auch Serien, zum Beispiel „Game Of Thrones“ – und Sie sahen gerne „Reich und schön“.

"Reich und schön" war eine Jugendsünde, so mit 30. Quasi unmittelbar nach Karl May. Ich bin da auf eine eher seltsame Weise reingeraten. Ich habe damals wie immer in der Früh in den Teletext geschaut, was auf der Welt los ist, höre unter dem Teletext einen völlig absurden Text, schaue, was das ist – und kippe in diese absurd schlechte Serie hinein. Und habe dann tatsächlich ein Jahr lang fast jeden Vormittag "Reich und schön" geschaut. Lebenszeit, die ich leider nicht wieder kriege …Aber ich schaue ganz gerne Serien. "Game Of Thrones" ist nicht mein Favorit, aber es ist fantastisch gemacht. Meine absolute Lieblingsserie ist "Mad Men". Diese großen Serien sind ja mittlerweile wie große Romane. "Mad Men" ist wie ein Tolstoi-Roman, voller differenzierter, komplexer Figuren.

Sie halten oft Vorträge zur Zukunft unseres Berufsstandes. Bitte um kurze Antwort, wir sind schon weit über der Sendezeit: Stirbt der Journalismus aus?

Auf Papier gedruckte Tageszeitungen werden wohl irgendwann als Massenmedien aussterben. Das heißt aber nicht, dass der Beruf des Journalisten aussterben wird. Die große Frage wird aber sein: Vielleicht muss man Journalismus künftig auch verstärkt öffentlich finanzieren, wie die Staatsoper oder das Burgtheater, weil Journalismus für unsere Gesellschaft zumindest so wichtig ist wie Opern oder Theater.

Sie stammen aus Innsbruck, sind noch nie Ski gefahren und waren noch nie betrunken. Wie schafft man das als Tiroler?

Indem man mit 20 nach Wien auswandert und nicht mehr zurück kann wegen mangelnder Integrationsfähigkeit. Ich kann nämlich auch nicht watten (Anm.:Kartenspiel).

Dann müssen wir uns an dieser Stelle von den Zuschauern, die via 3SAT dabei waren, verabschieden … warum müssen wir das eigentlich?

Der Spruch ist eine Art Marke geworden. Hat aber einen praktischen Grund: 3SAT steigt schon knapp vor dem Ende der ZiB2 aus. Aber ich sage das auch am Ende von Vorträgen, und es ist immer ein sicherer Lacher.