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Kultur
04/16/2020

Lesen, wie das so war vor dem gesellschaftlichen Notbetrieb

Kolumne und Buchkritik: Dass Leif Randts „Allegro Pastell“ nicht mit der Gegenwart zusammenpasst, liegt nicht an dem Buch, sondern an der Gegenwart.

Buch. Wenn das deutsche Feuilleton einen Roman als „eines der wichtigsten Bücher der deutschen Gegenwartsliteratur“, gar als „perfekte Durchdringung der Gegenwart“ (nachzulesen hier in Die Zeit) einbucht, dann wird man hellhörig.

Wenn sich die angesprochene Gegenwart zu dieser Literatur von einem Tag auf den anderen auch noch völlig umkrempelt, dann darf mit einer gewissen Abenteuerlust nachgelesen werden.

Schließlich: Wann ist Lektüre zuletzt so existenziell gewesen wie jetzt?

Wo soll man sonst ein von sich getrenntes Draußen, ein eigenständiges Anderes, ein nicht auf Bildschirmgröße geschrumpftes Gegenüber abrufen als im Lesen?

Wer sonst erinnert an das, was wir waren, und das, wovon wir träumten, es in Zukunft zu sein?

Bei Leif Randts „Allegro Pastell“, dem eingangs erwähnten Generationenbuch, geht es noch dazu um genau jenes heutige Leben, das sich jetzt als so verdammt fragil herausgestellt hat.

Um junge Menschen also, plus/minus 30, die freiberuflich unterwegs sind, unabgesichert, auch in der – Vorsicht, großes Wort! – Liebe.

Die, geschult an der ununterbrochenen Bewertungssituation von Instagram, dem Leben mit der Social-Media-Version eines inneren Monologs begegnen: Jede Situation, jeder eigene Satz, jeder Ereignisfortschritt wird in nächster Sekunde reflektiert, mit emotionalen Sternderln versehen und ans Leben zurückgespielt.

Daraus entsteht ein Auskenner-Diskurs über das Leben, den man so wirklich noch nicht gelesen hat. Man denkt: In diese Richtung ging es eben noch, das Leben.

Die Geschichte selbst, sie ist fast schon erstaunlich nah an der literarischen Grundlagenforschung: Eine Frau, ein Mann, später dann: mehr von beidem, und all die Probleme, die das mit sich bringt.

Tanja ist Autorin, Jerome Webdesigner. Und keiner von beiden ist jener mühsame Bobo, den man bei diesen klischeeverpickten Berufen gleich vor Augen hat.

Beide stehen vielmehr dauererstaunt vor ihrem Leben; Tanja davor, dass ihr Debütroman erfolgreich war und wie schwierig der zweite ist. Jerome staunt, wie einfach sein Leben ist – und dass er trotzdem im Haus der Eltern wohnt. Und dass ihm das eigentlich taugt.

Und dann stehen sie einander mit Erstaunen gegenüber: Dass sich ihre gegenseitige Bewertung so deckt. Und dass trotzdem das alles so kompliziert ist.

Freiheit, neu aufgeladen

Man trifft sich, man liebt einander, man macht Party. Es sind Szenen einer – im Moment fast schmerzhaft unzeitgemäßen – Lebensfreiheit (ja, auch der Freiheit zu scheitern). Mit Maßstäben, bei denen man jetzt Gefahr läuft, sie als Luxus abzutun. Als Firlefanz eines aus den Fugen geratenen Lebens.

Ist eine gefakte Nobeltasche nicht eigentlich zweifach besser als eine echte, debattieren die beiden. Und alles, das im Leben weniger wichtig oder noch wichtiger ist. Genau an dem Punkt kann auch der Leser Sternderln vergeben, die Höchstwertung nämlich. Denn nicht nur ist „Allegro Pastell“ ein Monument dessen, was Freiheit heißt: Nämlich, sich nicht sagen zu lassen, was wichtig zu sein hat.

Es ist damit auch die perfekte Durchbrechung der jetzigen Gegenwart, in der die Krisenübermacht plötzlich niederbügelt, was sich an menschlicher Feinarbeit ausgeformt hatte. Hier wird man daran erinnert, wie es so ist, das Gegenteil eines zivilisatorischen Notbetriebs. Es ist nicht die gegenwärtige Gegenwart. Aber die richtige.

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