Nein, Theodore Twombly (Joaquin Phoenix) sehnt sich nicht nach dem Draußen. Er hört  in dieser Szene aus dem Film „Her“ sehnsuchtsvoll der Computerstimme in seinem Ohr zu

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Kultur
03/31/2020

Kultur und Corona: Wir sind jetzt die Neo-Menschen

Kultur allein zu Hause. Schon zuletzt wurde mehr einsam als gemeinsam Kultur konsumiert

von Georg Leyrer

Okay, wer gerade im Homeoffice die Tücken der Technik niederringen muss, wird sich wohl nicht ausgerechnet in Windows verlieben.

Schon wieder ein verdammtes Update? Wirklich?

Sonst aber darf man sich derzeit schon so fühlen wie im Film „Her“ (2013): So schnell, in gerade mal sieben Jahren, wird Science-Fiction fast real. Die Hauptfigur Theodore Twombly (Joaquin Phoenix) lebt nämlich ein Leben im Drinnen, das dank eines (zugegebenermaßen utopischen) Computerisierungsgrads fast ohne das Draußen auskommt.

In diesem Drinnen verliebt er sich in die neue Computerstimme – die realer ist als die eingeschränkten, oft fiktiven menschlichen Kontakte. Abends spielt er ein dreidimensionales Computerspiel, bei dem man klettern kann und Abenteuer in einem künstlichen Draußen erlebt.

Es könnte Österreich im März 2020 sein.

Und es ist keine Zukunft, die von der jüngeren Gegenwart durch einen besonderen Bruch getrennt gewesen wäre. Die Ausgangsbeschränkungen beschleunigen eine Entwicklung, die es schon davor gegeben hat – und die nicht nur „Her“ thematisierte: Dass nämlich die Außenwelt zuletzt ohnehin schon ein bisschen abgeschafft war.

Soziale Kontakte zogen sich, ebenso wie vieles an Kultur, langsam, aber konsequent ins Smartphone zurück. Und auch wenn die derzeitigen Einschränkungen Ängste wecken und man sich deren Ende herbeisehnt: Viele der jetzigen Einschränkungen haben wir zuletzt schon freiwillig gemacht, wenn auch anders empfunden. So saß man einander oft gegenüber, während man ins Handy blickte. Derzeit tut man das halt allein. Statt Kino gab es Streaming, statt Konzert gab es YouTube, statt Kontakt ein Like.

Dünne Naht

Es ist der Übergang ins außenbegründete Zuhausebleiben daher zwar nicht nahtlos, aber zumindest nur durch eine in mancher Hinsicht unerwartet dünne Naht von den Tagen davor getrennt. Diese Naht hat der große französische Anecker Michel Houellebecq schon 2005 aufgedröselt. Sein Roman „Die Möglichkeit einer Insel“ endet, in einem wilden Kurzfinale, dort, wo wir derzeit sind, nämlich in der absoluten Zurückgezogenheit des Einzelnen.

Neo-Menschen nennt Houellebecq seine letzten Figuren, irgendwann in der Zukunft. Sie sitzen zu Hause, jeder vor seinem Computer, werden zentral mit Nahrung versorgt. Und nur der ausgetrocknete Ozean vor der Haustür weckt eine – letztlich tödliche – Sehnsucht nach draußen.

An dieser Stelle darf man sich ruhig denken: Na, super.

Oder man würdigt einen anderen Aspekt, einen fast ironischen: Die größte gesundheitspolitische Herausforderung seit dem Zweiten Weltkrieg kommt zumindest (zumindest!) in einer Zeit, in der für die für die geistige Stabilität wichtige Unterhaltung gesorgt werden kann.

Nicht nur Streamingnutzung, auch das Computerspielen hat in den vergangenen Tagen rasante Nutzungssteigerungen verzeichnet. Man will sich nicht vorstellen, gäbe es das nicht.

Und auch wenn man die Wiedereröffnung der Bühnen, der Museen, der Stadthallen herbeisehnt: Der Einzelkulturkonsum verfestigt sich gerade auch für die Zeit danach. Auch der Kulturkonsum wird nicht unverändert aus dem Lockdown hervorgehen. Nicht zuletzt, weil der derzeitige auch eine Luxusempfindung abholt: Wer alleine Kultur konsumiert, der darf sich im Zentrum der Darbietung wähnen.

Noch mehr dann, wenn diese live ist. Ein Opernhaus, jenes in Perm, plant diesbezüglich eine originelle Gegenmaßnahme während der Schließung. So sollen für jede Aufführung 850 Kartenslots vergeben werden. Unter jenen, die sich hier anmelden, wird dann ein Gewinner gezogen. Und ja, der bekommt dann – durch die russischen Corona-Gesetze erlaubt – eine reale Opernaufführung, ganz für sich allein.