© Vladimir Dobrovolski

Kultur
01/08/2019

Kunstjahr 2019: Dürer-Hase, Mondlandung und goldene Eier

Kunsthäuser mit Zukunftsthemen, Caravaggio und Dürer als historische Stars. Plus: Nationale und internationale Großthemen.

Klimt, Schiele, Kolo Moser und Otto Wagner wurden 2018 touristisch wirksam nochmals zu Grabe getragen, nun geht es mit der „Wiener Moderne“ erst richtig los: Ist den einen der künstlerische Aufbruch ein museal zu verwaltendes Erbe, so gilt er anderen als ständig neu zu definierender Auftrag.

Auf der historischen Seite lädt 2019 das Leopold Museum ab 16. 3. in seine neue „Wien 1900“-Sammlungspräsentation. Dazu zeigt das Haus monografische Ausstellungen zu Oskar Kokoschka (6. 4.–8. 7.), Olga Wisinger-Florian (24. 5.–21. 10.) und Richard Gerstl (ab 27. 9.).

Im Belvedere betont eine Themenschau außerdem den Umstand, dass Wien um 1900 auch eine „Stadt der Frauen“ war (25. 1.–19. 5.).

Einen Star der internationalen Nachkriegs-Moderne zeigt hingegen das Kunsthistorische Museum, das dem Maler Mark Rothko, einem Hauptvertreter des abstrakten Expressionismus, seine erste große Schau in Österreich ausrichtet (12.3.–30. 6.).

Das mumok wandelt seinerseits Adolf Loos’ Diktum „Ornament und Verbrechen“ zum Motto „Ornament als Versprechen“ ab: Mit Werken aus dem Bestand des Museumsgründerpaars Peter und Irene Ludwig will man zeigen, dass Muster und Dekoration nicht zwangsläufig im Widerspruch zur Moderne stehen (23. 2.–8. 9.). Eine weitere Ausstellung will die oft als dekorativ belächelte „Op-Art“ mit ihren effektvollen optischen Täuschungen neu bewerten (25. 5.–20. 10.)

Das MAK lässt das Loos’sche Erbe derzeit noch von der „Beauty“-Schau des Designers Stefan Sagmeister torpedieren (bis 31. 3.), will 2019 aber wieder in der Gestaltung der „digitalen Moderne“ mitspielen: Zum dritten Mal initiiert das Haus heuer die Vienna Biennale (29.5.–6.10.) und bringt unter anderem eine Schau zum Thema künstlicher Intelligenz an den Start. Bei der Biennale mit dabei ist auch die Kunsthalle Wien, die u. a. das Thema von Frauen in der Technik aufgreift.

Für den Sommer hat die Kunsthalle ein gemeinsames Großprojekt der Gruppe Gelatin mit dem britischen Künstler Liam Gillick angekündigt, bei der die Kunsthalle in ein Filmset verwandelt werden soll (5. 7.–6. 10.).

Interdisziplinär hat das Kunsthaus Wien sein Programm ausgelegt: „Über Leben am Land“ heißt die Foto-Schau, die zum Nachdenken über den ländlichen Raum anregen möchte (23. 3.– 25. 8.). Dass das Guggenheim-Museum für 2020 bereits eine Schau zum Landleben mit Star-Architekt Rem Koolhaas plant, lässt hier ein Trend-Thema erahnen.

Die Secession bringt mit Peter Doig wiederum einen absoluten Star der Gegenwarts-Malerei nach Wien (12. 4.–16. 6.). Die Grande Dame der Malerei in Österreich, Maria Lassnig, wird zunächst an der Seite Arnulf Rainers in Linz und dann zusammen mit dem Enfant terrible Martin Kippenberger im Münchner Lenbachhaus gewürdigt (21. 5.–22. 9.), bevor ihr dann die Albertina die große Retrospektive zum 100. Geburtstag ausrichten darf (6. 9.–1. 12.).

Die Albertina zeigt 2019 u. a. auch noch Hermann Nitsch (17. 5.– 11. 9.) und Sean Scully (7. 6.– 8. 9.), das große Highlight wird aber wohl die umfassende Schau zu den Zeichnungen von Albrecht Dürer, aus deren Anlass auch der berühmte „Feldhase“ nach langer Zeit wieder öffentlich gezeigt werden kann (ab 20. 9.)

Im Feld der altmeisterlichen Großausstellungen matcht sich die Albertina hier im Herbst lediglich mit dem Kunsthistorischen Museum, das eine barocke Spezialität im Köcher hat: „Caravaggio und Bernini – A Revolution in the Arts“ heißt die Schau, die den Innovationsgeist des Malers und des Bildhauers zeigen soll (ab 15.10.): Der kreative Umbruch muss demnach in Rom um 1600 mindestens so intensiv wie in Wien um 1900 gewesen sein.

Österreichweit: Wettrennen um den Mond

Höhepunkt des Jahres wird die Eröffnung der Landesgalerie Niederösterreich sein. Das Gebäude, geplant vom Büro marte.marte, soll als Landmark fungieren – und als Scharnier zwischen Krems und Stein. Daher ist es sonderbar gedreht, was die Bespielung nicht gerade einfach machen dürfte. Denn es gibt so gut wie keine planen Hängeflächen.

Zunächst, von 1. bis 3. März, steht die Architektur „pur“ im Zentrum: Der um 35 Millionen Euro realisierte Solitär, gedeckt mit 7200 Zink-Titan-Schindeln, verfügt auf fünf Ebenen über etwa 3000 Quadratmeter Ausstellungsflächen. Das Konzept von Christian Bauer, dem Direktor, sieht vor, die Geschoße thematisch (das Sammeln, der Mensch, die Landschaft) zu nutzen. Die konkrete Umsetzung erfolgt mit dem „Grand Opening“ am 25. Mai. Quasi als Ergänzung zur Schau über die Selbstdarstellung (mit Egon Schiele) als Ausgangspunkt darf sich Renate Bertlmann im lichtdurchfluteten Erdgeschoß selbst präsentieren – nur zwei Wochen nach der Eröffnung ihres Beitrags für die Biennale Venedig.

Unterirdisch verbunden ist die Landesgalerie mit der Kunsthalle Krems. Florian Steininger präsentiert u. a. Hans Op de Beeck (ab 3. 3.) – und über den Sommer „Ticket to the Moon“ (ab 14.7.): Zu sehen sind künstlerische Kommentare zur Mondlandung vor 50 Jahren. Das Karikaturmuseum Krems widmet sich dem Ereignis bereits ab 23. 2. mit „Wettlauf zum Mond! Die fantastische Welt der Science-Fiction“. Den Wettlauf verloren hat Thorsten Sadowsky, seit September Direktor des Museums der Moderne in Salzburg: Die große Ausstellung „Fly Me to the Moon. 50 Jahre Mondlandung“ ist erst ab 20. Juli zu sehen.

Hemma Schmutz, Direktorin des Lentos in Linz, kombiniert raffiniert gleich zwei Jubiläen. Denn sie zeigt ab 1. Februar das Frühwerk von Maria Lassnig und Arnulf Rainer, die sich 1948 in Klagenfurt kennenlernten. Lassnig wäre heuer 100 geworden – und Rainer feiert am 8. Dezember seinen 90. Geburtstag.

International auch abseits von Venedig

2019 ist wieder ein Jahr mit Venedig-Biennale: Die Weltkunstschau, kuratiert vom gebürtigen New Yorker Ralph Rugoff, findet vom 11. 5. bis 24. 11. 2019 statt, Österreichs Beitrag liefert Renate Bertlmann. In New York selbst überprüft die Whitney-Biennale (17. 5.–22. 9.) den Stand der Kunst aus US-Perspektive, auch in Istanbul findet wieder eine Biennale statt (14. 9.–10. 11.).

In mehreren Ausstellungshäusern genießt heuer dazu Vincent Van Gogh besonderes Augenmerk: Die Tate Britain in London widmet dem Niederländer von 27. 3. bis 11. 8. eine große Schau, in der es um seine Beziehung zu Großbritannien gehen soll („Van Gogh and Britain“).

Das Städel Museum Frankfurt fragt ab 23. 10. ebenso nach Van Goghs Draht nach Deutschland – obwohl sich der Maler dort nie aufgehalten hat: Werke von Ernst Ludwig Kirchner, Erich Heckel oder Max Beckmann sollen stattdessen Van Goghs Einfluss auf deutsche Maler zeigen. Außerdem kommt am 18. 4. der neue Van-Gogh-Film von Julian Schnabel, „At Eternity’s Gate“, in heimische Kinos.

Die große Schau zum frühen Picasso aus dem Pariser Musée d’Orsay ist ab 3.2. in der Fondation Beyeler in Riehen bei Basel/CH zu sehen (bis 26. 5.). Die große Franz-West-Retrospektive übersiedelt ebenso aus Paris in die Tate Modern London (20. 2.–2. 6.), wo sich ab 11. Juli auch Olafur Eliasson mit einer neuen Groß-Installation angekündigt hat. Sehenswert in London sind darüber hinaus Ausstellungen der Royal Academy zu Renaissance-Akten (3. 3.–2. 6.) und zum Bildhauer Antony Gormley (21. 9.–3. 12.) sowie eine große Schau der National Gallery zu den Porträts von Paul Gauguin (ab 7. 10.).

In Deutschland dominiert das Jubiläum 100 Jahre Bauhaus große Teile des Ausstellungsbetriebs (www.bauhaus100.de), doch Freunde Alter Meister finden Highlights etwa in der Alten Pinakothek München, die sich 2019 zunächst Utrecht, Caravaggio und Europa (17. 4.–21. 7.) und ab 25. 10. dem Barock-Genie Antonis Van Dyck widmet. Mit Leonardo da Vinci hat der Louvre in Paris ab Herbst die Altmeisterschau des Jahres gebucht – allerdings kämpft man derzeit um Leihgaben.

Kurs halten: Wer kommt - und wer wohl bleibt

Heuer werden in den heimischen Museen gar nicht wenige personelle Kurse gesetzt, die den bisherigen aber stark ähneln dürften.

So soll im Kunsthistorischen Museum (KHM) im Herbst der neue Direktor antreten. Eike Schmidt soll Anfang November aus Florenz nach Wien kommen, ließ der Kulturminister jüngst (wieder) wissen. Wohl auch, um anhaltenden Gerüchten entgegenzuwirken, dass Schmidt das gar nicht so recht wolle. So hat Schmidt in Richtung Wien immer wieder bestätigt, zu wechseln – und in Richtung italienischer Medien immer wieder damit geliebäugelt, an den Uffizien zu bleiben. Nun aber soll der November fix sein, der ausgelaufene Vertrag von Sabine Haag wurde dementsprechend verlängert.

Apropos: In der Albertina wird wohl der alte Direktor bleiben. Klaus Albrecht Schröder hat wiederholt sein Ansinnen geäußert, den Job auch nach 2020 über sein derzeitiges Vertragsende hinaus weiter zu erfüllen. Er wolle sich bewerben, sagte er zuletzt zum KURIER. Denn er sei u.a. von den Familien Batliner und Essl sowie von Hans Peter Haselsteiner und anderen wichtigen Sammlern und Playern ausdrücklich darum gebeten worden.

Die Entscheidung sei aber offen, betonte Schröder. Er wolle das Künstlerhaus als zweiten Standort der Albertina und Hort der Sammlung Essl auf Schiene bringen – was in der jüngst erschienenen Ausschreibung dann auch explizit verlangt wird.