Kultur
22.11.2018

Albertina-Chef Schröder: „Der Dürer-Hase ist keine Cash-Cow“

Der Museumsdirektor spricht über die Sammlung Essl, Kritik des Rechnungshofs und seine Zukunftsperspektive

Durch die Dauerleihgabe und teilweise Schenkung der Sammlung Essl hat die Albertina ihren Bestand erweitert. Doch der Rechnungshof rügte die Folgekosten.

KURIER: Warum wurde für die Sammlung Essl ein Mehrbedarf von 2,2 Millionen Euro veranschlagt, wenn die Sammlung Batliner nur 200.000 € mehr benötigte?

Klaus Albrecht Schröder: Man kann diese Sammlungen nicht wirklich vergleichen. Die Sammlung Batliner umfasst zwar auch zeitgenössische Kunst, ihr Profil bezieht sie aber aus der Klassischen Moderne – aus dem, was wir „Monet bis Picasso“ nennen. Es ist eine zahlenmäßig überschaubare, aber kapitale Sammlung. Bei der Essl-Kollektion geht es um eine wesentlich größere Anzahl an Werken. Es gibt darin aber kein Modigliani-Gemälde im Wert von 40 oder 50 Millionen Euro, keinen Matisse, keinen Picasso.

Das erklärt noch nicht den finanziellen Mehraufwand.

Doch: Die Sammlung Batliner können wir praktisch immer zur Gänze zeigen. Eine Kollektion mit 2600 Kunstwerken, die wir geschenkt bekommen haben, braucht wechselnde Präsentationen mit je etwa 150 Werken, der Rest wird im Depot verwahrt. In der Albertina erhalten wir 1,1 Millionen Kunstwerke in unseren Depots, die selbstverständlich enorme Kosten verursachen. Die Depotmiete für die Essl-Sammlung stellt einen Bruchteil unserer Aufwendungen dar. In der Albertina musste der Bund viele Millionen für die Depots der grafischen Sammlung investieren. Heute würde man das Depot nicht im Zentrum Wiens errichten. Der Bau wurde 1999 vor meinem Direktionsantritt begonnen. Das Depot für die Sammlung Essl in Klosterneuburg wurde nun nach unseren Vorgaben auf Kosten von Hans Peter Haselsteiner modernst ausgestattet.

Dennoch zahlt die Albertina nun 430.000 jährlich – für 2017 wies der RH nur 320.000 aus – an eine Gesellschaft, die Haselsteiner und Essl gehört.

Alle externen Depots der Albertina werden wie jene anderer Museen von privaten Firmen betrieben und vermietet. Es gibt leider kein Zentraldepot im Eigentum des Bundes. Wir machen jährlich 20 bis 25 Millionen Euro Umsatz und erhalten 7,7 Millionen Euro von der Republik Österreich an Basisdotierung, das deckt gerade die Personalkosten. Die Mietkosten, die Energiekosten, Museumsbetriebskosten, Mittel für Ankäufe und für Ausstellungen: All das wird von uns durch Eigenerlöse gedeckt. Ich klage nicht. Wir sind glücklicherweise so erfolgreich, dass wir den Museumsbetrieb querfinanzieren können. Laut Gesetz müsste dieser Betrieb durch die Basisdotierung gedeckt werden. Die Errichtung unserer großen Ausstellungshallen, der Court mit dem Kassenbereich und die Renovierung der Prunkräume wurden ausschließlich mit Unterstützung privater Sponsoren finanziert. Und jetzt diskutieren manche über 430.000 Euro für die Miete eines Depots? Diese Zwischenrufe stehen mit der Realität des Museumsbetriebs und seiner Finanzierungsbasis in keinerlei Zusammenhang!

Sie haben aber um eine Anhebung der Basisabgeltung um 2,2 Millionen Euro angesucht. Wie geht es jetzt weiter, wenn es nur 800.000 € im Jahr mehr gibt?

Auch in den vergangenen 19 Jahren habe ich die Albertina nicht zugesperrt, weil der Bund lediglich die Personalkosten zahlt. Erst durch die privat finanzierten Erweiterungen konnten wir erstmals große Ausstellungen zeigen und die Besuchszahlen von jährlich 15.000 auf 850.000 steigern.

In einer Stellungnahme im RH-Bericht heißt es, die Albertina habe keine Bilder, die Cash-Cows seien. Wird da die Sammlung nicht unter Wert verkauft?

Eine Cash-Cow ein Produkt, das auch ohne viel Werbung oder Investitionen gute Erträge erwirtschaftet. Der Dürer-Hase ist das Gegenteil einer Cash-Cow – er kann nur alle zehn bis 15 Jahre gezeigt werden. Der Klimt-Kuss und das Belvedere dagegen sind das klassische Beispiel einer Cash-Cow. Die Albertina zeigt aufwendige Ausstellungen und muss in dieser kurzen Zeit nicht nur die Ausstellungskosten refinanzieren, sondern auch den allgemeinen Museumsbetrieb stützen. Der aufgrund der lichtempfindlichen Werke unvermeidbare Wechsel von Ausstellungen verursacht auch den hohen Kommunikationsaufwand.

Der RH bemängelte, dass fünf Prozent der Architektursammlung nicht inventarisiert seien und mit der Inventarisierung von Druckgrafiken in Klebebänden erst 2017 begonnen wurde.

Wir nehmen das gar nicht zögerlich in Angriff, im Gegenteil. Für die Klebebände haben wir vor einigen Jahren um 150.000 Euro einen eigenen Scanner erworben, an dem Projekt arbeiten drei Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter Tag für Tag. In der Architektursammlung sind von den 2670 Objekten, die vom RH moniert wurden, mittlerweile rund 2100 inventarisiert.

Sie werden bei Auslaufen Ihres Vertrags im 65. Lebensjahr stehen und haben Interesse an einer Verlängerung. Denken Sie da an eine Funktionsperiode von zwei oder von fünf Jahren?

Meine Vertragsverlängerung hat allein der Minister zu entscheiden. Ich würde es auch nicht „Interesse“ nennen, ich bin bereit, die Verantwortung für die Verwirklichung jener Vision zu übernehmen, die der Minister kennt. So viel ich weiß, wird die Position immer für fünf Jahre ausgeschrieben. Daran zu rütteln, liegt nicht an mir.

Wie sehen sie generell die Rolle des Staats als Kunstsammler?

Der Staat war weltweit betrachtet immer ein schlechter und schwacher Kunstkäufer. Der Treibriemen für Museumserweiterungen waren immer Privatsammler. Aufgrund fehlender Privatsammlungen haben wir uns in Österreich eingeredet, der Staat könnte einspringen, das hat er nie getan. Es würde ihn auch überfordern angesichts der Preise für bedeutende Werke. Ich sage mit Wilhelm von Humboldt: Wir sammeln Sammler, weil wir so arm sind.