beautiful old  theatre

© Getty Images/iStockphoto / Nikada/iStockphoto

Kultur
10/29/2020

Kultur geht in zweiten Lockdown: Deutsche Kinobetreiber "fassungslos"

Deutschlands Kultureinrichtungen haben alles versucht, um möglichst sicher zu sein. Nun müssen sie wieder vorübergehend schließen .

Mit Protest und Unverständnis reagiert der Kultursektor auf die neuerlichen Einschränkungen wegen der Corona-Pandemie. Theater, Opern- und Konzerthäuser sowie Kinos müssen im November für einen Monat schließen. Darauf hatten sich Bund und Länder angesichts der bundesweit steigenden Corona-Fallzahlen am Mittwoch geeinigt. Branchenvertreter befürchten einen "kulturellen Kahlschlag".

   Der Bundesverband Schauspiel (BFFS) kritisierte die geplante Schließung von Theatern als unsinnig. "Gerade kleinere und nicht öffentlich geförderte Häuser werden diesen erneuten und vollkommen unnötigen Schlag vor den Bug nicht überleben", heißt es in einem offenen Brief, den der Schauspielverband online veröffentlichte. "Ein kultureller Kahlschlag ohne Beispiel wird die Folge sein."

"Komplette Willkür"

Als "sehr bitter" bezeichnete der Intendant des Hamburger Thalia-Theaters, Joachim Lux, die bevorstehende Zwangspause. Die neue Chefin der Münchner Kammerspiele, Barbara Mundel, warf der Politik "komplette Willkür" vor. In einer Demokratie müssten die Regeln für den Umgang mit der Corona-Seuche verhandelt werden. "Lernen und verhandeln kann man aber nicht, wenn mit Verboten und Willkür durchregiert wird", sagte Mundel der Süddeutschen Zeitung.

Hamburgs Kultursenator Carsten Brosda (SPD) warb um Verständnis für die harten Einschnitte durch den Teil-Lockdown. "Die Infektionslage in Deutschland ist dramatisch. Deshalb müssen nun die Dinge getan werden, die notwendig sind, um das Infektionsgeschehen möglichst zu brechen", sagte Brosda am Donnerstag der Deutschen Presse-Agentur. Es gehe dabei nicht darum, die Kulturorte an sich zu schließen, sondern vor allem darum, die Kontakthäufigkeit einzuschränken und dafür einen Monat lang innezuhalten.

"Theater sind sichere Orte"

Etwas Verständnis zeigte Hannovers Schauspiel-Intendantin Sonja Anders. Die Schließung der Theater und Konzerthäuser sei "bitter". Dennoch sei die Entscheidung der Politik zu erwarten gewesen, sagte sie in Hannover. "Mit der Schließung kommen wir einer gesamtgesellschaftlichen Verantwortung nach, auch wenn wir nicht oft genug betonen können, dass unsere Hygiene-Konzepte im Theater sehr gut funktionieren - und bisher in Deutschland keine Infektionsherde von einem Zuschauersaal ausgegangen sind." Sie betonte: "Die Theater sind sichere Orte."

Wenige Ansteckungen nachvollziehbar

Vom Robert Koch-Institut heißt es aktuell, dass derzeit viele der Fälle, für die der Ursprung der Ansteckung bekannt ist, auf private Treffen und Feiern sowie Gruppenveranstaltungen zurückgehen. Das Institut betont aber ausdrücklich, dass die Angaben zum Infektionsumfeld von Ausbrüchen mit Zurückhaltung zu interpretieren seien. Ein wichtiger Punkt dabei ist, dass sich nur für einen Bruchteil der Fälle nachvollziehen lässt, wo die Ansteckung wahrscheinlich stattfand.

Der Intendant der Württembergischen Staatstheater, Marc-Oliver Hendriks, kritisierte "Symbolpolitik". Nun fielen Theater "als Diskursorte mit einer wichtigen gesellschaftlichen Funktion aus", kritisierte Hendriks. Auch der Generalintendant des Mecklenburgischen Staatstheaters, Lars Tietje, übte harte Kritik. "Der Mensch ist ein soziales Wesen und braucht Gemeinschaft und Kultur", betonte er.

Für die Kinobranche sagte Christine Berg vom Hauptverband Deutscher Filmtheater (HDF Kino), nur wenn es jetzt sofort unbürokratische Finanzhilfen gebe, würden Kinos die "erneute Radikalkur" durchstehen. Wirtschaftlich sei das Ganze eine Katastrophe, sagte auch Christian Bräuer von der AG Kino. Dem Verband gehören Arthouse-Kinos an.

"Wir können alle nur inständig hoffen, dass der Patient Deutschland Herrn Söders "Vier-Wochen-Therapie" auch wirtschaftlich überlebt", sagte Berg. Nur wenn es jetzt sofort unbürokratische Finanzhilfen gebe, würden Kinos diese "erneute Radikalkur" durchstehen.

Constantin-Chef Martin Moszkowicz sagte der dpa in München: "Ich glaube, dass die Menschen die Kultur brauchen, um über so schwere Zeiten hinwegzukommen." Man müsse immer im Hinterkopf behalten, "dass wir dabei sind, einen großen, wichtigen Teil unserer Kultur zu beschädigen oder zu verlieren", fügte der Produzent ("Fack ju Göhte") hinzu.

Aus Sicht des Bremer Epidemiologen Hajo Zeeb ist die Schließung der Kultur durchaus bitter. Ihm mache es Sorgen, dass der Bereich als nicht so entscheidend angesehen werde. Die Kulturbetriebe hätten gute Hygienekonzepte entwickelt. "Auf der anderen Seite sind das Veranstaltungen, wo Menschen zusammenkommen - auch bei guten Konzepten." Es gebe die An- und Abreise, es komme zu Kontakten, dabei müsse das Ziel eine Kontaktverminderung sein.

Der Deutsche Museumsbund fordert für die vorübergehende Schließung von Museen wegen der Corona-Pandemie einen finanziellen Ausgleich. "Auch Museen arbeiten wirtschaftlich, es gibt zudem viele private und vereinsgeführte Museen, die laufende Kosten haben", sagte der Präsident des Deutschen Museumsbundes und Direktor des Badischen Landesmuseums, Eckart Köhne. Er wies darauf hin, dass Museen freie Mitarbeiter und Solo-Selbstständige beschäftigen.

Plexiglas, Ticketsysteme, Abstand

Schon im Frühjahr hatten viele Einrichtungen bundesweit geschlossen. Seitdem haben viele Häuser investiert. In Plexiglasscheiben an der Kasse, in Online-Ticketsysteme, in Desinfektionsmittel. Vor allem in Abstand. Im Kino bleiben Plätze frei. Das Berliner Ensemble und das Münchner Residenztheater hatten zwischenzeitlich ganze Sitzreihen ausgebaut.

Mittlerweile aber sind die Infektionszahlen in Deutschland wieder stark gestiegen. Binnen eines Tages wurden zuletzt rund 16.800 neue Ansteckungen gemeldet, wie aus Angaben des Robert Koch-Instituts vom Donnerstagmorgen hervorgeht.

Kanzlerin Angela Merkel (CDU) und die Länderchefs haben vereinbart, das öffentliche Leben ab Montag wieder herunterzufahren. Wenn man warten würde, "bis die Intensivstationen voll sind", wäre es zu spät, verteidigte Merkel den Beschluss am Donnerstag. Nun sollen beispielsweise Geschäfte und Schulen offen bleiben, Restaurants und Freizeiteinrichtungen aber schließen.

Kinos sprechen von "Auf und ab"

Der Kinoverband spricht von einem "ständigen Auf und Ab". Seit sechs Monaten arbeiteten sie mit Sicherheitskonzepten, großen Räumen, Belüftungsanlagen und einer geringeren Auslastung. "Die Kinos übernehmen eine große Verantwortung für ihre Besucher und dennoch nützt ihnen das überhaupt nichts", teilte HDF-Vorstand Berg mit. "Wir sind fassungslos."

Zukunftsangst

In Teilen der Kulturbranche wächst nun die Zukunftsangst. Die Schätzungen, wie viel Minus die Kinos in diesem Jahr einfahren, gehen auseinander. Die Filmförderungsanstalt hatte eine Analyse beauftragt, die im Sommer ein Minus zwischen 225 Mio. und 325 Mio. Euro prognostizierte. Das war noch vor Ankündigung der zweiten Schließung. Beim HDF ist derzeit von einem prognostizierten Verlust von etwa einer Mrd. Euro die Rede.

Der Bund hat für die Wirtschaft neue Hilfsgelder in Höhe von zehn Mrd. Euro angekündigt. Firmen, die besonders von den neuen Regeln betroffen sind, sollen große Teile ihres Umsatzausfalls ersetzt bekommen. Betriebe mit bis zu 50 Mitarbeitern und Solo-Selbstständige sollen 75 Prozent ersetzt bekommen. Für größere Unternehmen werden die Sätze von Fall zu Fall unterschiedlich sein.

Es sei das Mindeste, dass die Politik den Branchen nun stark unter die Arme greife, hatte HDF-Vorstand Berg gefordert. Die Tücke liege jedoch im Detail. Die letzten Monate hätten gezeigt, dass viele Kinobetriebe durch Förderraster gefallen seien - etwa wegen der Zahl ihrer Mitarbeiter, Leinwände oder Standorte.

Unterstützung sei existenzwichtig, sagt auch Programmkinochef Bräuer, der Kinos in Berlin betreibt. Er gibt zu bedenken, dass ein Lockdown in der Branche auch dann noch Auswirkungen haben kann, wenn er eigentlich wieder vorbei ist. Das habe man im Frühling gesehen.

Denn Kinos alleine funktionieren nicht. Läuft alles im Normalbetrieb, sind sie Teil einer ziemlich gut geölten Maschine. Produktion, Marketing, öffentlichkeitswirksame Premieren und Filmkritiken - das alles passiert, bevor ein Film überhaupt anläuft. Mittlerweile ist die Maschine ins Stottern geraten. Große Filme wie der neue "James Bond" sind verschoben, die Disney-Neuverfilmung "Mulan" wanderte gleich in den Streamingdienst ab. Auch der neue Animationsfilm "Soul" soll gleich online laufen.

Unsicherheit nach Hoffnungssignalen

Andere Verleiher zeigten sich solidarisch. So sollte etwa der Krimi "Kaiserschmarrndrama" Mitte November anlaufen, jetzt muss ein neues Datum her. Constantin Film will aber an einem deutschlandweiten Starttermin noch in diesem Jahr festhalten. Auch der Kinostart von Sönke Wortmanns "Contra" war auf Dezember vorgezogen worden. Entscheidungen, die die Kinobranche als Hoffnungssignal deutete.

Jetzt herrscht wieder Unsicherheit. Können die Kinos auch wirklich wieder im Dezember aufmachen? Und was ist mit den Filmen, die jetzt gerade erst angelaufen sind? Die würden "abgewürgt", sagt Bräuer. Dabei seien durchaus wichtige Filme für die Arthouse-Branche dabei - "On the Rocks" von Sofia Coppola, der Krimi "Eine Frau mit berauschenden Talenten" oder Miranda Julys "Kajillionaire".

Eigentlich hätte jetzt auch der Gewinnerfilm der Berlinale anlaufen sollen. "Doch das Böse gibt es nicht" aus dem Iran ist auf ungewisse Zeit verschoben. "Wir haben in den letzten drei Monaten auf den Start hingearbeitet und fast eine Viertelmillion Euro in den Film investiert", erklärt der Verleih Grandfilm. "Dass wir ihn jetzt nicht auswerten können, stellt für uns eine existenzielle Bedrohung dar."

Auch in der Theaterszene gibt es wieder offene Fragen und Unmut. Die neue Chefin der Münchner Kammerspiele, Barbara Mundel, warf der Politik in der "Süddeutschen Zeitung" "komplette Willkür" vor. Der Bundesverband Schauspiel (BFFS) findet es unsinnig, dass Theater wieder schließen sollen. "Wir werden in Mithaftung genommen für eine Symbolpolitik", sagt der Geschäftsführende Intendant der Staatstheater in Stuttgart, Marc-Oliver Hendriks. "Das schmerzt."

 

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