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Kultur
11/19/2020

Kein Abholen möglich: Buchhandel "empört", Anschober will "prüfen"

Buchhandelsverbandschef: "Ohne diese Umsätze wird die ohnehin gebeutelte Branche in große Schwierigkeiten kommen." Kunststaasekretärin kündigt Förderung an.

von Georg Leyrer, Thomas Trenkler , Marco Weise

Dass der Buchhandel weder offen halten noch kontaktlose Abholstationen für Bücher einrichten darf, stößt manchem in der Branche sauer auf. Am Donnerstagvormittag kamen einige Buchhändler und Autoren zum Parlament und haben dort laut NEOS mit Vertretern aller Parteien gesprochen, ob und wie ein direkter Buchverkauf möglich ist.

Gesundheitsminister Rudolf Anschober reagierte auf die anschwellende Kritik auf Twitter: "Rechtlich ist das Problem, dass Buchhandlungen Betriebsstätten des Handels sind und eine Öffnung dem Gleichheitsgrundsatz zum restlichen Handel widerspricht. Aber wir prüfen nochmals, ob wir irgendeine Lösung finden."

In der aufgeladenen Debatte spielt auch eine Rolle, dass etwa der Waffenhandel offen halten darf. Auch "im Gasthaus darf sich jedermann sein vorbereitetes Essen abholen und auch bezahlen“, zeigte sich der Obmann des Fachverbandes der Buch- und Medienwirtschaft, Friedrich Hinterschweiger, in einer Aussendung „empört über diese Ungleichbehandlung“.

Die Kultursprecherin der Grünen, Eva Blimlinger, zum KURIER: „Ich verstehe die Sorgen des Buchhandels muss aber sagen, dass es von Seiten des Staatsekretariats sehr umfangreiche Unterstützungen gibt. Wenn man dem Buchhandel erlauben würde Bücher abzuholen, warum dann den Bekleidungsgeschäften oder dem Blumenhandel nicht, das wäre wohl eine grobe Ungleichbehandlung.“

Verband: "Branche besonders betroffen"

Benedikt Föger, Chef des Buchhandelsverbandes, betont gegenüber dem KURIER: "So, wie ich es verstanden habe, hat es mit den Ausnahmen zur Ausgangsbeschränkung zu tun - und nicht mit einer Schlechterstellung des Buchhandels. Es wäre aber angebracht, den Buchhandel auszunehmen und Abholstationen zu erlauben, da man sonst nur den Onlinegiganten in die Hände spielt." Das Infektionsgeschehen würde dadurch sicher nicht negativ beeinflusst werden. Föger, Chef des Czernin Verlags, weiter: "Rund ein Drittel des Jahresumsatzes im Buchhandel wird in der Vorweihnachtszeit erwirtschaftet, und ohne diese Umsätze wird die ohnehin gebeutelte Branche in große Schwierigkeiten kommen. Abholstationen würden ein Teil der Hilfe sein, aber auch finanzielle Unterstützung bei der Digitalisierung und ein entsprechend hoher Umsatzersatz während des Lockdowns, da diese Branche übers Jahr gerechnet ganz besonders betroffen ist."

Föger weiter: "Wir sind in einem konstruktivem Gespräch mit dem Kunststaatssekretariat, das den Buchhandel während der gesamten Pandemie immer außerordentlich unterstützt hat, selbst wenn es andere Ressortzuständigkeiten betroffen hat."  Und: "Wir befürworten Abholstationen für Bücher. Sie dürften aber auf keinen Fall gegen einen höheren Umsatzersatz ins Treffen geführt werden. Zudem finde ich persönlich das Wichtigste für das Weihnachtsgeschäft, aber vor allem für unsere Gesellschaft, dass das Infektionsgeschehen schnell und massiv zurückgeht."

Mayer: "Schmerzt mich persönlich besonders"

"So schlimm es in vielen Bereichen auch ist: oberstes Ziel muss derzeit die Kontakt- und Mobilitätsreduktion sein, um der hohen Infektionszahlen Herr zu werden", sagt Kulturstaatssekretärin Andrea Mayer zum KURIER. "Dazu gehört auch, dass im Moment das Betreten der Kundenbereiche im Handel untersagt ist – und das umfasst auch den Buchhandel, was mich persönlich besonders schmerzt. Das Gesundheitsministerium prüft derzeit, ob eine verfassungsrechtlich tragbare Lösung möglich ist.“

Und: „Viele österreichische Buchhändler haben ihre Online-Angebote heuer bereits stark ausgebaut. Ich lege es allen Buch-Interessierten ans Herz, diese Angebote in Anspruch zu nehmen. Um genau diese Bemühungen zu unterstützen, wird das Kulturressort außerdem demnächst gemeinsam mit dem Hauptverband des österreichischen Buchhandels eine gezielte Fördermaßnahme für Digitalisierungsprojekte in diesem Bereich präsentieren. Details dazu werden in den nächsten Tagen veröffentlicht.“

Buchhändlerin: Weniger Bestellungen als im ersten Lockdown

Gabi Zeiser ist zu Fuß unterwegs. Die Besitzerin der Kinder- und Jugendbuchhandlung Lesewelt im 8. Wiener Gemeindebezirk liefert gerade Bestellungen aus. Gestern war sie alleine am Abend mehr als zweieinhalb Stunden unterwegs. Ebenfalls zu Fuß.

„Diese Regelung verstehe ich überhaupt nicht. Denn im ersten Lockdown konnten die Bücher noch via Abholstation abgeholt werden. Jetzt plötzlich nicht mehr. Für mich ist das aber nicht verständlich, denn ich darf Essen und Getränke als als Take Away abholen, aber bei Bücher nicht. Das ergibt keinen Sinn", sagt sie. Und:  „Das ist ein enormer Mehraufwand für mich. Denn jetzt  muss ich die Bücher austragen.  Ich rufe die Kunden dann an, sage Ihnen, dass ich vor der Tür stehe und stelle Ihnen das Sackerl dann hin. Das passiert alles kontaktlos.“ Eine zusätzliche Person für die Auslieferung anzustellen "kann ich mir nicht leisten“.

Zeisers Einschätzung der Lage: „Es werden definitiv weniger Bücher bestellt als noch beim ersten Lockdown. Es liegt wohl daran, dass viele Schulen offen haben, viele Kinder nicht zuhause sind und die Eltern daher auch weniger Bücher für Sie kaufen. Außerdem ist eine Müdigkeit in der Bevölkerung spürbar. Beim ersten Lockdown dachten noch viele: „Jetzt unterstützen wir die kleine Buchhandlung ums Eck“. Das ist abgeflacht. Und das macht mir Sorgen. Vor allem was das Weihnachtsgeschäft betrifft. Ich habe eine Mitarbeiterin, muss das Weihnachtsgeld bezahlen. Ich bleibe wohl auf unzähligen Adventskalendern sitzen“.

Buchhändlerin: "Amazon zahlt kein Spitalsbett in Österreich"

Ulla Harms betreibt das Buchkontor am Kriemhildplatz in Wien 1150 und das daneben liegende Café namens franzundjulius, das - Corona-Maßnahmen-Konform – auf Abholung umgestellt hat. Es gibt neben Take-Away-Speisen jetzt auch das Buch to go. „Beim ersten Lockdown haben zum Glück viele österreichische Buchhändler schnell reagiert und auf Online-Handel und Versand umgestellt. Aber jedes Buch, das bei mir bei der Tür abgeholt wird, ist die bessere Bestellung. Denn dafür muss ich kein Porto zahlen, es spart viel Zeit, Logistik und Verpackungsmaterial", sagt sie.

„Ich bin in der sehr glücklichen Lage, dass ich neben der Buchhandlung mit dem franzundjulius auch noch ein Kaffeehaus betreibe und ich Speisen zur Abholung anbieten darf. Darunter fällt auch das Buch to go. Damit merkt man auch, wie absurd die gesetzliche Situation ist. Wir gehen genau in das Schlupfloch des bestehenden Gesetzes rein.“

Der Online-Handel funktioniere zwar gut, "aber wir haben schlussendlich einen Verlust. Denn es gibt keine Buchausstellungen in Schulen und Kindergärten und da keine Kunden in unsere Buchhandlung kommen, fallen auch die Zusatzeinkünfte aus. Denn viele nehmen beim Stöbern oder Einkauf auch noch andere Bücher oder Waren mit, etwa Kugelschreiber, Geschenkpapier, Notizbücher." Und auch sie sagt: „Beim zweiten Lockdown sind die Bestellungen nicht mehr so hoch wie beim ersten. Vielleicht liegt es am breiten Angebot an Online-Buchhändlern, aber vielleicht ist die Bevölkerung auch müde geworden und bestellt lieber bei Amazon. Dabei sollte aber jeder berücksichtigen: Amazon zahlt kein einziges Spitalslbett in Österreich.“

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