Wenn der Boss anruft, wird es stressig: Julia Garner ist großartig als „The Assistant“ (neu im Kino). Der Film handelt von der #MeToo-Debatte – im Interview erklärt Regisseurin Kitty Green die Parallelen zum Skandal um Harvey Weinstein

© Polyfilm

Kino
10/18/2020

Interview zu "The Assistant": Kein Film über Harvey Weinstein

Regisseurin Kitty Green über "The Assistant“, den ersten Film über #MeToo: Ähnlichkeiten mit Harvey Weinstein sind nicht zufällig

von Alexandra Seibel

Den Boss selbst sieht man nie. Manchmal hört man ihn hinter seiner Cheftür lachen oder durchs Telefon drohen. Doch seine Macht ist allgegenwärtig. Seine Belegschaft fürchtet ihn.

Den meisten Druck aber bekommt seine junge Assistentin Jane ab. Jane ist zwar die Abgängerin eines Elite-Colleges, doch ihre Arbeit in der berühmten Filmfirma besteht vorwiegend aus Kaffee kochen, am Kopierer stehen, Sandwiches holen und die Kinder des Chefs bespaßen.

Die Assistentin – von Julia Garner großartig gespielt zwischen Renitenz und Unterwerfung – beobachtet schon länger, dass sich hinter den verschlossenen Türen seltsame Dinge abspielen. Junge Frauen, die sich für Jobs bewerben, sprechen zu nachtschlafenden Zeiten vor verschwinden mit dem Boss in Hotelzimmern.

Nein, „The Assistant“ ist kein Film über Harvey Weinstein, den berüchtigten Filmmogul, der mittlerweile eine Gefängnisstrafe für Vergewaltigung absitzt (siehe Kasten). Doch es ist der erste Film, der den Weinstein-Skandal zum Thema macht, also der erste #MeToo-Film, der aus der Zeit vor #MeToo erzählt.

„The Assistant“ (jetzt im Kino) ist das Spielfilmdebüt der australischen Doku-Regisseurin Kitty Green und absolut sehenswert – weil brillant, packend und pointiert.

KURIER: Wie einflussreich war der Skandal um Harvey Weinstein für die Entwicklung Ihres Films?

Kitty Green: Ich habe bereits an meinem Projekt gearbeitet, bevor die Weinstein-Enthüllungen losgingen. Damals war sexueller Missbrauch in der Filmindustrie noch kein Thema, wurde aber bereits heftig auf dem Universitätscampus diskutiert. Deswegen wollte ich mich dort darauf konzentrieren. Als dann die #MeToo-Bewegung Fahrt aufnahm, habe ich meinen Fokus verlagert. Ich kenne viele Leute in der Filmindustrie, auch solche, die für Harvey Weinstein gearbeitet haben. Insofern bekam ich Zugang zu einer Menge Hintergrundgeschichten, die meinen Film dann umso authentischer machten.

Sie haben zur Vorbereitung viele Frauen interviewt. Was hat Sie an deren Berichten am meisten schockiert?

Wenn man Menschen interviewt, die für sehr mächtige Leute arbeiten, hört man natürlich die verrücktesten Geschichten – von Hubschraubern bis hin zu Aktentaschen voller Geld. Ich habe mich aber vor allem für die Banalitäten des Bösen und die Routinen interessiert, die sich in allen Gesprächen wiederholt haben, egal, ob die Frauen für jemanden wie Weinstein oder einen Architekten gearbeitet haben. Es war beängstigend zu sehen, wie weitverbreitet bestimmte Verhaltensmuster sind. Ich wollte, dass das Publikum seinen eigenen Arbeitsalltag wiedererkennen kann.

Haben Sie deswegen die Spielfilmform gewählt?

Genau. Mein Film besteht aus diesen kleinen, abwertenden Gesten, Blicken und Micro-Aggressionen, denen die Assistentin den ganzen Tag über ausgesetzt ist. Es sind oft Dinge, die von der Umgebung kaum wahrgenommen werden, die aber das Selbstvertrauen einer Person und deren Karriereverlauf nachhaltig beschädigen können. Mit einem Spielfilm konnte ich beispielsweise mithilfe einer Großaufnahme zeigen, wie sehr sie von der vergifteten Arbeitsatmosphäre, in der sie sich befindet, verletzt wird. Außerdem: Hätte ich einen Dokumentarfilm gemacht, dann hätte das vielleicht nach einer langen Leier aus weiblichen Beschwerden geklungen, und das wollte ich vermeiden (lacht).

Die Assistentin sitzt mit zwei männlichen Kollegen im Büro, die auf den ersten Blick recht nett wirken. Sie sind es aber auch, die ihr den Hörer weiterreichen, wenn die brüllende Chefgattin anruft, damit sie sie "von Frau zu Frau“ beruhigt, oder einen Witz machen, den sie nicht mit ihr teilen.

Ich habe den Frauen, die ich interviewt habe, eine einfache Frage gestellt: Was hindert euch daran, in eurem Job Karriere zu machen? Die Geschichten haben sich wiederholt: Die jungen Frauen werden beauftragt, Kaffee zu kochen, Kopien zu machen und auf Kinder aufzupassen, während die jungen Männer an Sitzungen teilnehmen und ihre Kompetenz beweisen. Diese Arbeitsaufteilungen bestimmen das Selbstbewusstsein und beeinflussen Karrieren.

Warum haben Sie sich dazu entschlossen, den Boss nicht zu zeigen und nur seine Stimme hörbar zu machen?

Ich habe das Gefühl, dass es bereits genug Filme über „böse Männer“ gibt. Mein Film sollte von Frauen handeln und davon, was sie an ihrem beruflichen Fortkommen hindert. Ursprünglich kam „der Boss“ im Drehbuch gar nicht mit eigenem Text vor. Doch beim Drehen habe ich gemerkt, dass ich das Gesicht der Assistentin in der Nahaufnahme zeigen will, wenn sie ihren Boss am Telefon hat. Und dann musste auch hörbar werden, was er zu ihr sagt, sonst wäre die Wirkung seltsam gewesen. Aber wie gesagt, ich habe ihn absichtlich soweit wie möglich draußen gelassen, damit es eine Geschichte bleibt, die sich auf eine weibliche Erfahrung konzentriert.

Wollten Sie auch vermeiden, dass Ihr Film das Label „Ein Film über Harvey Weinstein“ verpasst bekommt?

Ja, wobei ich keine Angst hatte, dass das ein Problem sein könnte (lacht).  Mir geht es um mehr als einen einzelnen Typen wie Harvey Weinstein. Jetzt, wo er im Gefängnis sitzt, ist das Problem bei Weitem nicht behoben.  Es ist ein kulturelles Problem: Es geht um eine vergiftete Arbeitsatmosphäre, die Übergriffe ermöglicht. Die jungen Männer in meinem Film, die glauben, sie haben einfach Spaß, merken nicht, dass auch sie Teil dieses  Systems sind.

Die Assistentin geht zum Personalchef, um sich über die Vorgänge zu beschweren, die sie hinter den verschlossenen Cheftüren mit den Jobbewerberinnen vermutet.

Die Ereignisse spielten sich ab, bevor es die #MeToo-Bewegung gab. Es herrschte eine Kultur des Schweigens. Damals gab es noch keine Sprache, mit denen die Assistentin die Ereignisse beschreiben konnte, die sie beobachtet hatte. Entweder es handelte sich um Vergewaltigung – oder nicht. Über all die Graubereiche dazwischen wurde nicht gesprochen.

Das hat sich durch #MeToo grundlegend verändert.

Heute, wenn man von all diesen vielen Missbrauchsgeschichten hört,  fragt man sich, warum  das  so lange verschwiegen werden konnte? Aber es gab eben keinen Ort, wohin man sich wenden konnte. Darum ist es so befreiend, dass wir jetzt  unsere Anliegen artikulieren können. Das Corona-Virus hat jetzt alles durcheinandergebracht. Schauen wir einmal, was passiert, wenn wir wieder an unseren Arbeitsplatz zurückkehren – was hoffentlich nicht mehr allzu lange dauert. 

Enthüllungen

Es ist ziemlich genau drei Jahre her: Am 5. Oktober 2017 veröffentlichten die Journalistinnen Jodi Kantor und Megan Twohey in der New York Times einen folgenschweren Artikel. Sie bezichtigten Harvey Weinstein,  einflussreichen Filmproduzenten und Chef von Miramax, sich gegenüber Dutzenden von Frauen über Jahrzehnte der sexuellen Belästigung, Nötigung oder gar der Vergewaltigung schuldig gemacht zu haben. Zu den Frauen, die angaben, sexuell belästigt worden zu sein, zählten Rose McGowan, Asia Argento und Angelina Jolie

Verurteilung

Harvey Weinstein wurde in zwei von fünf Anklagepunkten – Vergewaltigung und sexuelle Nötigung – schuldig gesprochen und am 11. März 2020 zu 23 Jahren Gefängnis verurteilt

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