Aus der einsamen Schülerin Greta Thunberg (Mitte), die sich für Klimaschutz engagiert, wird eine globale Jugendbewegung

© Stadtkino Filmverleih

Kultur
10/16/2020

Doku über Greta Thunberg: "Ich will, dass ihr in Panik ausbrecht"

Der Doku-Regisseur Nathan Grossman über sein turbulentes Jahr mit der Klimaschutz-Ikone Greta Thunberg.

von Alexandra Seibel

Als der schwedische Fotograf und Doku-Filmemacher Nathan Grossman die 15-jährige Schülerin Greta Thunberg kennenlernte, saß sie alleine vor dem schwedischen Parlament und streikte.

Sie hielt ein selbst gebasteltes Pappschild in der Hand, auf dem zu lesen stand "Skolstrejk för klimatet". An diesem Tag sprachen gerade einmal drei Leute das junge Mädchen auf sein Anliegen an.

Kaum ein Jahr später gingen Millionen junge Menschen für „Fridays for Future“ auf die Straße und protestierten gegen die Klimazerstörung – inspiriert von dem Vorbild Greta Thunbergs.

Damit hatte Nathan Grossman nicht gerechnet, als er die Schülerin fragte, ob er für ein, zwei Tage ein paar Probeaufnahmen mit ihr machen dürfte. Der junge Schwede, Jahrgang 1990, war durch den Hinweis eines Freundes auf die Klimaaktivistin aufmerksam gemacht worden: „Zuerst konnten wir Greta gar nicht finden“, erzählt er im KURIER-Gespräch über die Entstehung seiner sympathisch-berührenden Doku „I Am Greta“ (derzeit im Kino): „Aus den zwei Tagen wurde dann etwas mehr als ein ganzes Jahr.“

Die Zufälligkeit der Begegnung bestimmte auch die Form des Films, die als Fernsehproduktion auf der Disney zugehörigen Streaming-Plattform Hulu einem Millionenpublikum angeboten wird: „Anfänglich hatte ich keine Ahnung, wo es hingehen sollte“, gibt Grossman offen zu: „Ich fand, Greta hatte eine faszinierende Stimme. Mir schien, das könnte eine interessante Sachen werden.“

Nathan Grossman war also von Anfang an dabei, als sich die Ereignisse zu überschlagen begannen und ihn zum Zeugen eines rasanten Aufstiegs machten: Aus der unbekannten schwedischen Schülerin mit dem Asperger Syndrom wurde eine Ikone der internationalen Jugendbewegung im Kampf gegen den Klimawandel.

Grossman beobachtet Greta bei ihren fulminanten Reden vor den Horden gaffender Erwachsener, die das bezopfte Mädchen – besonders am Anfang – mit offenem Mund anstarren: „Mein Name ist Greta Thunberg“, bekommen sie entgegengeschleudert: „Ich komme aus Schweden. Ich will, dass ihr in Panik ausbrecht.“ Getreulich dokumentiert er den Sog der Popularität, der Greta ergreift und zu EU-Versammlungen in Brüssel und Straßburg oder zur UN-Klimakonferenz nach Kattowitz spült.

An diesem Punkt bekommt „I Am Greta“ Züge eines Roadmovies, wenn Greta im Elektroauto oder im Zug von einem Termin zum nächsten reist und organische Bohnen aus der Dose isst.

Vater-Tochter

Greta ist dabei immer in Gesellschaft ihres Vaters Svantje, der sich bemüht, seiner Tochter zwischen Hotelzimmern und öffentlichen Auftritten familiäre Stabilität zu bieten. Grossman ist mit seiner Kamera anwesend, wenn Greta in ihrem Hotelzimmer an einer Rede schreibt, zunehmend verzweifelt und mit dem Vater zu streiten beginnt: „Du musst etwas essen“, versucht Svantje seine aufgeriebene Tochter zu beruhigen.

Manchmal will der Vater auch gute Ratschläge austeilen, etwa, wenn er der Tochter nahelegt, Worte wie „Massenaussterben“ zu vermeiden – das sei zu harsch. „Es ist mir egal, wenn ich mich unbeliebt mache“, bekommt er harsch zur Antwort.

„Es war schwierig, die Balance zwischen der privaten und der öffentlichen Greta zu finden“, meint Grossman, dem immer wieder berührende Momente gelingen, in denen er Bilder von Greta Thunberg jenseits ihres publiken Images erhascht: „Greta hat sich im Verlauf der Dreharbeiten verändert. Ich sage nicht, dass mein Film ein Coming-of-Age-Film ist, aber er hat Anklänge davon: Anfänglich war Greta sehr schüchtern und verschlossen, doch mit der Zeit begann sie sich zu öffnen.“

Obwohl sich Grossman über weite Strecken mit Greta „On Tour“ und in der Gegenwart ihrer Auftritte vor der Weltöffentlichkeit befindet, punktiert er seine Aufnahmen auch mit familiären, privaten Einblicken. So offenbaren alte Home-Movies der Thunbergs, dass Fliegen, Fleisch und Konsum ganz oben auf der Prioritätenliste der Familie stand, ehe die älteste Tochter begann, sich für Klimaschutz zu interessieren.

Wiener Hofburg

In versonnenen Interview-Passagen erinnert sich Greta daran, wie schlecht sie als Kind von ihren Mitschülern behandelt wurde, dass sie an schweren Depressionen litt und drei Jahre mit niemandem außerhalb der Familie sprach. In starkem Kontrast dazu sieht man sie dann wiederum neben Staatsoberhäuptern wie Emmanuel Macron stehen, der verlegene Gespräche mit ihr führt („Liest du viele Bücher über Klimaschutz?“) – oder neben Alexander Van der Bellen in der Wiener Hofburg.

Doch trotz des vielen Händeschüttelns mit Welt-Promis wie Arnold Schwarzenegger und dem Papst oder Auftritten vor jubelnden Menschenmassen, wird Greta Thunberg auch immer wieder von Gefühlen der Vergeblichkeit überwältigt, weint und weiß nicht mehr weiter: „Ja“, sagt Nathan Grossman: „Wenn man dieselben Botschaften wiederholt und dafür gehasst wird; aber auch, wenn einem die Leute dafür auf die Schultern klopfen, sich aber trotzdem nichts ändert – das ist einfach frustrierend. Und von dieser Frustration erzählt auch mein Film.“

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