Kultur
28.02.2013

Seitensprung mit Hotdog

Präsident Roosevelt hat in "Hyde Park am Hudson" eine Affäre und bekommt Besuch.

Auch der Präsident der Vereinigten Staaten bedient sich des ältesten Schmähs der Welt: „Darf ich Ihnen meine Briefmarkensammlung zeigen?“ fragt Franklin D. Roosevelt – kurz: FDR – seine Cousine fünften Grades. Und wenig später schon hat er seine Hand auf ihrem Knie und sonst wo.

Bis zum Jahr 1991 wusste die Welt nicht, dass es dieses erotische Verhältnis überhaupt gab. Erst als Margaret „Daisy“ Suckley – besagte Cousine – hundertjährig verstarb, konnte man sich in ihren Tagebüchern über die Affäre schlaumachen.

Regisseur Roger Michell („Notting Hill“) nahm diese Enthüllungen zum Anlass, um daraus eine Art Mittsommernachtskomödie zu basteln, die noch etwas mehr Komödie vertragen hätte. Immerhin konnte er für die Rolle des FDR den komisch-lakonischen Bill Murray gewinnen, der mit gebleckten Zähnen den Frauen und den Journalisten-Kameras entgegen grinst. Murray spielt den anlassigen Präsidenten einen Hauch degoutant, während Laura Linney als das beglückte Fräulein zumeist ein demütig-verliebtes Gesicht macht. Und gerade, als die Affäre am Höhepunkt ist – wir schreiben Juni 1939 –, kommt erstmals das britische Königspaar nach Amerika und besucht Roosevelt auf seinem Landsitz Hyde Park am Hudson.

Stottern

Nun ist der stotternde König Georg VI. der cinephilen Menschheit schon deswegen ein Begriff, weil er als Hauptfigur in „The King’s Speech“ mit einer Menge Oscars überhäuft wurde. Und auch hier ist „Bertie“ – so sein Kosename – wieder wild am Stottern. Doch FDR – aufgrund seiner Kinderlähmung gehbehindert – bietet dem Briten über einem Glas Whiskey (und unter Ausschluss der mühsamen Ehefrauen, versteht sich) seine Männerfreundschaft an.

Und letztlich auch seinen Beistand gegen Hitler.

Zu einen der witzigsten Szenen in einer ansonsten leicht dahin plätschernden Bio-Pic-Angelegenheit, zählt zweifellos ein Picknick, bei dem die pikierten Royals die US-Wählerschaft auf ihre Seite ziehen sollen. Zu diesem Zweck beißt Bertie mit Todesverachtung in einen garnierten Hotdog – und beweist damit den jubelnden Amerikanern seine Volksnähe.

Dass Daisy in der Nacht des königlichen Besuches eine große Liebesschlappe erlebt, berührt uns ebenfalls nur sachte. Wie letztlich alles eine nett erzählte, zart amüsante Fußnote bleibt – zwischen Seitensprung und Staatsräson.

Info: UK 2012. 95 Min. Von Roger Michell. Mit Bill Murray, Laura Linney.

KURIER-Wertung: **** von *****

Wenn die Kinder keine Briefe mehr beantworten

Svetlana fehlt vorne ein Zahn und sie hört Stimmen. Die Medikamente, die sie nehmen muss, sind so schwer, dass sie dauernd einschläft. Deswegen beschließt sie, im Stehen zu rauchen – um sich nicht selbst in Flammen zu setzten.

Svetlana lebt mit anderen Frauen in dem Wiener Caritas-Haus Miriam, wo Regisseur Arash T. Riahi vor rund zehn Jahren seinen Zivildienst absolviert hat. Nun kehrte er zurück und beobachtet das Leben von vier Bewohnerinnen, die dort vor der Obdachlosigkeit Zuflucht gefunden haben.

Psychische Störungen, Sucht, Arbeitslosigkeit und dann der Verlust der bürgerlichen Existenz: für Mütter besonders schlimm, wenn sie auch noch ihre Kinder verlieren – wie etwa Daniela, deren Söhne ihre Briefe nicht mehr beantworten wollen.

Doch trotz Kummer und Leid versinkt Riahis lebhafte Doku nie im Trübsal. Immer wieder sucht die Kamera nach kleinen Auswegen – und seien es auch nur die Kletterpflanzen im Hof. Und auch die Frauen kämpfen weiter um ein besseres Leben – und sei es auch nur der Erwerb eines neuen Zahns.

Info: Doku. Österreich 2012. 94 Minuten. Von Arash T. Riahi.

KURIER-Wertung: **** von *****

An den Zehen saugen in der Männergruppe

Der österreichische Kabarettfilm hat einen neuen Tiefpunkt erreicht. Er heißt „Zweisitzrakete“, will eine romantische Komödie sein und hat immerhin die halbe heimische Schauspieler-Prominenz im Angebot. Allen voran den überaus talentierten Manuel Rubey, der sich hier in einer Klamotte auf unterem Schüler-Niveau verschwendet. Als Fotograf eines Bezirksblatts knipst er den Frauen auf den Hintern und schmachtet seine „beste Freundin“ an, die sich in einen Südtiroler Schinken-Piloten verliebt.

Die Abfolge schlechter Gags („Was ist Bozen?“) ist schwer zu überbieten. Es sei denn, man findet es witzig, wenn Tauben sprechen und junge Menschen Tomaten vom Stephansdom schmeißen. Oder gleich – á la „Mission Impossible“ – im Technischen Museum einbrechen, um die Titelheldin zu stehlen.

Nicht zu vergessen die unsägliche Männerselbsthilfegruppe: Dort machen die Herren Schreitherapie und gestehen, dass sie gerne Super Mario wären. Und an den Zehen ihrer Geliebten saugen wollen. Wie sagt doch die eine Taube zur anderen? „Lieb ist das.“ Lustig nicht.

Info: Komödie. Ö 2013. 92 Min. Von Hans Hofer. Mit Manuel Rubey, Simon Schwarz, Alissa Jung.

KURIER-Wertung: ** von *****

Generationskonflikt mit Schmalz-Happy-End

Manche Kinder sind schwieriger als andere. Und manche Enkel auch. Nicht, dass sie die gesunde Watsche brauchen. Aber ein gezieltes „nein“ wäre schon mal ganz gut.

Arty Decker ist ein Mann der alten Schule. Mit dem modernen Erziehungsgewäsch, mit dem seine Enkelkinder verhätschelt werden, hat er nichts am Hut. Und kaum ist er mit den Kindern allein, werden die Samthandschuhe ausgezogen.

Billy Crystal und Bette Midler als Großeltern, die drei rabiate Enkel beaufsichtigen, kämpfen sich tapfer durch halblustiges, süßliches Komödienmaterial. Der Clash der Generationen wird durch übertriebene Klischees angeheizt, um sich dann im schmalzigen Familienidyll wieder aufzulösen.

Info: Komödie. USA 2012. 105 Min. Von Andy Fickman. Mit Billy Crystal, Bette Midler, Marisa Tomei.

KURIER-Wertung: *** von *****

Wer knuspert an meinem Häuschen?

Eine wüste Mischung aus blutrünstigem Splatter-Horror und sadistischer Zombie-Jagd: Hänsel und Gretel sind längst erwachsen und verdingen sich als Hexenjäger. Mit schweren Feuerwaffen auf den Schultern ballern sie sich durch den bayerischen Ex-Märchenwald und zermanschen die Köpfe von Untoten. Trash-Orgie, kurz und blutig.

Info: Horror. USA 2012. 83 Min.Von Tommy Wirkola. Mit Gemma Arterton, Jeremy Renner.

KURIER-Wertung: ** von *****

" Kern"
Doku: Peter Kern ist Filmregisseur und Schauspieler. Kern ist ein Gefangener seines massigen Körpers. Und: Kern ist echter Wiener. Charmant, witzig, hinterfotzig. Veronika Franz, Filmkritikerin des KURIER, und Severin Fiala haben mit ihrem Doku-Filmdebüt „Kern“ ein zärtliches, überaus sehenswertes Porträt vorgelegt.

KURIER-Wertung: **** von *****

"Invasion"
Thriller: Burghart Klaußner bekommt als einsamer Witwer Besuch, der nicht mehr abreisen will. Skurriler Psycho-Thriller.

KURIER-Wertung: *** von *****

"3096 Tage"
Drama: Die Verfilmung des Kampusch-Dramas. (Lesen Sie die ausführliche Kritik hier)

KURIER-Wertung: *** von *****

"Life in Stills"
Doku: Witziges und zärtliches Porträt von Miriam Weissenstein – Witwe des Fotografen Rudi Weissenstein – und ihres Enkels, mit dem sie in Tel Aviv ein Fotogeschäft betreibt.

KURIER-Wertung: **** von *****