"Du bist genauso an mich gefesselt"
Es gibt ein Buch der Mutter, ein Buch des Vaters, ein Buch von Natascha Kampusch selbst. Es gibt mehrere TV-Dokumentarfilme. Und jetzt also einen Spielfilm. Die Frage, die uns daher zur Weltpremiere von "3096 Tage" in Wien beschäftigt: Kann man eine Schreckensgeschichte wie die von Natascha Kampusch verfilmen wie jeden anderen Allerweltsstoff? Als Konfektionsware fürs Kino?
Man kann. Regisseurin Sherry Hormann führt das routiniert vor. Aber ist das gut so? Gleich zu Anfang, wenn die Darsteller in Wien Englisch sprechen und norddeutsch synchronisiert sind, vermeint man sich in einer (unfreiwillig komischen ) Aktenzeichen XY-Folge. Doch so schlimm, man muss es sagen, wird es dann nicht.
Erste Eindrücke aus "3096 Tage"
Tagebuch
Keinen Moment lang kann man sich bei " 3096 Tage" dem Gedanken entziehen, dass die schrecklichen Details dieses Kellerkammerspiels der Wirklichkeit entliehen sind. Wenn Kampusch dauernd ausgehungert und nackt, nur in übergroßen, weißen Feinripp-Herrenunterhosen herumlaufen muss. Wenn sie beim Sex mit Kabelbinder an Wolfgang Priklopil gefesselt ist. Wenn sie auf ihr Tagebuch aus Klopapier notiert, wie oft dieser sie geschlagen hat. „Mindestens 60 Schläge ins Gesicht. 10–15 Übelkeit verursachende Schläge mit der Faust auf den Kopf, ein Fausthieb voller Wucht auf mein rechtes Ohr.“
Wenn der kleinbürgerliche Reihenhaus-Diktator „Gehorche! Gehorche! Gehorche!“ endlos besessen in die Abhöranlage ruft, die er in das Kellerverlies eingebaut hat, und danach munter im Garten Cocktails für seine Mama mixt. Gut, wir wissen: Viele Filme beruhen auf wahren Ereignissen. Aber wie dramatisiert man so einen Stoff?
Man kann es vorwegnehmen: Die Deutsch-Amerikanerin Sherry Horman ("Wüstenblume") hat sich bemüht (und mit Amelia Pidgeon und Antonia Campbell-Hughes zwei beeindruckende Kampusch-Darstellerinnen gefunden). Doch zwischen Hinschauen und Wegschauen, zwischen Dezenz und Hau-Drauf findet sie keinen Weg, dem Stoff eine überzeugende Form zu geben. Was will sie (und was wollte Bernd Eichinger, auf dessen Drehbuch-Fragment der Film basiert) mit so einem Film? Unterhalten? Wohl kaum. Zum Nachdenken bringen? Dazu müsste der Film über den wahren Fall hinausgehen, den Täter mehr in den Mittelpunkt rücken (wie Markus Schleinzer das so fulminant in "Michael" gemacht hat).
Wenig
Doch über Wolfgang Priklopil (überdeutlich verrückt gespielt vom Dänen Thure Lindhardt) hat dieser Film wenig zu sagen. Schließlich beruht er ja auf der Autobiografie von Kampusch. Aus ihrer Perspektive wird erzählt. Immer wieder sieht man zwar auch Szenen mit Priklopil allein, wie er etwa im Supermarkt Tampons einkaufen geht. Nachdem sich folgender Dialog abgespielt hat: Natascha (überrascht): „Ich habe meine Periode, meine Tage!“ Darauf Priklopil: „Jetzt schon? Ist das eklig!“
"3096 Tage" ist eine Opfer- und Heldengeschichte: Ein Mädchen wird geraubt, versklavt, geprügelt, gefoltert und befreit sich selbst. Sagt Sätze wie: „Du bist genauso an mich gefesselt wie ich an dich“. Am ehesten kann man daher diesen Film als Aufarbeitung von Natascha Kampusch annehmen; als eine Art filmische Rehabilitation von Kampusch gegenüber der Boulevardpresse, mit der Fragen beantwortet werden wie: Wieso sie nicht geflüchtet ist, wo sie doch mit Priklopil Ski fahren war und im bauMax. Oder wie das mit dem Sex war. Dies zumindest ist dem Film gelungen.
KURIER-Wertung: *** von *****
Was zieht man an, wenn man zu „so einer“ Premiere eingeladen ist? Dunkel? Gedeckt? Keine High Heels? Was trinkt man zu „Schicksal pur“? Wenig? Nur Wasser? Gar nichts? Und ist eine flächendeckend betroffene Mimik tatsächlich den ganzen „Event“ durchzuhalten? Also: kein helles Auflachen? Keine übertriebenen Begrüßungsrituale? Keinerlei oberflächlicher Tratsch?
Hm ... Fragen über Fragen für die stilistisch ohnehin gern mal überfragte Prominenz.
Alle haben tausend Fotos von „ihr“, aber kaum einer ein konkretes „Bild“. Liegt wohl am seltsam berührenden und bewundernswerten Selbstbewusstsein dieser jungen Frau, die doch nie eine sein durfte.
Höchst interessiert hingegen: Der Staranwalt Manfred Ainedter (61). Er betrachtete den Film „rein beruflich“– als Vertreter von Heinz H., dem inkriminierten besten Freund des Natascha-Entführers.
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