Spielt „I Am From Austria“ bewusst nicht als tägliche Hymne: Ö3-Programmchef Georg Spatt

© Orf/Martin Krachler

Interview
04/04/2020

Ö3-Chef Spatt: "Das Betonen des Nationalen ist total gefährlich“

Ohne rituelles "I Am From Austria": Der Ö3-Programmchef über die Funktionen des dominanten Radiosenders in Zeiten der Corona-Krise.

von Thomas Trenkler

Am 26. März hat sich Georg Spatt, Programmchef von Ö3, mit seinem Team im Studio in Heiligenstadt einkaserniert. Büros wurden zu Schlafzimmern, es gibt eine Kantine – und Fitnessgeräte. Die hat man sich vom benachbarten Studio Manhattan ausgeborgt, das wegen der Coronavirus-Maßnahmen geschlossen ist. Weitere Möglichkeiten zur Zerstreuung fehlen. Und so hat Spatt, 1966 in Wien geboren, viel Zeit für ein langes Interview mit dem KURIER.

KURIER: Ö3 hat seinen Charakter stark geändert. Warum?

Georg Spatt: Wir erleben eine außergewöhnliche Zeit. Das wirkt sich natürlich aus. Wir passen unser Programm dem Lebensumstand unserer Hörerinnen und Hörer an, das sich mit Einsetzen der Ausgangsbeschränkungen ganz massiv verändert hat. Das ist allerdings nichts Neues: Im Sommer spielt Ö3 „Radio Holiday“, weil das Land in einer anderen Stimmung ist. Und auch jetzt ist es in einer anderen Stimmung. Wir glauben, dass Ö3 so etwas wie ein Stimmungsbarometer ist und sich über die Befindlichkeit im Land definiert. In der Früh dauert der „Ö3 Wecker“ eine Stunde länger, bis 10 Uhr. Untertags gibt es das „Ö3 Gemeinderadio“: Man macht sich gemeinsam Sorgen, man hilft sich gegenseitig oder verbringt auch nur gemeinsam den Tag. Daher haben wir auch die Musikprogrammierung geändert – hinsichtlich Abwechslung und Ablenkung.

Ein Barometer misst den Luftdruck. Ö3 erzeugt ihn auch?

Nein. Unsere wesentliche Aufgabe zurzeit ist sicher die Information. Man weiß seit über 50 Jahren: Zur vollen Stunde gibt’s die Nachrichten. Wir erreichen täglich etwa 2,7 Millionen Menschen – und darunter sehr viele, die sich auf den Punkt gebrachte Information holen wollen. In Zeiten mit außergewöhnlichen Rahmenbedingungen ist das Informationsbedürfnis natürlich noch einmal gestiegen. Wir achten daher sehr darauf, dass wir nicht Stimmung machen, sondern berichten. Und im Unterhaltungsprogramm greifen wir vorhandene Stimmungen auf.

Versucht Ö3 nicht ganz bewusst, gute Stimmung zu machen?

Der „Ö3 Wecker“ will den Tagesbeginn ein bisschen leichter machen. So, wie auch der Kaffeeduft den Tag ein bisschen leichter macht. Unser altes Motto lautet: „Das Leben ist ein Hit.“ Er gilt – das meine ich nicht zynisch – auch jetzt. Ein Großteil der Hörerinnen und Hörer findet das Leben derzeit nicht unbedingt wahnsinnig erfreulich. Daher geht es uns neben der Berichterstattung schon auch darum: Wie kann man das Beste daraus machen? Und wie kommen wir da heraus? Daher gibt es zum Beispiel die Sozialaktion „Team Österreich“. Das ist im Prinzip eine Selbsthilfegruppe wie die „Ö3 Driver“, die sich gegenseitig über das Verkehrsgeschehen informieren. Nur dass es da um Nachbarschaftshilfe geht. 

Sie senden eindeutige Botschaften aus – über die Musik. Man hört „Don’t Worry, Be Happy“ von Bobby McFerrinMonty Pythons „Always Look at the Bright Sight of Life“ könnte wohl auch ein Revival erleben … 

Falls wir den Song nicht ohnedies schon gespielt haben: Ich greife die Anregung auf!

Von Wolfgang Ambros hörte man „A Mensch mecht i bleib’n“. Auf „Heit drah i mi ham“ aber wird man vergeblich warten.

Wir haben auch wenig Nick Cave im Programm. Im Sommer spielt man andere Musik als im Winter, in der Früh andere als in der Nacht. Ja, wir überlegen, wie wir auch in der musikalischen Farbe stimmungsmäßig ein bisschen was beitragen können.

Der Auftrag lautet, keine depressive Stimmung aufkommen zu lassen?

Mich stört das Wort „Auftrag“. Das klingt, als würden wir von jemanden beauftragt worden sein. Dagegen verwehre ich mich als Programmmacher und Journalist. Nachrichten müssen ausgesprochen werden, auch wenn sie unerfreulich sind. Das gilt für Ö3 uneingeschränkt. Aber es stimmt: In unserer Unternehmens-DNA ist seit der Gründung 1967 verankert, positiv nach vorne zu schauen. Das klingt jetzt nach Sekte, das will ich nicht. Schlussendlich sind wir nur ein Radiosender, der begleitet. Aber diese Funktion ist uns wichtig: Wir wollen ein guter Begleiter sein. Ein Begleiter, der motiviert.

Der Kanzler hat die Metapher vom Marathon gebraucht …

Bei einem Marathon muss ich mir die Kraft einteilen, damit ich über die 42 Kilometer komme. Aber jetzt? Niemand weiß, wie lange dieser Dauerlauf geht. Dafür braucht es Unterstützung. Ich selber bin nur einen Halbmarathon gelaufen. Aber ich weiß, dass es motiviert, wenn einem jemand eine halbe Banane reicht. Unsere Hörer müssen den Alltag schon selbst bewältigen. Wir aber – ui, jetzt wird’s pathetisch! - bieten uns an, sie dabei zu begleiten. Auch mit Inhalten, die sie erfreuen, die ihnen helfen. Und da spielt Musik natürlich eine große Rolle. 

Die heimischen Musiker kämpften verzweifelt um mehr Präsenz auf Ö3. Und nun hört man Austropop bis zum Abwinken.

Ja, einen Tag lang haben wir nur österreichische Musik gespielt: Wir kombinierten zum Beispiel etablierte Austropopper mit jungen Musikern. In dieser speziellen Situation, die auch für diese noch nicht so bekannten Künstler mit Existenzängsten verbunden ist, wollen wir den Anteil österreichischer Musik in der Playlist spürbar noch einmal steigern. Auch wenn er schon zuletzt sehr ordentlich war. Es darf allerdings nicht so weit gehen, dass die Hörerschaft das Programm als fremd empfinden. 

Dass sich Ö3 zu sehr an Radio Wien annähert?

Wenn man am Musikprogramm dreht, droht natürlich die Gefahr, dass man verwechselbar wird – oder ungewohnt. Das wollen wir vermeiden. Wir gehen daher sehr behutsam vor. Wir wollen uns weder Radio Wien annähern, noch FM4. Auch wenn wir mehr unbekannte Songs junger Musiker spielen.

Welche Motive liegen dem Programm zugrunde? Identitätsstiftend, beschwichtigend, zusammenschweißend?

Wenn mit „beschwichtigend“ gemeint sein sollte, dass wir versuchen, den Hörern, die sich Sorgen machen, durch gute Information zu beruhigen, dann bin ich dabei. Wenn allerdings gemeint ist, dass wir Realitäten wegschieben würden, dann lehne ich das Wort ab. Identitätsstiftend und zusammenschweißend sind für die Ö3-Gemeinde ganz wesentliche Elemente. 

Sie haben das „Team Österreich“ erwähnt: Ist das Betonen des Nationalen, Patriotischen nicht auch gefährlich?

Total! Ich gebe ein Beispiel: Nicht nur die Polizei hat über Lautsprecher „I am from Austria“ von Rainhard Fendrich gespielt, auch einige Radiostationen haben das getan – jeden Tag um 18 Uhr. Es steht mir nicht an, das zu beurteilen. Wir aber haben uns bewusst dagegen entschieden. Eben aus dem von Ihnen erwähnten Grund. Oder: Der größte Privatradiosender in Bayern spielt jeden Tag um 17 Uhr die Landeshymne – interpretiert auch von Moderatoren. Für Ö3 will ich das nicht, auch wenn viele Hörerinnen und Hörer das mögen würden. 

Gibt es eine Erwartungshaltung der Bundesregierung?

Es gibt nur eine Erwartungshaltung der Öffentlichkeit.

Könnte die Regierung nicht gebeten haben, die Maßnahmen zu unterstützen, damit es nicht zu einer Revolte kommt?

Es gibt einen Austausch. Besprochen wird aber nur, welche Rolle Ö3 bei der Information an die Bevölkerung spielen kann. Es geht ja um Vorgänge, die für uns alle komplett neu sind. Trotzdem gelten, das ist mir wichtig, alle Regeln für ordentlich gemachten Journalismus. Das ist ja auch der große Unterschied zwischen einem öffentlich-rechtlichen Rundfunk und einem Staatsfunk: Es gibt klar vereinbarte Spielregeln im Umgang miteinander. Sie gelten uneingeschränkt – trotz dieser außergewöhnlichen Situation. Es geht ja um unsere Glaubwürdigkeit. Und die muss gewahrt bleiben – über die Krise, in der wir uns befinden – hinaus.

 


Puls4-Infochefin Corinna Milborn sagte im KURIER-Interview: „Wir filtern sehr stark, was wir unseren Seherinnen und Sehern zumuten.“ Es gibt also eine Schere im Kopf. Auch bei Ö3

Bei dieser Problematik geht es hauptsächlich um verstörende Bilder. Nein, es gab bei uns keine Diskussionen darüber, ob Inhalte zumutbar sind. Generell gilt, dass wir keine Details über sexuellen Missbrauch bringen. Ausgeklammert ist zudem – wie bei allen Qualitätsmedien – der Selbstmord. 

Von einer Zunahme häuslicher Gewalt hört man nichts.

Die Gesellschaft verhält sich in der Krise wie der einzelne Mensch. Zuerst ist man schockiert, später wird man böse und so weiter. Ich könnte mir vorstellen, dass wir jetzt, nach der anfänglichen Abenteuer-Stimmung, in diese Phase eintreten. Denn die Krise bleibt – und sie betrifft immer mehr Menschen immer härter. Aber auch das wird Teil unserer Berichterstattung sein. 

Immer wieder wird von Kommentatoren eine Analoge zur NS- Zeit gezogen. Propaganda zumindest wird keine betrieben.

Definitiv nicht. Als politisch interessierter Bürger gebe ich aber immer die Empfehlung ab, sich möglichst vielfältig zu informieren.

 

ORF-Radio als „Bühne“

Die ORF-Radiosender Ö1, Ö3 und FM4 wollen ab sofort den Anteil heimischer Produktionen steigern, um Musikern  den Ausfall der Einnahmen aus dem Live-Bereich ein wenig auszugleichen. 

Junge Austro-Musik: Am 6. April startet Ö3 die „Treffpunkt Österreich Konzertbühne“: Jeweils von Sonntag bis Donnerstag gibt es ab 22 Uhr zwei zusätzliche Stunden heimischer Musik – von Musikern, die im letzten Jahrzehnt ihre Karriere gestartet haben, darunter Oehl, Lisa Pac, Hunger, Filous, Avec, Onk Lou, Möwe, Lou Asril und Ina Regen.

Livestream-Tipps: FM4 bringt u. a. „Stay At Home“-Sessions – und bietet auf der Website einen Überblick über die von heimischen und internationalen Künstlern angebotenen Livestreams.