ORF-Chef Alexander Wrabetz.

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Kultur
03/11/2020

Wie ORF-Chef Wrabetz die Corona-Krise managt

Topquoten versus Krankheitsrisiko: Der Öffentlich-Rechtliche wappnet sich für die Epidemie.

von Philipp Wilhelmer

Fernsehen in Zeiten von Corona: Für den ORF stellen sich praktische Fragen, die nicht ohne sind. Wie hält man den Betrieb im Falle einer großflächigen Ausbreitung des neuartigen Virus aufrecht? Außerdem betrifft das Verbot von Veranstaltungen mit mehr als hundert Personen recht schnell große bis sehr große ORF-Produktionen – die „Dancing Stars“ wurden schon abgesagt. Generaldirektor Alexander Wrabetz über TV-Management in der Krise:

KURIER: Das Coronavirus bestimmt den Informationsalltag – die Fernsehquoten sind im Umkehrschluss hervorragend. Als Gesamtverantwortlicher für den ORF muss Sie das eigentlich freuen.

Alexander Wrabetz: Es zeigt, dass die Information extrem wichtig für das Publikum ist und die Nachfrage sehr groß ist. Meine Aufgabe ist zu schauen, dass das auch sichergestellt ist. Wir müssen die Vorkehrungen treffen, damit die Betriebssicherheit und die Versorgungssicherheit für die Bevölkerung gegeben sind.

Was tut der ORF da konkret?

Wir reduzieren möglichst Außenkontakte, die nicht unbedingt notwendig sind, und gehen dabei bis in den Sendungsbereich. Wir haben „Dancing Stars“ verschoben, was wir uns sehr sorgfältig überlegt haben. Man hätte auch eine Sendung ohne Publikum andenken könne.

Wenn man alle Besucher ausladen würde, wären immer noch an die hundert Personen im Saal: Durch Orchester, Kameraleute ...

Man kommt auch ohne Orchester mit allen, die im weiteren Sinn rund um die Sendung arbeiten – Maske, Gewandmeister, Technik – sehr nahe an hundert Personen. Es unter diesen Voraussetzungen künstlich klein zu halten, hat keinen Sinn. Wir müssen auch Verantwortung übernehmen und sagen: Da müssen wir, so leid es uns auch für das Publikum tut, konsequent sein.

Wie lange können Sie „Dancing Stars“ hinausschieben? Der Erlass der Regierung geht bis 3. April.

Wir gehen davon aus, dass das die nächsten Wochen so sein wird. Und wenn es länger anhält, muss man irgendwann klären, ob man es generell verschiebt.

Wie gehen Sie mit den übrigen Publikumssendungen um? „Willkommen Österreich“ hat Saalpublikum, „Im Zentrum“ ebenso.

Bei manchen Sendungen wird ganz auf Publikum verzichtet, bei anderen wird das Publikum reduziert, damit die Vorgabe von 100 Personen eingehalten wird. Wir versuchen aber auch neues Programm zu produzieren, denn: Die Österreicherinnen und Österreicher wollen zum einen klarerweise Information, aber sie wollen darüber hinaus auch weiterhin ein möglichst attraktives Programm haben. Am Sendeplatz von „Dancing Stars“ überlegen wir etwas mit Kabarett, aber eben ohne Publikum.

Wie verfahren Sie mit der „Millionenshow“, die in Deutschland produziert wird? Dort gilt die Beschränkung auf hundert Personen ja nicht. Puls 4 lässt deshalb deutlich mehr Leute zu „ The Masked Singer Austria“ ins Kölner Studio.

Wir halten uns an die österreichischen Regelungen. Wir haben eine Verantwortung zu zeigen, dass man das ernst nimmt. Es kommt schließlich auch drauf an, dass das von der Bevölkerung verstanden wird. Es wäre verantwortungslos, wäre unser Standpunkt: Nur weil nicht in Österreich produziert wird, ist uns das Verbreitungsrisiko egal.

Es gibt die Empfehlung, Homeoffice zu machen. Wie viele Mitarbeiter des ORF können überhaupt von zu Hause aus arbeiten?

Das wird gerade von Abteilung zu Abteilung festgelegt. Zum Beispiel werden wir ab Freitag bis auf die absolut notwendige technische Betriebsmannschaft die „blaue Seite“ von ORF.at aus dem Homeoffice bespielen. Das sind circa 70 redaktionelle Mitarbeiter, von denen die allermeisten von zu Hause aus arbeiten.

Was Homeoffice angeht, haben Sie als Generaldirektor die Wahl, mit gutem Beispiel voran nach Hause zu gehen , um das Infektionsrisiko zu verringern oder als Kapitän auf der Brücke zu bleiben. Wie tun Sie?

Ich habe mir natürlich einen Homeoffice-Platz eingerichtet, aber bin im Büro. Ich reduziere die Meetings und die Termine extrem. Wir haben beispielsweise gerade die große Runde aller Redaktionen zu Corona gehabt. Da sind normalerweise 20 Leute am Tisch – die wurden diesmal über Skype zugeschaltet.

Was machen die „Seitenblicke“, wenn alle Veranstaltungen in Österreich abgesagt werden?

Die Frage ist, ob es Events unter 100 Teilnehmern geben wird. Jedenfalls wird die Redaktion Promis zu Hause besuchen, um zu erfahren, wie diese mit Corona umgehen.

Macht Ihnen das Thema Sport Sorgen? Zahlreiche Veranstaltungen werden gecancelt oder drohen abgesagt zu werden. Für den ORF sind Fußball und Skifahren Quotenzugpferde. Bei Absage geht uns natürlich etwas verloren, wie etwa zuletzt bei Cortina. Die Spiele der Nationalmannschaft werden wohl durchgeführt werden, wie es aussieht. Da glaube ich, dass es sogar wichtig ist, dass wir übertragen, damit das Publikum trotzdem teilhaben kann. Zwei große Fragezeichen gibt es: Was ist mit der Fußball-Europameisterschaft und was ist mit den Olympischen Sommerspielen? Eine Absage würde uns Schmerzen bereiten. Das sind unsere Quotenhighlights von Juni bis August. Grundsätzlich ist unsere Linie: Dort wo es möglich ist, versuchen wir die Ereignisse dadurch zu ermöglichen, dass wir sie übertragen. Auch im sonstigen Eventbereich.

Sprich: Bei Kulturveranstaltungen wie Theater und Oper.

Bei Veranstaltungen im Kulturbereich, die ohne Publikum stattfinden, werden wir – wenn die Veranstalter das wollen – eine Übertragung ermöglichen. Wir überlegen uns auch, wo man exemplarische Aufführungen in ORFIII bzw. ORF2 stattfinden lassen kann. Was den Einnahmenentfall für die kleineren Veranstalter angeht, können wir nicht wesentlich helfen – aber eine Bühne können wir bieten.

Bei allen Schwierigkeiten stehen Sie als Fernsehmacher vor einer reizvollen Situation. Sie haben so viel Publikum wie sonst kaum und dieses braucht viel gutes Programm. Wie empfinden Sie das?

In solchen Tagen zeigt sich, dass der ORF insgesamt sehr wichtig ist für die Menschen – von der Regionalinformation bis zu nationalem Fernsehen, Radio und Online. Gleichzeitig ist natürlich eine gewisse Anspannung da: Gerade jetzt darf uns nichts passieren, dass dafür sorgt, dass wir genau das nicht mehr leisten können. Dazu gehört auch die Balance, dass man gerade jetzt genügend Unterhaltendes bringt, damit die Leute nicht depressiv werden. Insofern ist das für alle Führungskräfte und das Unternehmen eine herausfordernde Situation. Es stellt sich irgendwann auch die Frage, ob es wirtschaftliche Folgen für uns haben wird. Noch spürt man nichts.

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