Helga Rabl-Stadler kritisiert Albertina-Direktor Klaus Albrecht Schröder: „Ich war ehrlich geschockt über die Aussagen“

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Interview
08/18/2020

Festspiel-Präsidentin hat jeden Tag „eine zitternde Freud’“

Helga Rabl-Stadler über die Salzburger Festspiele in Zeiten von Corona – und die Entsolidarisierung in der Kulturszene.

von Thomas Trenkler

Sie steht da wie eine Feldherrin, applaudiert begeistert – und dirigiert im nächsten Moment die Helferlein. Damit alle beim Verlassen des Festspielhauses die Maske tragen. Helga Rabl-Stadler ist längst mehr als die „Außenministerin“ des Salzburger Renommier-Festivals: Sie ist die Bezwingerin der Krise und die Managerin des Ermöglichens.

KURIER: Ich nehme an, die Hoteliers und Gastronomen liegen Ihnen zu Füßen, auch wenn die Auslastung bei nur 50 Prozent liegt. Oder gibt es auch kritische Stimmen?

Helga Rabl-Stadler: Nein, wir erhalten eigentlich nur euphorische Dankbarkeitskundgebungen. Früher hat man die Festspiele als eine Selbstverständlichkeit angesehen – und daher an ihnen herumgenörgelt. Dass sie nun fast ausgefallen wären, hat zu einem Umdenken geführt. Und ja: Markus Hinterhäuser, den Intendanten, und mich freut es, dass wir dazu beitragen konnten, diese Geisterstadt wieder zum Leben zu bringen. Das war ja schon ein Gründungsauftrag. Denn Max Reinhardt hat drei programmatische Forderungen gestellt: Festspiele als Friedenswerk, Festspiele als Leuchtturm deutscher Kultur – und Festspiele als Wohlstandsbringer im verarmten Salzburg.

Wie geht es Ihnen persönlich? Wachen Sie jeden Tag mit dem mulmigen Gefühl auf, dass sich ein Cluster gebildet haben könnte?

Meine Grundstimmung ist positiv. Eben weil uns so viel gelungen ist und jeden Tag gelingt. Aber der Wiener würde das „eine zitternde Freud’“ nennen. Natürlich geht mir andauernd durch den Kopf: Hoffentlich sind alle gesund! Denn wir wollen den Beweis erbringen, dass man unter dem Vorrang der Gesundheit künstlerisch Sinnvolles und wirtschaftlich Vertretbares machen kann.

Albertina-Direktor Klaus Albrecht Schröder schlug im KURIER-Interview vor, auf das Theater zu verzichten, bis es eine Impfung gibt. Das Grundrecht auf Gesundheit sei höher zu bewerten.

Ich wehre mich gegen den Vorwurf, dass wir das Grundrecht auf Gesundheit gefährden. Wir tragen Masken, wir halten Abstand. Wenn man, wie Schröder, derart rigide Forderungen erhebt, dann dürfte man weder fliegen, noch mit dem Zug fahren. Ich war ehrlich geschockt über die Aussagen. Denn ich lese eine Entsolidarisierung unter den verschiedenen Künsten heraus. Ins Konzert darf ich nicht gehen, ins Museum aber schon? Ich bin der festen Überzeugung, dass Kunst systemrelevant ist. Das gilt für die Oper und das Theater genauso wie für das Museum.

Auch Sie reden gerne von der Kunst als Lebensmittel. Ist das nicht zynisch, wenn die Zahl der Arbeitslosen steigt?

Nein. Die Festspiele wurden nach dem Ersten Weltkrieg in einer Zeit höchster Not gegründet. Es gab damals Hunger und viele Obdachlose. Die Festspiele sorgen für Arbeit. Wir sind gerade heuer ein großer Arbeitgeber. Alle Kulturbetriebe geben Arbeit, selbst die kleinen Galerien mit nur einer Mitarbeiterin. Auch in dieser Frage sollten wir uns nicht auseinanderdividieren lassen. Es hat niemand etwas davon, wenn wir keine Festspiele machen. Und noch ein Satz zum Lebensmittel: Ich bin überzeugt, dass wir gerade in Corona-Zeiten etwas für die Seele brauchen! Ich hatte in den bisherigen Festspielaufführungen das Gefühl, dass es den Menschen wichtig ist, Kunst leibhaftig zu erleben – und nicht nur über das Streaming.

Festspielstimmung will aber nicht wirklich aufkommen. Vor Beginn der Vorstellung von Handkes „Zdeněk Adamec“ herrschte im halb leeren Landestheater betretenes Schweigen – wie vor dem Beginn einer Totenmesse.

Das deckt sich nicht mit meinen Erfahrungen. Ich finde diese Stille sehr schön. Eben weil es die Übereinkunft gibt, etwas gemeinsam live erleben zu dürfen. Und bei den Konzerten gibt es plötzlich keine Huster mehr! Trotzdem wäre es mir natürlich lieber, es gäbe wieder die ursprüngliche Normalität.

Gefehlt hat aber, was normalerweise zu den Festspielen gehört: der Glamour-Faktor, die Prominenten, das Defilee der Abendroben ...

Sie kennen mich: Ich bin ein geselliger Mensch und genieße es, wenn die Festspiele ein Gesamtkunstwerk sind, wenn sich die Menschen schön anziehen, exzellente Musik hören und dann gut essen gehen. Auch Max Reinhardt feierte die tollsten Feste. Aber das ist heuer nicht. Prominente gibt es dennoch. Bundespräsident Alexander Van der Bellen kommt mit seinem deutschen Amtskollegen zur Jubiläumsvorstellung des „Jedermanns“.

Was ist mit Wladimir Putin?

Er wäre wegen „Boris Godunow“ gekommen. Wir mussten diese Oper aber auf 2022 verschieben.

Das Sponsorgeld von Gazprom fließt daher auch erst in zwei Jahren?

Es wurde noch keine Regelung getroffen.

Kommen Sie finanziell halbwegs über die Runden? Die Subventionen wurden zwar nicht gestrichen, aber der Mehraufwand war beträchtlich – für weniger Besucher.

Wir kommen halbwegs über die Runden, aber uns trifft Corona finanziell besonders, weil wir uns normalerweise zu 75 Prozent selbst finanzieren. Heuer aber werden die Karteneinnahmen statt 30 Millionen nur acht Millionen Euro ausmachen. Zudem können wir mit den Konzerten keine Überschüsse erwirtschaften, die dann zum Beispiel dem Zeitgenössischen zugutekommen. Denn aufgrund der Abstandsregelungen dürfen eben statt 6.900 nur 3.000 Personen die drei Muti-Konzerte besuchen. Zum Glück haben wir Rücklagen. Und ich konnte alle Hauptsponsoren halten, darauf bin ich ein schon biss’l stolz. Es wird sich also ausgehen.

Sie haben in der Not ein echtes Erfolgsprodukt auf den Markt gebracht: Die schwarze Festspielmarke-Maske …

Wir haben sie ursprünglich nur für unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter produzieren lassen, aber mittlerweile 3.000 Stück verkauft. Es gibt laufend Anfragen von den Festspielfreunden in Seoul und New York, die nicht nach Salzburg kommen konnten. Es freut mich, wenn man sich über die Maske zu den Festspielen bekennt – und zur Idee, Festspiele auch in Corona-Zeiten zu machen. Wir werden die Maske weiter produzieren lassen. Denn wir müssen wohl noch länger mit der Maske leben.

Auf dieser Maske ist das Logo abgedruckt – zusammen mit dem Schriftzug „100 Jahre“ von William Kentridge. Wie passt das zusammen? Kentridge ist ein sehr politischer Künstler. Und das Logo stammt von einer Frau, die in der NS-Zeit u. a. ein Hitler-Kinderbuch illustrierte.

1928, als Poldi Wojtek das Logo entwarf, deutete nichts darauf hin, dass sie einmal derart in die Irre gehen würde. Es gab eine Jury, in der auch Max Reinhardt saß. Da die Nazis das Logo sofort nach der Machtübernahme 1938 entfernt haben, ist für mich die Marke nicht beschädigt. Aber um völlige Klarheit zu bekommen, haben wir den Zeithistoriker Oliver Rathkolb mit einem Gutachten beauftragt. In einer weiteren Studie wird Wojteks künstlerisches Schaffen analysiert. Am 23. Oktober stellen wir uns all diesen Fragen – und den möglichen Schattenseiten – in einem Symposion.

Und was ist mit dem Herbert-von-Karajan-Platz gleich neben dem Festspielbezirk? Auf der dort montierten Zusatztafel heißt es lapidar: „Er begann seine Karriere im NS-Deutschland.“ Das ist doch verharmlosend. Karajan war Mitglied der NSDAP und wurde in Hitlers „Gottbegnadeten-Liste“ aufgenommen.

Bei uns im Festspielbezirk gibt es nichts, das nach Karajan benannt ist. Der Platz hingegen ist öffentlicher Grund. Sie müssen sich also mit Ihrer Kritik an die Stadt Salzburg wenden. Generell kann ich sagen: Ich spreche mich für eine Kontextualisierung und klare Worte aus. Am Max-Reinhardt-Platz vor dem Haus für Mozart wurden soeben 28 Stolpersteine in den Boden eingelassen. Man kann sie nicht übersehen. Sie erinnern an die verfolgten, jüdischen Künstler der Festspiele, darunter Alma Rosé, Helene Thimig, Arturo Toscanini, Bruno Walter und Paul Wittgenstein. Diese Stolpersteine waren uns ein Anliegen – und sie sind für mich ein eindeutiges Zeichen im Kampf gegen den Antisemitismus.

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