© Thomas Trenkler

Interview
07/30/2020

Hinterhäuser: „Wir sind dazu da, etwas stattfinden zu lassen"

Am 1. August starten die Salzburger Festspiele. Intendant Markus Hinterhäuser über die Jubiläumsausgabe allen Widrigkeiten zum Trotz

von Thomas Trenkler

Am Samstag beginnen die Salzburger Festspiele – coronabedingt ohne Reden, ohne Tamtam – mit der „Elektra“ und dem „Jedermann“. In der Getreidegasse wuselt es – fast wie eh und je. Im Festspielbezirk aber herrschen strikte Sicherheitsvorkehrungen. Die Interviews finden, wenn möglich, nur im Freien statt – auf der sogenannten Presseterrasse unmittelbar über der Felsenreitschule. So auch dieses mit Markus Hinterhäuser. Der Pianist, 1958 in La Spezia geboren, leitet das Festival, das heuer sein 100-Jahr-Jubiläum feiert, seit 2017.

KURIER: Müssten Sie nicht ein oranges Band mit Ausweis um den Hals tragen?

Markus Hinterhäuser: Schon. Aber ich bin ja nicht ganz unbekannt im Festspielbezirk. Wir achten streng auf die Sicherheitsmaßnahmen, es gibt eine unglaubliche Disziplin bei den Mitarbeitern und Künstlern! Und ich wäre verrückt, würde ich mich nicht an die Regeln halten. Die Sorglosigkeit, die es derzeit in Teilen der Bevölkerung gibt, erstaunt mich.

Sie sitzen daher zwei Meter entfernt. Wenn es nach Ihnen gegangen wäre: Hätten Sie die Festspiele abgesagt?

Die Wochen des Lockdowns, in denen man in jedem Menschen, sofern man ihm überhaupt begegnet ist, nur einen möglichen Virusüberträger sah, waren schon bedrückend. In dieser Zeit war es schwierig, irgendeine Art von Perspektive zu formulieren. Aber wir haben im Direktorium mehrere Szenarien entwickelt. Ja, es gab das Szenario einer Totalabsage. Ein anderes berücksichtigte nur den Gründungstag der Festspiele vor 100 Jahren, den 22. August, mit dem „Jedermann“. Doch es war uns auch klar, dass der Lockdown irgendwelche Konsequenzen haben musste. Zum Beispiel, dass die Fallzahlen sinken. In dieser gewissen Stabilität, die Ende Mai erreicht wurde, taten sich Möglichkeiten auf. Es war ein langsames Aufwachen aus der Agonie. Und dann musste es ganz schnell gehen. Wir waren uns ganz sicher: Wenn es nicht nur für uns, sondern für alle – wir wollten nie eine Ausnahmeregelung nur für die Salzburger Festspiele – möglich ist, bis zu 1000 Personen in einen Saal zu lassen, dann könnte die Sache auch Sinn haben.

Auch vom Finanziellen her?

Nein, finanziell macht diese Unternehmung nicht wirklich Sinn. Sie ist alles andere als ein Geschäft. Was wir machen, ist ein Versuch, der alle Mühe wert ist. Und wenn uns Festspiele ohne größere Katastrophen gelingen sollten, kann das ein wertvolles Zeichen für andere Institutionen sein. Ein Zeichen, dass man etwas hinbekommen kann. Wir werden ja mit diesem Virus zu leben haben und es wird noch eine ganze Weile dauern, bis es ein Medikament und oder eine Impfung gibt. Wir können gar nicht anders, als zu einer gewissen Gelassenheit zu kommen, ohne dabei das Virus zu unterschätzen. Es wird nicht gehen, noch einmal den totalen Stillstand auszurufen. Das ist völlig ausgeschlossen.

Lachen steckt an – nun leider auch im wortwörtlichen Sinn. Aber kann sich Begeisterung entfachen, wenn jeder zweite Platz leer bleibt?

Sie wird sich entfachen! Wie – das weiß ich noch nicht. Ich war im Juni bei einem Klavierabend von Daniel Barenboim im Musikverein. Als einer von 100 Menschen, verstreut in diesem wunderbaren, großen Saal. Ich möchte diese doch etwas melancholische Situation nicht noch einmal erleben. Aber ich konnte derart intensiv und ungestört zuhören! Das Konzert war ein Erlebnis. Vollkommen klar ist aber: Mit der alten Normalität kann ich deutlich mehr anfangen als mit der neuen.

Sie haben ein Programm zusammengestellt – mit vielen Bezügen. Und nun mussten Sie es mehr oder weniger kübeln. Geht das überhaupt?

Natürlich, das ist sehr schmerzhaft. Es schmerzt auch, wenn man den Künstlern sagen muss, dass dieses oder jenes nicht realisiert werden kann. Umgekehrt haben die Produktionen, die wir trotzdem bringen können, eine solche Freude hervorgerufen! Künstler brauchen die Bühne, sie brauchen das Publikum. Und wir sind dazu da, etwas stattfinden zu lassen.

Welche Absage hat Sie am meisten geschmerzt?

Das kann ich nicht beantworten. Ich darf mir diese Frage gar nicht stellen. Bei Robert Musil gibt es den Wirklichkeits- und den Möglichkeitssinn. Ich versuche einen Balanceakt, eine Gratwanderung. Das heißt: Die Wirklichkeit ist, wie sie ist. Die Möglichkeit, etwas zu machen, hat sich ergeben. Sie richtet sich nach strengen Sicherheitskriterien und wirtschaftlichen Vorgaben. Gefragt war ein hoffentlich kluger Pragmatismus. Natürlich hätte ich gerne die „Ouverture spirituelle“ gehabt, den „Don Giovanni“ und „Intolleranza“ von Luigi Nono. Aber es geht einfach nicht.

Manches geht ja doch. Wieso plötzlich „Così fan tutte“?

„Don Giovanni“ ist eine auch in technischer Hinsicht sehr anspruchsvolle Inszenierung von Romeo Castellucci. Wir hätten sie aufgrund der Unterbrechung der Produktionsmechanismen gar nicht mehr hinbekommen. Umgekehrt sind 100 Jahre Salzburger Festspiele ohne Mozart nicht wirklich vorstellbar – auch nicht für mich. Im Gespräch mit Christof Loy, der eigentlich die Choroper „Boris Godunow“ hätte machen sollen, entstand die Idee zu „Così fan tutte“. Das Projekt wurde unfassbar schnell realisiert – mit Joana Mallwitz als Dirigentin.

Erstmals dirigiert eine Frau eine Oper. Brechen bei den Festspielen neue Zeiten an?

Für mich ist es selbstverständlich, jemanden zu engagieren, wenn sie oder er gut ist. Ich glaube grundsätzlich, dass ein entspannterer Umgang mit diesem Thema richtiger wäre. Eine Quote oder ein Prozentsatz als Kriterium, das wäre mir zu wenig. Das würde weder den Künstlerinnen guttun, noch der Sache. Ich bin außerordentlich glücklich, dass Joana Mallwitz die Wiener Philharmoniker dirigiert.

Sie muss der Oper das Fleisch nehmen, weil es keine Pause geben darf.

Die „Così“ wird intelligent und verantwortungsvoll in eine Fassung mit einer Dauer von 2 Stunden 15 gebracht. Vielleicht stellt jemand die Frage, ob man das denn darf. Aber Mozart wäre doch der Erste gewesen, der frei und undogmatisch mit einer ähnlichen Situation umgegangen wäre. Und es gibt eine Aufnahme von Karl Böhm, die auch nicht viel länger ist.

Wird diese „Così“ zur Situation Bezug nehmen?

Wir haben kurz überlegt, dass sich in der Inszenierung niemand berührt, also dass Nähe durch Distanz entsteht. Aber wir sind sehr bald davon abgekommen. Wir spielen nicht „Covid fan tutte“. Bei vielen Opernproduktionen gibt es diesen langen, manchmal auch schwerfälligen Vorlauf von drei Jahren. Und hier wurde das in wenigen Tagen möglich – in einer unglaublichen Leichtigkeit trotz dieser auch bedrückenden Zeit.

Warum haben sich denn die „Moment musical“-Konzerte nicht retten lassen?

Ich musste zwei Drittel streichen. Und in diesem reduzierten Programm dann auch noch Überraschungen bieten? Das war mir ein bisschen viel.

Daher hat der Intendant auch den Pianisten Hinterhäuser vertröstet?

Ich spiele gerne, aber hätte es als höchst unangemessen empfunden, mich ins Programm zu nehmen. Ich habe zu viele andere Künstler ausladen müssen.

Es gibt also „nur“ Einzelereignisse – ohne Querverbindungen zueinander?

In einem coronabedingt modifizierten Festspiel bleibt nicht viel Raum für dramaturgische Überambition. Wir stellen trotzdem einen hohen künstlerischen und intellektuellen Anspruch. Es gibt mit „Fragmente – Stille“ eine kleine, neu gedachte Reihe in der Kollegienkirche, und es gibt die „Reden über das Jahrhundert“ – etwa mit der 95-jährigen Cellistin Anita Lasker-Wallfisch, eine der letzten Überlebenden des Mädchenorchesters von Auschwitz.

Sie verschieben viele Produktionen auf 2021. Das wird funktionieren?

Wir realisieren sie – auch aus Respekt gegenüber den Künstlern, die schon viel Zeit und Arbeit in sie gesteckt haben. Das Verschieben ist nicht ganz leicht, ich fühle mich wie auf einem Rangierbahnhof, aber den wesentlichen Teil dieses Prozesses haben wir schon bewältigt. Ich bin also optimistisch, auch wenn ich nicht weiß, wie die Situation insgesamt nächstes Jahr sein wird.