© Wiener Staatsoper/Michael Pöhn

Kritik
10/26/2020

"Eugen Onegin" an der Staatsoper: Einhellig gefeierte Wiener Premiere

Tschaikowskys „Eugen Onegin“ in der Inszenierung von Dmitri Tcherniakov an der Wiener Staatsoper.

von Peter Jarolin

Eine neue (teils international längst bewährte) Optik und viele neue Stimmen – die ersten zwei Monate der Direktion von Bogdan Roščić hatten es szenisch wie musikalisch in sich. Denn der Neo-Direktor der Wiener Staatsoper hat sich nebst eigener Produktionen – los geht es am 13. Dezember mit Hans Werner Henzes „Das verratene Meer“ – auch dem Austausch des Repertoires verschrieben.

Und somit hat das Haus am Ring nach Anthony Minghellas „Madama Butterfly“, Harry Kupfers alter, aber guter „Elektra“ und einer genialen „Entführung aus dem Serail“ in der Regie von Hans Neuenfels nun auch „Eugen Onegin“ neu im Repertoire. Falk Richters Schneefallinszenierung musste der 2006 am Moskauer Bolschoi herausgebrachten Deutung von Dmitri Tcherniakov (auch Bühnenbild) weichen. Eine gute Entscheidung, denn die Wiener Premiere dieser Tschaikowsky-Adaption wurde vom Publikum einhellig gefeiert.

Realismus

Denn vordergründig bebildert Tcherniakov Tschaikowskys „lyrische Szenen in drei Akten“ (nach Puschkin) einfach. Man sieht einen ganz in Beige gehaltenen Speisesaal mit einem riesigen Tisch, Flügeltüren und Fenstern, die einen Hauch von Natur suggerieren. Die Ödnis, die Langeweile des russischen Landlebens – man schwärmt, isst, trinkt, träumt oder duelliert sich eben – führt Tcherniakov geradezu exemplarisch vor.

Ein russischer Seelenmittagstisch, der dank einer sensationellen Personenführung sowie einer nicht minder eindrucksvollen Lichtregie (Gleb Filshtinsky) und den passenden Kostümen (Maria Danilova) tief in menschliche Regungen blicken lässt. Bei Tcherniakov dient jede einzelne Bewegung zur Charakterisierung der Protagonisten; das Elend und Scheitern Onegins wird im dritten Akt ebenfalls am Beispiel einer prunkvollen (diesmal dominiert die Farbe Rot) Dinnergesellschaft erfahrbar.

Überhöhung

Tatjanas berühmte Briefszene? Sie könnte visuell aus einem Fantasy-oder Horrorfilm stammen. Das Duell zwischen Onegin und Lenski? Es findet auf dem Esstisch statt. Bei einem Gerangel – Onegin will die Waffe nicht – löst sich ein Schuss, und Lenski ist tot. Aber das Leben geht irgendwie weiter. Das Finale? Von allen, auch von der einst von ihm selbst verschmähten Tatjana verlassen, feuert Onegin in die Luft. Den Mut zum permanent angekündigten Freitod hat dieser Narziss nicht.

Metaphorik

Das alles ist in sich stimmig, extrem textbezogen und in seiner fast schon melancholischen Heiterkeit großes Kino für den Kopf. Denn Tcherniakov liebt die Metaphern, zieht stets szenische Schneisen ein, zeigt ein berührendes, soziales Panoptikum einer Gesellschaft, die auf das wahre Leben zu vergessen scheint. Liebe gibt es nicht, aber Familie und Konvention schon. Toll!

Ein echtes Musiktheater eben, das am Ring von teils großartigen Singschauspielerinnen und Singschauspielern getragen wird. An der Spitze: Nicole Car als in jeder Hinsicht überragende Tatjana. Die australische Sopranistin – sie sprang kurzfristig für die erkrankte Tamuna Gochashvili ein – erweist sich als absoluter Glücksfall.

Vorfreude

Car verfügt über einen schönen, dabei (wenn nötig) auch schweren Sopran, hat zugleich aber alle Höhen parat. Diese Tatjana changiert vokal perfekt zwischen Jungmädchencharme und reifer Frau. Ein grandioses Hausdebüt, das schon Vorfreude auf ihre Marguerite in Charles Gounods „Faust“ (Regie: Frank Castorf) im April 2021 aufkommen lässt. Wo waren übrigens all diese Stimmen in den vergangenen Jahren?

Schönheit

Nicht minder überzeugend: Andrè Schuen, der bei seinem Haus- und Rollendebüt als Onegin vokal sehr souverän agiert; darstellerisch ist da jedoch noch ein bisschen Luft nach oben. Als exzellenter Darsteller, aber mitunter am Limit seines sehr feinen Tenors angekommen, präsentiert sich Bogdan Volkov als tragischer Lenski. Seine Arie „Kuda, kuda“ singt er dennoch wunderschön. Ein Genuss: Bassist Dimitry Ivashchenko als nobler, profunder Fürst Gremin. Auch von Anna Goryachova als kokette, fordernde Olga wird man gewiss noch einiges hören.

Larissa Diadkova (Filipjewna), Helene Schneiderman (Larina) und Dan Paul Dumitrescu (Saretzki) überzeugen, wie auch der Slowakische Philharmonische Chor. Enttäuschend: Eduard Wesener als Triquet und Dirigent Tomáš Hanus, der am Pult des hervorragenden Orchesters zwar den lyrischen Charakter der Oper betont, allerdings zu keiner durchgehend packenden Lesart findet.

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