© Wiener Staatsoper / Michael Pöhn

Kritik
10/13/2020

"Entführung aus dem Serail“ an der Staatsoper: Wütende Buhs, ephorische Bravos

Doppelt, aber genial gemoppelt: Mozarts „Entführung aus dem Serail“ in der Regie von Hans Neuenfels an der Wiener Staatsoper.

von Peter Jarolin

Eines lässt sich nach den ersten Wochen der Direktion von Bogdan Roščić sagen. Die Wiener Staatsoper will wieder etwas, stellt Ansprüche in musikalischer wie in szenischer Hinsicht und fordert – durchaus lustvoll – auch das Publikum wieder heraus.

Eine sehr filmische „Madama Butterfly“ von Anthony Minghella, die Rückkehr von Harry Kupfers längst legendärer „Elektra“ (beide Regisseure sind leider schon verstorben) oder die Wiederaufnahme von Peter Konwitschnys immer noch polarisierender Adaption des französischen „Don Carlos“ und nun auch die Übernahme der Kultinszenierung der „Entführung aus dem Serail“ von Hans Neuenfels – der Begriff Musiktheater hat im Haus am Ring wieder Bedeutung bekommen.

Sing und Spiel

Und im Fall der 1782 im alten Burgtheater uraufgeführten „Entführung“ erhält dank der Interpretation von Hans Neuenfels auch die so schöne Bezeichnung „Singspiel“ eine neue Dimension. Mit der gleichwertigen Betonung auf Sing und Spiel! Ein Umstand, der bei der Wiener Premiere dieser 22 Jahre alten, von Neuenfels weiterentwickelten Stuttgarter Produktion für heftige Kontroversen sorgte. Wütende Zwischenrufe und Buhs sowie euphorische Bravos und frenetischer Jubel hielten sich die Balance.

Warum? Weil Neuenfels immer noch am Puls der Zeit ist, weil er alle Protagonisten des Stücks auf Ängste, Nöte, Hoffnungen, Sehnsüchte und Seelenzustände schonungslos abklopft, weil er jedem pseudo-orientalischen Kitsch eine Absage erteilt und Mozart in seiner eigenen Dialogfassung beim Wort nimmt. Und weil Neuenfels mit traumwandlerischer, ungemein präziser Sicherheit mit dem Theater auf dem Theater spielt. Ein finales, passendes Gedicht von Eduard Mörike inklusive.

Seele und Spiegel

Sein kongenialer Bühnenbildner Christian Schmidt hat dafür eine Vorder-und eine Theaterbühne als Szenerie ersonnen; Bettina Merz hat die teils auch herrlich karikierenden Kostüme entworfen. Der Regisseur selbst wiederum hat – mit Ausnahme der reinen Sprechrolle des Bassa Selim – alle Protagonisten klug gedoppelt. Es gibt also Konstanze, Belmonte, Blonde, Pedrillo und Osmin in doppelter Ausführung. Je eine Sängerin oder ein Sänger steht einer Schauspielerin, einem Schauspieler gegenüber – das ergibt hinreißende, sinnvolle Spiegelungen.

Die oftmalige Diskrepanz zwischen Wort und Musik wird von Hans Neuenfels perfekt herausgearbeitet, wie auch das Dilemma fast jeder einzelnen Figur. Das alles ist poetisch, komisch, unfassbar tragisch und brillant!

Denn die durchwegs exzellenten Darstellerinnen der Konstanze (Emanuela von Frankenberg), der gar nicht kühlen Blonde (Stella Roberts) und die Darsteller des Belmonte (Christian Natter), des Pedrillo (Ludwig Blochberger) und des Osmin (Andreas Grötzinger) tragen auch viel zum Gelingen der musikalischen Seite bei. Gleiches gilt für Christian Nickel, der einen wunderbar gebrochenen, stets differenzierten Bassa Selim gibt. Seine Wandlung vom überaus esoterisch angehauchten, selbst ernannten Wilden hin zum „kultivierten“ Smokingträger überzeugt. Wobei sich bei Neuenfels naturgemäß immer auch die Frage stellt: Wer ist jetzt eigentlich zivilisiert?

In musikalischer Hinsicht auf jeden Fall Dirigent Antonello Manacorda, der nach extrem forschen Beginn zu einer feinen Lesart der Partitur findet, der das gut disponierte Orchester souverän führt und den Sängern ein verlässlicher Partner ist. Womit wir endgültig bei dem musikalischen Ereignis dieser so psychoanalytisch gedachten Produktion sind: Lisette Oropesa.

Sopran und Sopran

Die amerikanische Sopranistin ist eine Konstanze von Weltformat, verfügt über alle nötigen Koloraturen, Lyrismen und Registerübergänge und gestaltet nicht nur die berühmte „Martern-Arie“ mit einer unglaublichen stimmlichen Intensität. Vokal wie darstellerisch nicht weniger überzeugend: Regula Mühlemann. Die Schweizer Sopranistin lässt als Blonde keine Wünsche offen, gibt auch im Wechselspiel mit Pedrillo den Ton an. Kokett und gut.

„Ihr“ Pedrillo ist bei Tenor Michael Laurenz in den besten Händen, zumal Laurenz ein Spieltenor im besten Sinne ist. Und auch sein Kollege Daniel Behle liefert einen vokal sicheren Belmonte ab, der sich in seinen Arien beweisen kann. Einziges Manko: Goran Jurić als Osmin. Für den Bassisten liegt die Partie einfach (noch?) zu tief, er hat hörbar Mühe sich durchzusetzen.

Aber egal. Die Staatsoper hat wieder eine „Entführung“ im Repertoire, die sich sehen lassen kann. Und ja: Das Haus am Ring wird bald auch wieder neue Produktionen zur Diskussion stellen.

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