Dirk Stermann im Interview

© Kurier/Gilbert Novy

Interview
09/22/2019

Dirk Stermann: "Alles, was ich gelogen habe, stimmt"

Der Kabarettist und Autor im Gespräch über sein neues Buch, seine Muskeln und das stinkende Wien.

von Nina Oberbucher

Seine Füße versanken im Boden, der infolge einer riesigen Ansammlung von Scheiße und der verfaulten Rückstände von Aas und Leichen halber wie Brei, fast flüssig wirkte.

Keine besonders angenehme Umgebung, in der sich der Protagonist von Dirk Stermanns neuem Buch "Der Hammer" da befindet: Es ist das stinkende Wien Ende des 18. Jahrhunderts.

Dort startete Joseph von Hammer-Purgstall seine Karriere. Botschafter wollte er werden, hoch hinaus und in der Weltpolitik mitmischen. Sein Leben verlief jedoch nicht immer wie geplant. Das zeichnet Stermann in seinem Historienroman nach.

Hammer-Purgstall war Orientalist und erster Präsident der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. „Der Hammer“ ist Stermanns mittlerweile vierter Roman. Im Interview erzählt der „Willkommen Österreich“-Moderator, wie er auf jenen Mann gestoßen ist, mit dem er die letzten vier Jahre verbracht hat.

Dirk Stermann ist Moderator, Kabarettist und Autor. Er wurde 1965 in Duisburg geboren, lebt seit 1987 in Wien. Ab den 90ern moderierte er mit seinem Kollegen Christoph Grissemann im Radio (u. a. die Satiresendung "Salon Helga"), seit 2007 haben die beiden mit "Willkommen Österreich" ihre eigene Late-Night-Show im ORF. Stermann schrieb mehrere Romane, darunter "Sechs Österreicher unter den ersten fünf" und "Der Junge bekommt das Gute zuletzt".

KURIER: In Ihrem neuen Buch beschreiben Sie die Gerüche der verschiedenen Schauplätze sehr eindringlich. Haben Sie so eine feine Nase?

Dirk Stermann: Mir war von Anfang an klar, dass ich das Olfaktorische beschreiben möchte. Ich habe auch den Historiker Peter Payer getroffen, der das Buch "Der Gestank Wiens" geschrieben hat. Ich war selbst verblüfft, dass Wien früher derartig verstunken war. Es galt bei Reisenden als die stinkendste Stadt Europas. Ringsherum waren Mauern und überall in der Stadt lagen die Toten begraben – aber nicht sehr tief, deshalb roch es stark nach Verwesung. Damals war Wien, glaube ich, nicht die lebenswerteste Stadt der Welt.

Ist Ihnen nicht manchmal schlecht geworden, wenn Sie sich so genau mit Ausdünstungen und Körperflüssigkeiten beschäftigt haben?

Nein. Ich war froh, dass ich das nicht riechen musste, aber es hat irgendwie Spaß gemacht, das Stinken zu beschreiben. Die guten Gerüche des Orients nachzuzeichnen war dann wiederum ein bisschen langweiliger. Heute riecht es dort natürlich anders, aber wenn du auf Basaren bist, bekommst du eine Ahnung davon, was die Leute damals am Orient so fasziniert hat. Ich fand es ganz gut, den Orient als einen Ort der Bildung und Wissenschaft, der Hygiene und Reinlichkeit zu beschreiben. Gerade aus heutiger Sicht, wo wir gar nicht mehr wissen, dass es mal so war und wo der Orient als Feindbild wahrgenommen wird.

Hammer-Purgstall war ein wichtiger Botschafter zwischen Okzident und Orient. Was genau hat Sie an ihm fasziniert, als Sie ihm zum ersten Mal begegnet sind?

Eine Freundin von mir war Facility Managerin in der Akademie der Wissenschaften und hat mich herumgeführt. Im Foyer stand dort die Büste von Hammer-Purgstall. Die Freundin hat mir erzählt, dass er ein Schloss in der Steiermark hatte und im Kuhstall vor jeder Kuh einen arabischen Spruch an die Wand geschrieben hatte. Dann war ich irgendwie angefixt: Das fand ich merkwürdig und gut.

Und warum ein Buch?

Ich hatte schon lange im Kopf, einen historischen Roman zu schreiben und dann hat mich Hammer-Purgstall angelacht. Das war vor circa vier Jahren. Dann habe ich begonnen zu lesen – riesige Bücherstapel. Und irgendwann musste ich dann aber auch anfangen zu schreiben.

War es schwer, diesen Zeitpunkt zu bestimmen?

Ja. Aber der Lektor hat irgendwann gesagt: „Mach’ mal!“ Ich hab’ dann auch mit Daniel Kehlmann gesprochen, der bei seinem Roman „Tyll“ ja ein ähnliches Problem hatte. Er hat gesagt: „Du musst einfach anfangen, du wirst nie den Punkt erreichen, an dem du das Gefühl hast, alles gelesen zu haben.“

Wie kann man sich Ihre Arbeit an „Der Hammer“ vorstellen?

Gearbeitet habe ich, während wir auf Tour waren, im Bus oder im Hotelzimmer. Ich habe versucht, jede freie Minute zu nutzen – in der Hoffnung, dass ich in der Minute dann auch wirklich kann. Manchmal war ich zu erschöpft oder hatte am Vortag etwas getrunken. Dann habe ich mich geärgert, weil ich mit Schädel schreiben musste – oder wegen dem Schädel eben nicht schreiben konnte.

Das heißt, Sie sind immer mit einer Menge Bücher herumgereist?

Ja, und die waren ur schwer. Das hat unglaublich genervt. Darum bin ich jetzt aber auch so muskulös, weil ich so viel getragen habe (grinst).

War das Schreiben dann einfacher als die Recherche?

Nicht unbedingt. Man verliert sich in so vielen Details, die man aber natürlich interessant und spannend findet. Es ist eine Art Zeitreise und man muss versuchen, sich das so gut wie möglich vorzustellen: Was essen die, was trinken die, wie putzen die sich die Zähne – tun sie’s überhaupt? Man muss halt immer schauen: Wann war was, war das zeitlich möglich? Ich hab’ viel gelogen, aber alles, was ich gelogen habe, stimmt (schmunzelt).

Wie darf man das verstehen?

Es ist auch das Erfundene irgendwie wahr, weil alles historisch möglich hätte sein können. Hammer-Purgstall führte aber tatsächlich ein Abenteuer-Leben. Er hat viele interessante Leute gekannt – Napoleon, Goethe, Beethoven – war selbst aber ein kleineres Licht. Ich bin kein psychologischer Schriftsteller, aber es war interessant, dass er sich immer wieder vergleichen musste. Wenn sich jemand total super findet, die anderen das aber nicht tun – wie geht man damit sein ganzes Leben lang um?

Hammer-Purgstall ist also niemand, mit dem Sie gerne einmal auf ein Bier gegangen wären?

Nein, ich glaube, er war unsympathisch. Es war aber auch spannend, einmal so jemanden als Romanhelden zu haben. Er hat einfach nicht begriffen, wieso nicht jeder fand, dass er der tollste Hecht im Karpfenteich ist. Das hat ihn wahnsinnig gemacht.

Sie sind ja auch ein Vermittler zwischen zwei Welten, zwischen Deutschland und Österreich. Nervt es Sie manchmal, dass Sie zum Beispiel in Interviews als Experte für das eine respektive das andere Land herhalten müssen?

Ein bisschen, ja. Deutschen Österreich zu erklären ist fast unmöglich, weil die zu wenig über Österreich wissen und man da so viel erklären müsste. Ich kann aber auch so wenig über Deutschland sagen, weil ich schon so wahnsinnig lange nicht mehr dort lebe. Ich rede zwar noch wie ein Deutscher, aber ich bin jetzt seit 32 Jahren in Österreich. Die Leute fragen mich dann immer: „Wie sagen die Deutschen dazu?“ Ich hab’s vergessen, keine Ahnung. Aber das ist halt meine Rolle, ich bin halt ein Deutscher Wiener. 

Sie haben diese Rolle ja auch kultiviert.

Ja eh, das hab ich kultiviert und jetzt muss ich damit klar kommen. 

Nach den ganzen Strapazen bei der Arbeit an Ihrem neuen Buch – können Sie sich da überhaupt auf die Lesungen freuen?

Natürlich. Es war total anstrengend, aber es ist ja auch ganz gut, wenn man sich mal für etwas anstrengt. Wir scheißen ja eh viel hin in unserer Arbeit, rotzen das so raus und das geht bei einem Roman nicht. Da musst du dich schon beschäftigen und das finde ich gut.

Bei „Willkommen Österreich“ müssen Sie neuerdings ohne Reporter Peter Klien auskommen, der nun seine eigene Show hat. Wird er Ihnen fehlen?

Nein, wir werden uns ja weiterhin sehen. Er wird jetzt irrsinnig viel zu tun haben, dafür beneide ich ihn nicht. Aber er hat ja auch noch Energie, weil das für ihn auch eine große Chance ist. Ich hab’ auch mal mit Jan Böhmermann darüber geredet, weil ich finde, dass Böhmermann so viel macht und habe ich ihn gefragt: „Ist dir das nicht zu anstrengend?“ Er hat gesagt, er würde eh gerne so arbeiten wie Christoph (Grissemann) und ich, aber er kann das nicht. Mir persönlich ist es lieber, das so wie wir ein bisschen abgeranzter zu machen. Aber ich finde es auch toll, wenn Leute die Quatscharbeit ernst nehmen.

Da gab es ja heuer einen Beitrag von maschek, der wegen rechtlicher Bedenken vom ORF aus der TVthek genommen wurde. Wie ist denn das bei Ihnen angekommen?

Ich fand’s ein bisschen albern, aber maschek sind damit sehr cool umgegangen. Ich kann das dem ORF aber auch nicht vorwerfen, weil die halt immer ein bisschen aufgeregt sind. Und zu dem Zeitpunkt war ja alles noch ein bisschen aufgeregter, bevor es dann die ganze große Aufregung gab. Das Schöne ist, dass wir in einem Land leben, wo es immer so viele Aufregungen gibt und dadurch wird es immer Sendungen wie unsere oder die von Peter Klien geben. 

Gut für Satiriker, als Normalbürger würde man vielleicht auch mit weniger Aufregung auskommen.

Ja, das ist ja bei all dem so: Du bist einerseits Witzemacher im Fernsehen, also eine Art Hofnarr, aber gleichzeitig lebst du ja auch in dem Land. Du freust dich darüber – und freust dich nicht darüber. Das ist immer etwas merkwürdig. Darum ist es dann auch ganz gut, wenn alles zu merkwürdig wird im Jetzt, für ein paar Jahre ins 18. Jahrhundert abzutauchen. Das war auch merkwürdig war, aber anders merkwürdig. Und es gab noch kein Internet, was ganz gut war, glaube ich. 

Schon?

Ja, ich glaube, das hat die Leute ein bisschen intelligenter gemacht, die Zeit ohne Internet. Es ist ja nicht nur so, dass man im Internet schnell eine Information bekommt, sondern auch schnell eine absondern kann. Das vergiftet alles. Früher wusste man nicht, dass die Leute deppert sind, weil die meisten ja noch nicht schreiben konnten. Jetzt können alle schreiben und das Resultat siehst du dann immer, wenn du Postings liest. Es wäre schon, wenn einige von denen noch nicht schreiben könnten – oder zumindest keinen Internetzugang hätten (schmunzelt).