Eine Japan-Tournee trotz Pandemie absolvierten die Wiener Philharmoniker

© Suntory Hall

Kultur
11/23/2020

Die Wiener Philharmoniker in Japan: „Mein Herz ist derartig aufgegangen“

Wiener-Philharmoniker-Vorstand Daniel Froschauer über die Japan-Tournee, Corona und das Neujahrskonzert.

von Peter Jarolin

Das muss man sich erst einmal vorstellen. Mitten in Zeiten der Corona-Pandemie ist ein Orchester in der Lage, vor durchschnittlich etwa 2.000 Zuhörern im Rahmen einer Japan-Tournee acht Konzerte zu geben. Wer? Naturgemäß nur die Wiener Philharmoniker, die dank „eines ausgefeilten Präventionskonzepts“ in Tokio, Osaka oder Fukuoka Triumphe feiern konnten.

Eher stille Triumphe allerdings, denn Bravo-Rufe für das Orchester oder Dirigent Valery Gergiev waren etwa in der Suntory Hall in Tokio explizit untersagt. Aber, so Vorstand Daniel Froschauer im KURIER-Gespräch: „Mir ist das Herz derartig aufgegangen. Wir durften endlich wieder vor Publikum spielen, es durfte auch applaudiert werden, und die japanischen Besucher haben Transparente ausgerollt, auf denen stand: ,Thank You Vienna Philharmonic Orchestra!‘ So etwas berührt jeden tief.“

Großer Einsatz

Doch wie kam es überhaupt zu dieser Tournee, wie war das logistisch möglich? Froschauer: „Wir hatten vor der Pandemie eine Tournee nach China, Japan, Taiwan und Südkorea geplant. Nach vielen Gesprächen mit dem Außenministerium und unseren Freunden in Japan war im August klar, dass wir wenigstens Japan halten können. Es gab etliche Treffen zwischen den Botschaften und ein klares Konzept. Wir wurden vorher alle getestet, haben den Abend vor dem Abflug (Tag des Terroranschlags in Wien, Anm.) gemeinsam in einem Wiener Hotel verbracht. Wir hatten ein eigenes Flugzeug, Busse, zwei Waggons im Shinkansen-Schnellzug und waren nur im Hotel und im Konzertsaal. Ein Ausgehen gab es nicht. Und allein die Einreise nach Japan dauerte drei Stunden. Aber es war ein großer Einsatz von allen, denn wir hatten nur ein Ziel: Wir wollten spielen!“

Daniel Froschauer wurde 1965 in Wien geboren. Sein Vater war der Dirigent und langjährige Chordirektor der Wiener Staatsoper, Helmuth Froschauer. Seine musikalische Ausbildung erhielt Daniel Froschauer in Wien und New York, 1998 kam der Geiger ins Orchester der Wiener Staatsoper und der Wiener Philharmoniker, seit 2004 ist er Stimmführer der ersten Geigen. Seit dem 1. September 2017 ist Froschauer in der Nachfolge von Andreas Großbauer zudem Vorstand der Wiener Philharmoniker. Froschauer widmet sich zahlreichen Benefizprojekten

Große Vorreiterrolle

In vier Gruppen war das Orchester geteilt, jeden dritten Tag mussten sich alle Musikerinnen und Musiker erneut einem Corona-Test unterziehen, Kontakte außerhalb des Orchesterbands waren nicht erlaubt. Froschauer: „Wir haben die sechste Symphonie von Tschaikowsky den Terroropfern von Wien und den Opfern der Pandemie in Japan und in aller Welt gewidmet. Das zeichnet die Wiener Philharmoniker auch aus. Ich sehe uns als musikalische Botschafter. Vielleicht haben wir mit dieser Tournee auch eine Vorreiterrolle eingenommen und etwas Positives für andere Orchester bewirkt. Schon im Musikverein und bei den Salzburger Festspielen war es dank aller Präventionsmaßnahmen ja möglich, vor Publikum zu musizieren.“

Großes Ziel

Auf philharmonische Live-Erlebnisse muss man hierzulande vorerst leider verzichten. Doch, so Daniel Froschauer: „Wir spielen weiter.“ Bereits am kommenden Wochenende wird das Elite-Orchester im Musikverein die dritte Symphonie von Anton Bruckner in der Urfassung mit Dirigent Christian Thielemann realisieren. Zwar ohne Publikum, aber für die Nachwelt. Denn Ö1, ORF III, Idagio und Fidelio werden in Kooperation mit Unitel den nächsten Teil des Bruckner-Zyklus mit Thielemann anbieten.

Große Pläne

An der Wiener Staatsoper wiederum stehen die Proben zu „MAHLER, LIVE“, einer neuen Choreografie von Martin Schläpfer, auf dem Programm. Froschauer: „Die geplante Premiere kann ja leider nicht stattfinden, aber die Staatsoper will die Produktion streamen. Und wir hoffen, sie später auch vor Zusehern spielen zu dürfen. Denn Mahler ist ein eigener, wunderschöner Kosmos, der auch tief in unserer DNA liegt.“

Und wie geht es danach weiter? Froschauer: „Wenn wir das nur wüssten. Das Neujahrskonzert mit Riccardo Muti am Pult aber wird stattfinden. Es wäre ein völlig falsches Signal, genau in diesen Zeiten darauf zu verzichten. Wir haben auch ein Konzept beim Gesundheitsministerium eingereicht, wie wir dieses Konzert sogar mit Publikum durchführen können. Jetzt warten wir auf eine Antwort. Möglich ist es – selbstverständlich mit den größten Sicherheitsauflagen.“

Große Hoffnung

Froschauer mit Blick auf das kommende Jahr: „Die Chance, dass es bald eine Impfung gegen das Virus geben könnte, gibt uns viel Hoffnung. Denn das gemeinsame Erleben der Musik ist notwendig. Das haben wir in Japan gesehen, das haben wir nach dem ersten Lockdown im Juni in Wien und dann in Salzburg gesehen. Und persönlich bin ich über jeden glücklich, der live zuhören kann.“

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