Die Causa Weißmann: Chronologie eines Skandals
Ein Skandal ist es, ganz bestimmt.
Nur was genau der Skandal in der Causa Weißmann ist, darüber konnte man in den vergangenen Tagen schnell den Überblick verlieren.
Von mutmaßlich skandalösen Chats und Nachrichten in "Bild und Ton" zwischen dem ORF-General und einer Mitarbeiterin des Hauses bis hin zu definitiv skandalösen öffentlichen Hahnenkämpfen rund um den Stiftungsrat reicht die Palette inzwischen.
Was folgt, ist der Versuch, Ordnung in das Chaos zu bringen, das Roland Weißmann mit seinem schnellen Abgang am Küniglberg und in der öffentlichen Wahrnehmung hinterlassen hat. Für alle Beteiligten gilt die Unschuldsvermutung.
Der Fall Weißmann - eine Chronologie
Montag, 2. März 2026: Gabriele Zgubic-Engleder, Vorsitzende des Publikumsrates im ORF, Heinz Lederer, Stiftungsrat-Vorsitzender des ORF und Gregor Schütze, sein Stellvertreter bekommen - so schreibt es Christian Nusser auf Newsflix - zu Mittag eine WhatsApp von einem “Anwalt aus der Innenstadt”. Er ersuche dringend um einen Termin betreffend Generaldirektor Weißmann, heißt es darin.
Mittwoch, 4. März 2026: Die drei angeschriebenen ORF-Vertreter sitzen in der Kanzlei des Anwalts und erfahren erstmals von den Anschuldigen gegen Roland Weißmann. Anzügliche Fotos, ein mitgeschnittenes Telefongespräch - Zeugnis einer “emotionalen Affäre”, wie es Weißmann später nennen wird.
In der Öffentlichkeit bekannt ist lange nur Weißmanns Version der Vorhalte.
Und die lautet wie folgt:
2019 haben er und das mutmaßliche Opfer sich zum ersten Mal getroffen, in einer Zeit, in der Weißmann weder Vorgesetzter geschweige denn Generaldirektor der Frau gewesen war. 2021 sei die Beziehung dann “deutlich abgekühlt”. 2022 habe ihn besagte Frau wieder kontaktiert und zu einem “romantischen Essen eingeladen” - bei dem es dann auch zu “einvernehmlichen physischen Kontakt” gekommen sei. Und aus der Zeit stammen auch die Vorwürfe des mutmaßlichen Opfers. Da war Weißmann dann bereits Generaldirektor - in den folgenden Monaten soll es dann “vereinzelte Landausflüge” gegeben haben. Spannungen habe er keine wahrgenommen.
Über seinen Anwalt lässt Weißmann ausrichten, dass die Tätigkeit der Mitarbeiterin beim ORF während der gesamten Zeit niemals Thema zwischen ihr und ihm war. “Es gab auch niemals irgendeine Form der Druckausübung oder eines Machtmissbrauchs”.
Von den Vorwürfen der sexuellen Belästigung wird Weißmann noch am 4. März informiert. Die Botschaft des Opferanwaltes, der anonym bleiben will: Weißmann soll zurücktreten, eine Spende über 25.000 Euro an das Caritas-Frauenhaus überweisen, die Anwaltsrechnungen begleichen und gegenseitiges Stillschweigen versichern - mit Pönale in Höhe von 50.000 Euro, wie das Profil berichtet. Bis zum 13. März - ein Freitag, ausgerechnet - soll er Zeit haben.
Damit hätte Weißmann neun Tage Zeit, die Vorwürfe gegen ihn zu klären. Vielleicht, sie auch zu entkräften.
Freitag, 6. März 2026: Die Frist wird verkürzt: Weißmann bleibt nur noch das Wochenende, um eine Entscheidung zu treffen.
Was folgt, darüber gibt es verschiedene - publizierte - Versionen.
Bei einer Telefonkonferenz noch am Freitagabend soll Weißmann bereit gewesen sein zu gehen, “aber das Paket muss stimmen”. Seine Forderung: Sein Vertrag als Generalintendant, der noch bis Ende 2026 läuft, muss voll ausbezahlt werden, sein alter Angestelltenvertrag - Weißmann war unter anderem Chef vom Dienst bei Ö3 und insgesamt 30 Jahre lang in den verschiedensten Funktionen im ORF - soll ihm voll abgegolten werden. Ein goldener Handshake also. Bestätigen will das jedoch niemand.
Samstag, 7. März 2026: Die nächste Telefonkonferenz. Weißmann ist längst von seiner Maximalforderung abgerückt. Kurz kursiert offenbar das Gerücht, es sei zu einer Einigung zwischen Weißmanns Anwalt und dem des Opfers gekommen. Über 40 Telefonate soll es gegeben haben, zur Unterschrift einer Vereinbarung kommt es aber nicht.
Sonntag, 8. März 2026: Um 11:45 Uhr reicht Weißmann seinen Rücktritt bei Stiftungsratschef Heinz Lederer ein und beendet mit “sofortiger Wirkung seine Funktion als Generaldirektor”. Zu diesem Zeitpunkt geht Weißmann laut Profil-Recherchen davon aus, dass Lederer und Schütze versuchen würden, die Angelegenheit diskret zu lösen, da er die Forderungen der betroffenen Mitarbeiterin erfüllt habe.
Ingrid Thurnher wird um 18 Uhr die interimistische Leitung des ORF angetragen. Mit Thurnher übernimmt eine altgediente ORF-Journalistin das Haus, 41 Jahre lang hat die 63-Jährige im ORF gearbeitet - zuletzt als Radio-Chefin.
Sie soll dabei sein, als am Abend über die weitere Kommunikation von Weißmanns Rücktritt debattiert wird. Betreffen die Vorwürfe nun “sexuelle Belästigung”, oder nicht? Weißmann wehrt sich vehement dagegen, dass dieser Wortlaut auch in die spätere Aussendung des ORF aufgenommen wird.
Der Tag des Rücktritts
Montag, 9. März 2026: Es ist 8:56 Uhr morgens, als der ORF mit einer OTS-Aussendung an die Öffentlichkeit geht. “ORF-Generaldirektor Roland Weißmann tritt mit sofortiger Wirkung zurück”, heißt es darin.
Diese Aussendung ist der Beginn einer bis heute anhaltenden Schlammschlacht. Darin enthalten ist auch der Vorwurf der “sexuellen Belästigung”.
Nur 23 Minuten später geht auch Weißmann selbst an die Öffentlichkeit - ebenfalls via Aussendung. Von sexueller Belästigung ist darin nichts zu lesen. Lediglich, dass ihm von einer Mitarbeiterin unangemessenes Verhalten zu Beginn seiner Amtszeit vorgeworfen werde.
Spätestens ab jetzt gibt es zwei Dimensionen der Causa Weißmann. Da sind zum einen die Vorwürfe gegen den ORF-Generaldirektor. Und da ist der ORF selbst.
Das größte Medienunternehmen Österreichs ist mitten im Konsolidierungskurs, sollte bis 2030 mehrere Hundert Millionen Euro einsparen - und schon Mitte Mai den ESC austragen. Dazu kommt das immerwährende Geraune der FPÖ zur Abschaffung der Rundfunkgebühren. Image- und Führungskrise kommen also zur absoluten Unzeit für das Unternehmen.
Stiftungsrats-Vorsitzender Heinz Lederer verteidigt am Abend in der ZiB 2 das Vorgehen. Seine Version: Weißmann sei ausreichend Zeit gegeben worden, die Sache mit dem Anwalt zu klären. Gemeint gewesen sei nicht die rechtliche Bewertung der Vorwürfe, sondern die Prüfung der vorgelegten Datenträger, ob diese nicht von der KI erzeugt worden wären sei oder aus dem Zusammenhang gerissen seien. Das habe Weißmann innerhalb von 48 Stunden scheinbar nicht oder nicht im ausreichenden Ausmaß getan.
Thurnher wird gewählt
12. März: Der Stiftungsrat tritt "in eigener Sache" zusammen. Bei der Sitzung wird auch der Brief des mutmaßlichen Opfers verlesen, in dem ihre Motivlage klar wird. Die Vorstellung, dass Weißmann noch einmal fünf Jahre im Amt bleibe, habe ihr Angst gemacht, soll darin stehen.
Gegen 14.00 Uhr wird Ingrid Thurnher als vorläufige ORF-Chefin gewählt. In einer ersten Stellungnahme kündigt sie “volle Transparenz” an. “Das Bild vom ORF, das öffentlich vermittelt wurde, haben sich die 4.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nicht verdient”, sagt sie.
Abseits dessen macht FPÖ-Stiftungsrat Peter Westenthaler eine neue Flanke im Machtkampf am Küniglberg auf. Er wolle die Rolle von Pius Strobl durchleuchten, der angeblich in die Causa verwickelt sein soll. Gegen diesen, aber auch ORF-Stiftungsratsvorsitzenden Heinz Lederer würden "schwere Vorwürfe" vorliegen, sagt Westenthaler, der auch die Pensionsansprüche Strobls thematisiert.
Strobl bestätigt, dass Weißmann eine ihm vom früheren ORF-Generaldirektor Alexander Wrabetz vertraglich zugesicherte Pensionsregelung nicht umsetzen wollte und er sie nun nach seinem ORF-Abschied Ende 2026 einklagen müsste. Die letzte Korrespondenz dazu habe aber bereits 2023 stattgefunden.
Gerüchte wonach, er sei mit jener Frau liiert sein, die Weißmann sexuelle Belästigung vorgeworfen hat, dementiert Strobl. "Ich kann mit ruhigem Gewissen behaupten, dass ich den Herrn Generaldirektor a.D. weder zu seinen Handlungen gegenüber dem Opfer motiviert, noch ihn irgendwie bei seinem Rücktritt beeinflusst habe”, sagt Strobl zum KURIER.
Strobl bestätigt aber, denselben Anwalt wie jene Frau zu haben, die sich mit den gegen Weißmann gerichteten Vorwürfen an die Stiftungsratsspitze gewandt hatte.
13. März 2026: Erstmals meldet sich Weißmann in einer längeren Stellungnahme zu Wort. Dabei geht er auch auf die eingangs bereits geschilderten Details zur Beziehung ein.
Opfer meldet sich zu Wort
Dienstag, 17. März 2026: Roland Weißmann kündigt an, Strafanzeige gegen mehrere Personen einzureichen. Es bestehe rund um die Vorgänge, die zu seinem Rücktritt führten, der Verdacht "strafrechtlich relevanten Verhaltens mehrerer involvierter Personen", heißt es in einer Aussendung. Wen und was genau Weißmann damit meinen könnte, wollte er zunächst offen lassen. Was damit aber fix ist: Die Causa Weißmann wird die österreichische Öffentlichkeit noch länger beschäftigen.
Am Abend des 17. März meldet sich zudem erstmals das mutmaßliche Opfer zu Wort. „Ich wusste, dass es nicht einfach werden wird, wenn ich mich wehren werde“, sagt die Frau in einem Interview mit dem Falter. Warum sie erst jetzt an die Öffentlichkeit ging – das Timing knapp vor der Wahl des neuen ORF-Chefs hat für viele Spekulationen gesorgt –, erklärt sie mit Verweis auf weitere Fälle von Machtmissbrauch im ORF. „Ich brauchte Zeit, meine Angst zu überwinden“, sagt sie laut Falter. „Schließlich konnte ich in den letzten Jahren hautnah beobachten, was mit den Frauen passiert, die sich beschweren – vor allem, wenn die betroffenen Männer in der Hierarchie weiter oben stehen.“
Der Falter zitiert unter Verweis auf das Medienrecht nicht direkt aus jenen Chats, die die Frau vorgelegt hat. Sie habe Gedächtnisprotokolle von Telefonaten angelegt. Und sie dementiert das, was Weißmann „einvernehmlichen physischen Kontakt“ nannte, laut Falter „entschieden“. Ein Bussi und eine freundschaftliche Umarmung zur Begrüßung und zum Abschied, das sei alles gewesen, heißt es - mehr dazu können Sie hier nachlesen.
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