Ingrid Thurnher über ORF-Führung: "Das wird eine Herkulesaufgabe"
Der ORF-Stiftungsrat hat am Donnerstag Ingrid Thurnher mit der vorläufigen Führung der Geschäfte des ORF-Generaldirektors betraut. Die Abstimmung in einer Sitzung des 35-köpfigen obersten ORF-Gremiums fiel einstimmig aus.
Der Schritt wurde nötig, da Roland Weißmann am Sonntag von der Spitze des öffentlich-rechtlichen Medienhauses zurückgetreten ist. Ausschlaggebend waren Vorwürfe rund um Fehlverhalten gegenüber einer Mitarbeiterin, die Weißmann zurückweist.
Thurnher: "Werde sehr genau hinschauen"
Die erfahrene Journalistin, die seit über 40 Jahren dem ORF angehört, sieht sich nun mit der Aufgabe konfrontiert, das Vertrauen der Öffentlichkeit in den Sender wiederherzustellen. Im ZIB 2-Interview mit Martin Thür machte Thurnher ihre "gemischten Gefühle" deutlich: „Einerseits ist es die unglaublichste Ehre, jetzt dieses Unternehmen, dem ich seit 41 Jahren angehöre, leiten zu dürfen. Andererseits sind die Umstände alles andere als erfreulich." Und: "Das wird eine Herkulesaufgabe, das sage ich auch ganz offen.“
Ein zentraler Aspekt ihrer neuen Aufgabe ist freilich die Untersuchung der Vorwürfe gegen Weißmann. Thurnher betonte, dass eine umfassende Aufklärung notwendig sei, bevor über weitere Schritte entschieden werde: „Bevor wir nicht ein klares Bild haben, was wirklich passiert ist, kann man dazu gar nichts sagen. (...) Ich habe bis jetzt keine konkreten Dinge gesehen oder gehört. Wir sind ganz am Beginn der Aufarbeitung. (...) Wir machen uns umgehend an die Arbeit.“
Erneut stellte Thurnher klar, dass sie für Transparenz ("den Menschen schuldig") stehe. "Wenn es hier Machtmissbrauch gibt, dann werde ich sehr genau hinschauen." Und: "Ich hätte ich jetzt fast am liebsten gesagt: Es gibt kein Pardon."
Sie unterstrich dabei auch die Bedeutung einer unabhängigen Untersuchung: „Es muss klargestellt sein, dass diese Menschen völlig unbeeinflusst, völlig unbeeindruckt von irgendwelchen Eigeninteressen oder sonstigen Verbindungen im ORF arbeiten können. Nur dann können wir eine volle Transparenz garantieren.“
Maßnahmen für ein sicheres Arbeitsumfeld
Auch ein weiterer hochrangiger Manager, Pius Strobl, soll eine Rolle in der Causa Weißmann spielen. Thurnher erklärte, dass sie sich erst in die Hintergründe einarbeiten müsse, zeigte jedoch Entschlossenheit, Missstände im Unternehmen aufzudecken: „Wenn was Wahres dran ist, wenn da irgendetwas nicht in Ordnung ist mit dem, was da passiert ist, dann werden wir es aufdecken und klarlegen.“
Um die Krise zu bewältigen, will Thurnher die Strukturen im Unternehmen überprüfen und gegebenenfalls verbessern. Ziel sei es, ein sicheres Arbeitsumfeld für alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu schaffen und das Vertrauen der Öffentlichkeit in den Sender wiederherzustellen, betont sie.
Auf Thürs Frage, ob der ORF tiefergreifende Probleme im Umgang mit Frauen hat, antwortete Thurnher: "Wenn es ein Problem gibt, dann vom Erdgeschoss bis zum sechsten Stock. Wie groß das im ORF ist, werden wir uns jetzt genau anschauen." Alle (männlichen) ORF-Mitarbeiter in einen Topf zu werfen, dagegen wehrt sich Thurnher allerdings.
Zukunftspläne bleiben offen
Angesichts der aktuellen Herausforderungen ist Thurnhers Zukunft im ORF über ihre derzeitige Funktion hinaus noch unklar. Die Frage, ob sie sich auch für die reguläre Ausschreibung ab 2027 bewerben wolle, wollte sie nicht beantworten.
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