"Ein Desaster für den ORF": Schlammschlacht nach Weißmann-Rücktritt

Der Abgang des ORF-Chefs mündet in eine Schlammschlacht: Pius Strobl, hochbezahlter ORF-Manager, erhebt Mobbingvorwurf, will Pension einklagen – und kennt jene Frau, die Vorwürfe erhoben hat.
Licht ins Dunkel-Gala

Die Nachbeben am Küniglberg hören nicht auf – im Gegenteil, sie ziehen immer weitere Kreise.

Am Donnerstag wurde im ORF-Stiftungsrat ein Schreiben jener Frau vorgelesen, die Roland Weißmann laut ORF-Angaben „sexuelle Belästigung“ vorwirft. Anwälte und der Stiftungsratsvorsitzende Heinz Lederer informierten das Gremium über die rechtlichen Umstände des abrupten Abgangs Weißmanns und die Vorgangsweise des Vorstands – Lederer (SPÖ) und sein Vize Gregor Schütze (ÖVP) – in den Tagen davor. 

Reichlich spät, wie mancher im Stiftungsrat und im ORF kritisierte. Zuletzt wuchs die Kritik daran, wie der Vorsitzende agierte, nachdem ihm Mittwoch vor einer Woche die Vorwürfe und belastendes Material vorgelegt worden waren. Lederer wies diese Kritik mehrfach zurück.

Ingrid Thurnher wurde wie angekündigt zur vorläufigen Geschäftsführerin bestellt.

Es ist die unglaublichste Ehre, die mir widerfährt, dieses Unternehmen leiten zu dürfen. Auf der anderen Seite sind die Umstände alles andere als erfreulich. Das Bild, das über den ORF vermittelt wurde, haben sich die 4000 Mitarbeiter nicht verdient. Es wird professionelle Arbeit auch in dieser schwierigen Situation geleistet.

Für mich ist ganz klar, es gibt in der Zukunft nur volle Transparenz mit aller Konsequenz. Es muss alles auf den Tisch, es muss alles aufgeklärt werden. Es ist das wichtigste Gut, das wir haben, das Vertrauen in den Öffentlich-Rechtlichen. 

von Ingrid Thurnher

nach ihrer Bestellung.

Pensionsstreit

Darüber hinaus tat sich jedoch ein Aspekt auf, der die Causa um neue Facetten erweitert: FPÖ-Stiftungsrat Peter Westenthaler kündigte vor der Sitzung an, sich die Pensionsregelung von Pius Strobl ausheben lassen zu wollen. Damit war erstmals offiziell ein Name gefallen, der von Anfang an in dieser Causa von heftigen Spekulationen umflort war.

Der machtbewusste ORF-Manager, der unter anderem den Newsroom-Umbau (im Budget-Rahmen) umsetzte, liegt nämlich – wie er später via Standard auch offiziell bestätigte – mit dem Küniglberg über eine lukrative Pensionsregelung im Clinch. Der Vertrag stammt dem Vernehmen nach vom letzten Tag der Amtszeitzeit von Alexander Wrabetz, 31. 12. 2021.

Peter Westenthaler

Bekannte mit gleichem Anwalt

Ein weiterer Aspekt: Strobl und die Frau, die die Vorwürfe gegen Weißmann erhob, sind einander nicht unbekannt. Strobl bestätigte zumindest, dass sie und er den gleichen Anwalt beschäftigen. Er dementierte aber, die Frau dazu motiviert zu haben, gegen Weißmann vorzugehen: „Die betroffene Frau braucht(e) meine Motivation nicht, sondern nur ihren persönlichen großen Mut für diesen Schritt“, so Strobl laut Standard.

Pius Strobl

Klage angekündigt

Und auch Strobl selbst brachte neue Vorwürfe ins Spiel. Er habe Weißmann „mehrfach“ mitgeteilt, dass er unter „Mobbing seiner Umgebung und Bossing leide“. „Bossing“ ist Mobbing durch den Vorgesetzten. „Die dem Herrn Generaldirektor a. D. nunmehr angelasteten Vorkommnisse stehen allerdings in keinem Zusammenhang mit meiner beruflichen Tätigkeit und Leistung und auch nicht mit meiner persönlichen Leidensgeschichte.“ Strobl will die Pensionsvereinbarung einklagen, wenn er den ORF – mit Jahresende – verlassen hat.

Auch der Rechnungshof, der derzeit den ORF nach vielen Jahren einer Gesamtprüfung unterzieht, dürfte ein Auge darauf haben. Für Westenthaler war nach der Sitzung klar: „Das Ganze wird ein Fall für die Gerichte“. In dieser Causa hätten Weißmann und die Kaufmännische Direktorin Eva Schindlauer richtig gehandelt. „Es gibt massive rechtliche Bedenken.“

Offener Schaukampf

Dieser nun offene Schaukampf zweier ORF-Spitzenmanager ist nicht nur Wasser auf den Mühlen der FPÖ, die mit ihrer Kritik am Stiftungsrat und den Strukturen im ORF derzeit groß punktet.

Er heizt auch die ohnehin heißlaufende Gerüchtemaschinerie weiter an, dass die Umstände des Rücktritts Weißmanns weiter reichen, als bisher kommuniziert. Und auch die Kritik daran, wie rasch etwa der Stiftungsratsvorsitzende mit Informationen an die Öffentlichkeit gegangen ist – ohne vielleicht alle Facetten der Causa vorliegen zu haben.

Auch wenn die neue Information nichts an den ursprünglichen Vorwürfen ändert – Lederer betont, dass es hier eindeutiges Material gibt –, so zeichnet sich doch ein Gesamtbild ab, das in der Bewertung auch der ORF-internen Vorgänge berücksichtigt werden könnte. Weißmann dementiert jedenfalls auch die ursprünglichen Vorwürfe.

"Konsequenzen zurecht gezogen"

Allein der nun öffentliche Pensionsstreit zwischen dem – nach dem Ausscheiden von Robert Kratky – bestbezahlten und dem zweitbestbezahlten ORF-Mitarbeiter (Stand 2025) aber dokumentiert eine (weitere) Schlammschlacht im ORF. Der dazukommende Mobbingvorwurf in der höchsten ORF-Ebene zahlt in jenes Bild von der dortigen Führungskultur ein, das man in den letzten Tagen zu zerstreuen versuchte.

Und die Nähe der handelnden Personen zur ursprünglichen Causa wirft weitere Fragen auf. Für Westenthaler war nach der Sitzung klargestellt, dass der in der ersten ORF-Aussendungen genannte Vorwurf der sexuellen Belästigung nicht gegeben war, aber „tatsächlich Übergriffe gegen die persönliche Integrität.“ Und: „Die Konsequenzen wurden zurecht gezogen“.

Die Behandlung des Weißmann-Rücktritts im Stiftungsrat dauerte mehrere Stunden. Die ORF-Redakteure resümieren die Causa in einem internen Schreiben als „Desaster für den ORF“. Untersucht werden „müssen auch die – medial berichteten – internen Machtkämpfe, Fehden oder Rechtsstreitigkeiten unter Spitzenkräften des Hauses.“

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