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Kultur
04/16/2020

Clubkultur: Auf den Hammer folgt der Tanz

Warum auf der Tanzfläche mehr passiert als Party. Warum wir das vermissen. Und wie es weitergeht.

von Marco Weise

Der letzte durchtanzte Abend liegt mehr als einen Monat zurück. Seither gilt: kollektives Zuhausebleiben. Alles ist abgesagt. Auch die Endorphinausschüttung unter der Discokugel, kein – erschöpft, aber glücklich – Nach-Hause-Wanken im Morgengrauen.

Bars und Musikclubs sind geschlossen. „The Rhythm of the Night“, also den Rhythmus der Nacht, wie er von einer Dance-Combo namens Corona (kein Scherz) in den 1990er-Jahren zu trashigen Eurodance-Beats besungen wurde, hat bis auf Widerruf ausgedient.

Was einem aber kein Virus dieser Welt nehmen kann, sind die Erinnerungen an legendäre Clubnächte, an Abende, in denen einen der DJ mit mehr als 120 Beats pro Minute über den Dancefloor gepeitscht hat, man nicht an morgen, nicht ans Kopfweh, die Leere danach oder an so etwas wie Ansteckungsgefahr gedacht hat.

Heftig

Einer, der sich an sein erstes Mal erinnert hat, ist Laurent Garnier. Der DJ und Techno-Produzent schreibt über sein erstes Date mit House Musik in seinem 2003 erschienenen Buch „Elektroschock“ folgende Zeilen: „Ein ganz normaler verregneter Abend im Frühling 1978. (...) Heute Abend legt Mike Pickering auf, einer der wichtigsten DJs in Manchester. Er gestaltet sein Set (...) mit Funk und Latino-Harmonien, Hip-Hop und den ersten Electro-Stücken. Dann legt er eine unbekannte Platte auf, die wahrhaftig aus einer anderen Welt zu kommen scheint und im Nu die Atmosphäre und den Raum verändert. (...) Das Soundsystem spuckt wuchtige Bässe aus, und ich kann es immer nicht glauben. Was ist das für ein Ding? Das ist heftig, das ist hart!“

Aber das Tanzen geht weit über dieses Erleben hinaus – bis ins Politische. Hans Nieswandt, deutscher DJ, Autor („Plus minus acht“) und Musiker („From Disco To Disco“) verweist aus seiner Quarantäne auf den englischen Kulturwissenschafter Richard Dyer, der Discos einmal als temporäre, utopische Orte bezeichnet hat, in denen sich das Leben für eine bestimmte Zeit von seiner idealen Seite zeigt. Das ist, schreibt Nieswandt dem KURIER, notwendigerweise temporär, denn wäre so ein Leben der Dauerzustand, würde man an der Intensität verbrennen (was einigen, wenn auch nicht sehr vielen Menschen, insbesondere Ravern, durchaus passiert ist).

Techno, House, Disco, also die dort seit Jahrzehnten vorrangig zu hörende Tanzmusik, lässt viele die Selbstoptimierung des eigenen Lebens vergessen. „Tanzen ist, aus dieser Perspektive betrachtet, eine ‚sinnlose‘ Energieverschwendung und zeigt gerade dadurch, dass das Leben noch aus etwas anderem besteht als aus Disziplin und quantifizierbarer Leistung. Diese Orte den Gesellschaften jetzt wieder zu entziehen, sie wie die Kirchen am Wochenende geschlossen zu halten, wird Folgen haben, die zwar in ihrer Dramatik schwer abzuschätzen sind, mit Sicherheit aber negativ sein werden. Es bleibt zu hoffen, dass diese Phase nur kurz sein wird – und wir bald wieder tanzen können“, sagt Nieswandt.

Wie beim ersten Mal

Es wird dann wohl so sein wie beim ersten Mal. Etwa, wie damals, als ich zum ersten Mal (es muss Anfang der Nullerjahre, 2001, gewesen sein) im Flex auf der brodelnden Tanzfläche stand. Der Druck, der aus dem Boden kam (im Flex sind die Subwoofer einbetoniert), war enorm.

Man zuckte gemeinsam zum Beat, war irgendwie miteinander (geistig und körperlich) verbunden, es herrschte Vertrautheit und man hatte ein gemeinsames Ziel: Dieser Moment, dieser Abend darf so schnell nicht enden.

Es ist ein Gefühl, das fehlt. So geht es auch Marie H., die ihren vollständigen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte. Sie geht seit rund 20 Jahren fast jedes Wochenende raven. Nachdem die Regierung das Ende aller Veranstaltungen angekündigt hatte, war für sie klar: „Das letzte Wochenende musste noch ausgiebig gefeiert werden – auch wenn ich dabei irgendwie ein schlechtes Gewissen hatte.“ Danach fragte sich Marie oft, wie sie die nächsten Wochen ohne ihre geliebten Clubbesuche samt Afterhour schaffen soll. „Für mich ist das fast eine Art Meditation – auch wenn es komisch klingt. Ohne das wöchentliche Tanzengehen hätte ich längst einen Burn-out gehabt“, sagt Marie.

Es fehlt die anonyme Menge, die im Rausch der Musik nur für diese eine Nacht zusammenfindet. In der es dunkel ist, wummert, böllert und der Technobeat physikalisch spürbar ist.

Es fehlt der Sog, das Unerwartbare, der Überraschungsmoment. Es fehlt der Augenkontakt, der kurze Flirt an der Bar.

Daran wird sich so schnell nichts ändern. Wie es aussieht, werden in den kommenden Wochen, Monaten, keine Events stattfinden. Vielen Clubs und Bars droht die Insolvenz. Einige versuchen es mit Livestreams, Crowdfunding- und Spendenaufrufen. Die zahlreich im Internet angebotenen Livestreams sind zwar allesamt begrüßenswert, können aber Musikclubs finanziell nicht retten. „Was man derzeit so zu sehen bekommt an einsamen DJs in ausgestorbenen Clubs vor leeren Tanzflächen, die geradezu verzweifelt versuchen, gegen die Krise anzuspielen, ist eher deprimierend als aufbauend. Es zeigt ja nur umso deutlicher, was da verloren gegangen ist. Es verstärkt eher noch das Verlustgefühl“, schreibt Nieswandt.

Viele DJs und Clubbetreiber stellen sich bereits die Frage nach dem Danach, wenn die Maßnahmen gelockert werden: Wie wird das Ausgehverhalten der Leute sein? Will man nach überstandener Corona-Krise überhaupt noch auf einer überfüllten Tanzfläche, in einer mit Menschen vollgerammelten Bar feiern? Auf den Hammer folgt der Tanz. Nur wann, und welcher, ist offen.