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Kultur
05/26/2020

Catalina Molina: "Filmemachen ist keine mathematische Gleichung"

Die Regisseurin und ROMY-Preisträgerin Catalina Molina im Gespräch über die Filmbranche, Vorbilder, Humor, Glück und Förderungen.

von Marco Weise

Die Regisseurin Catalina Molina (35) legte mit ihrem zweiten ORF-Landkrimi „Das dunkle Paradies“, der Ende 2019 zu sehen war, eine weitere Talentprobe ab und sicherte sich dafür völlig verdient ihre erste ROMY. Diese wurde ihr coronabedingt nicht bei der Gala überreicht, sondern wird ihr in den kommenden Tagen per Post zugestellt.

Im KURIER-Interview reicht sie nun ihre Dankesrede nach und spricht über neue Projekte, Humor, das österreichische Filmfördersystem und ihre Vorbildwirkung als junge Regisseurin.

KURIER: Was haben Sie sich gedacht, als Sie erfahren haben, dass Sie eine ROMY gewinnen?
Catalina Molina:
Heiliger Bimbam!

Wie hätte Ihre Dankesrede gelautet?
Ich hätte mich bei allen Leuten bedankt, die mich nicht nur bei diesem Projekt, sondern die letzten Jahre begleitet und unterstützt haben, beruflich wie privat. Bei meinem großartigen Team, meinem wundervollen Partner, der zu Hause alles schupft, während ich drehe und schließlich bei meinen Eltern, die mir immer das schöne Gefühl gegeben haben, dass mir die Welt offensteht.

Der Landkrimi „Drachenjungfrau“ (2016) war Ihr erster Langspielfilm. Seither sind vier Jahre und einige Arbeiten für den ORF vergangen. Genießen Sie jetzt mehr Freiheiten als zu Beginn?
Ich habe die Freiheit, unter Produktionen auswählen zu können, das schon. Aber Ideen, die aus dem Rahmen fallen, muss ich auch heute noch verteidigen und erkämpfen. Aber ich glaube, das gehört einfach zu meinem Beruf dazu. Es gilt stets, andere von seiner Vision zu überzeugen und Menschen auf eine Reise mitzunehmen.

Wie schwer ist es, als junge Regisseurin in der Branche Fuß zu fassen?
Ich hatte sehr viel Glück und einen Redakteur beim ORF, der an mich geglaubt und mir das zugetraut hat. Mein erster Fernsehfilm war ja gleichzeitig auch mein Langfilmdebüt – das ist eigentlich sehr unüblich.

Sie konnten noch rechtzeitig vor Corona Ihre erste Stadtkomödie „Das Glück ist ein Vogerl“ abdrehen. Worum geht es?
Um die schicksalhafte Begegnung zwischen dem Musiklehrer Franz (Simon Schwarz) und dem pensionierten Professor Egon (Nikolaus Paryla), der sich bei seiner alten Liebe Mali (Waltraut Haas) entschuldigen möchte, was sich als unmöglich erweist, weil Egon ein Geist ist. Da Franz der Einzige ist, der Egon sehen und hören kann, soll er ihm dabei behilflich sein. Das führt zu weiteren Komplikationen in Franz’ ohnehin schon zerrütteter Ehe.

 

Man sagt, das schwierigste Fach ist die Komödie. Wie schwierig war Ihre erste Komödie?
Es war herausfordernd, weil es einen feinen Grat zwischen „lustig“ und „übertrieben“ gibt – und ich auf keinen Fall Slapstick machen wollte.

Was bringt Sie zum Lachen?
Mich kann ganz viel zum Lachen bringen – vom schwarzen Humor bis zur Bananenschale am Boden. Aber natürlich ist origineller und intelligenter Humor am schönsten, vor allem, wenn er unerwartet kommt.

Als junge Regisseurin hat man ja eine Vorbildwirkung? Wie nehmen Sie diese wahr?
Als ich 16 Jahre alt war, kam „Nordrand“ in die Kinos. Zu diesem Zeitpunkt drehte ich selbst zwar Kurzfilme in der Schule, aber erst der Umstand, dass mit Barbara Albert eine junge Regisseurin diesen Film geschrieben und inszeniert hatte, löste den Wunsch in mir aus, ebenfalls Regisseurin zu werden. Drei Jahre später habe ich mich auf der Filmakademie beworben. Fast 20 Jahre sind seither vergangen. Und zum Glück ist es üblicher geworden, Frauen hinter der Kamera zu sehen und wahrzunehmen, aber damals ging mir wirklich ein Licht auf. Wenn ich zumindest meinen beiden Töchtern vermitteln kann, dass sie alles erreichen können, was sie sich vornehmen, bin ich zufrieden.

Woran arbeiten Sie gerade?
Im Moment bin ich mit der Fertigstellung der Stadtkomödie beschäftigt. Dann schreibe ich noch an einem neuen Landkrimi und an einem Kinofilm.

Gehören Sie eher zum Typ Mensch, der das Nichtstun genießt, oder müssen Sie immer etwas arbeiten?
Ich kann das Nichtstun schon genießen, vor allem wenn ich davor gearbeitet habe (lacht). Aber den Kopf ausschalten, das geht nie. Ich denke eigentlich immer über Geschichten und Ideen nach, merke mir Locations oder schreibe mir Alltagssituationen und -begegnungen auf, die ich erlebe und interessant finde.

Wie beurteilen Sie die Situation für angehende Filmemacher in Österreich? Was würden Sie dem Nachwuchs raten?
Ich glaube, dass es in Österreich noch vergleichsweise einfach ist, einen Film gefördert zu bekommen und umzusetzen. Aber natürlich sind die Mittel begrenzt und viele fühlen sich benachteiligt. Das Wichtigste ist meiner Meinung nach, dranzubleiben und sich nicht einschüchtern zu lassen, wenn es nicht gleich klappt mit der Filmakademie oder einer Förderung. Wenn man von seinem Projekt überzeugt ist und das Bedürfnis hat, dieses umzusetzen, findet man Wege.

Simon Schwarz, der in Ihrer Stadtkomödie mitspielt, hat im KURIER-Interview kürzlich das Filmförderungssystem in Österreich kritisiert. Wie beurteilen Sie die heimische Förderlandschaft?
Das ist ein schwieriges Thema. Es entstehen Filme mit immenser Förderung, die spurlos an einem vorüberziehen, andere, die mit wenig Ressourcen großes Aufsehen erregen und viele Preise gewinnen. Oder solche, die es nie zu einer Subvention schaffen, und man versteht nicht, warum. Natürlich ist der Topf nicht unendlich und die Juroren sind auch nur Menschen, die bis zu einem gewissen Grad fachmännisch, aber sicherlich auch emotional und mit persönlichen Vorlieben Projekte auswählen. Das ist doch überall so.
Und was man auch nicht vergessen sollte: Filmemachen ist keine mathematische Gleichung. Es kann ein geniales Paket von Drehbuch, Besetzung und Regie präsentiert werden, aber aus irgendeinem Grund geht das Ganze eben doch nicht ganz auf. Ich glaube schon, dass die Jury bemüht ist, den schwierigen Spagat zwischen Kunst und Unterhaltung zu schaffen und allen interessanten Projekten eine Chance zu geben. Aber ich beneide sie nicht um ihren Job.

Zur Person: Catalina Molina

Die 1984 in Buenos Aires geborene Wahl-Wienerin wuchs in der Steiermark auf und ging in Graz zur Schule. Molina ging danach nach Wien und studierte an der Wiener Filmakademie Regie bei Michael Haneke. Molinas Spielfilmdebüt war der ORF-Landkrimi „Drachenjungfrau“ (2016). 2018 drehte  sie  mit „Glück allein“ ihren ersten  „Tatort“. Für den zweiten Landkrimi „Das dunkle Paradies“ wurde sie im Rahmen der ROMY 2020 in der Kategorie „Beste Regie TV-Fiction“ ausgezeichnet.