© Theater in der Josefstadt/Jan Frankl

Interview
04/18/2021

Brecht-Darsteller Stolzmann: "Kultur ist wie ein erstes Date"

Josefstadt-Schauspieler Claudius von Stolzmann über die „Dreigroschenoper“, Spielen vor leerem Haus und seine Liebe zu Wien

von Guido Tartarotti

Claudius von Stolzmann, 40, spielt in den Kammerspielen der Josefstadt den Mackie Messer in „Die Dreigroschenoper“ von Bertolt Brecht und Kurt Weill (Inszenierung: Torsten Fischer). Die Aufführung wird am 25. April in ORF III ausgestrahlt. Das Interview wurde bei einem langen Spaziergang am Donaukanal in Wien geführt.

KURIER: Ist es nicht ein komisches Gefühl, eine Premiere nur fürs Fernsehen zu spielen?

Claudius von Stolzmann: Komisch nicht, es ist ein anderes Gefühl. Am merkwürdigsten ist es, sich nur für die Kamera am Ende zu verbeugen.

Der Kabarettist Lukas Resetarits hat gesagt, beim Spielen vor leerem Haus fehle ihm vor allem die Energie, die aus dem Publikum kommt, mehr als Lachen oder Applaus.

Das kann ich sehr gut nachvollziehen! Vor allem bei komödiantischen Szenen fehlt die Reaktion des Publikums sehr. Man braucht ja die Verbindung zum Publikum, auch, um zu spüren, warum man das überhaupt macht. Wir haben derzeit eher eine Art Labor-Situation.

Die „Dreigroschenoper“ läuft sonst auf großen Bühnen, die Josefstadt zeigt das Stück in den Kammerspielen, das ist ungewöhnlich.

Ja, ich war zuerst auch verblüfft. Aber es ist extrem spannend auf dieser kleinen Bühne. Unser Bühnenbildner Herbert Schäfer hat es geschafft, dass sie trotzdem groß wirkt. Es wird mit Licht gearbeitet, sodass die hintere Wand im Nebel verschwimmt und endlos wirkt.

Man hat den Mackie Messer schon als charmanten Verführer gesehen, aber auch als eiskalten Verbrecher. Wie stellen Sie ihn dar?

Da kann ich eigentlich nur sagen: Kommen und sehen Sie! Gefühlskalt ist er bei uns nicht. Wir konzentrieren uns vor allem auf den Verrat: Er wird ja von allen anderen Figuren verraten, außer von der Lucy. Wir erzählen seinen Niedergang und überraschenden Aufstieg innerhalb dieses Gefüges. Ein tief sitzender Ansporn von ihm ist in dem Satz, den der Rapper

50 Cent geprägt hat, zu finden: Get rich – or die trying.

Das ist eine sehr oft gespielte Figur, ist es schwierig, seine eigene Version zu finden?

Nein, gar nicht. Denn diese Figur hat sehr viel damit zu tun, was der Darsteller mitbringt, was er bereit ist, zu investieren.

Das klingt ja wie ein Traum für einen Schauspieler – eine Rolle, bei der man so viel von sich selber einbringen kann.

Ja. Aber es ist auch eine der anspruchsvollsten Rollen für mich bisher. Weil sie mir so viel abverlangt, so viel Fingerspitzengefühl für die Figur und das übrige Ensemble. Und dann natürlich das Singen! Man muss punktgenau singen, damit der Text auch verstanden wird. Unser Regisseur hat gesagt, dass die Lieder eigentlich keine Lieder sind, sondern ganz normale Texte, die halt zufällig gesungen werden. Man muss eine ganz andere Konzentration aufbringen, mit je! Dem! WORT! Immer das T explodieren lassen!

Darf man überhaupt noch Spucken auf der Bühne?

Ich glaube, wir spucken so unglaublich viel in dieser Inszenierung (lacht). Und immer, wenn es mir passiert, denke ich mir: Ja! Das war ein guter Kon! So! Nant! (Wir kommen an einer Kletterwand vorbei): Ah, die bouldern da! Geil! Wenn die Hallen wieder offen sind, müssen die Proben mit mir dort stattfinden.

Bis zu welchem Schwierigkeitsgrad?

Einmal habe ich eine 7B geschafft.

Großartig, ich komme im besten Fall bis 6 … Meine Großmutter hat beim Abwaschen gesungen: „Und der Haifisch, der hat Zähne …“ Sind die Lieder nicht längst Volkslieder, ihres politischen Kontexts beraubt?

Da geht es um politisch böse, brutale Texte, aber versteckt unter einer sehr sexy Musik. Wir versuchen, das wieder zu aktivieren.

Jeder kennt das Zitat „Erst kommt das Fressen, dann die Moral“. Wie politisch aktuell ist das Stück?

Es finden sich keine Bezüge zur Erstürmung des Kapitols oder zu Ibiza, mit solchen Ereignissen lässt es sich nicht vergleichen. Der Autor und der Komponist wollten den aufkeimenden Nationalsozialismus identifizieren. Und den haben wir nicht mehr ... oder noch nicht wieder. Dieses Zitat – zuerst muss es möglich sein, auch armen Leuten, vom großen Brotlaib sich ein Teil zu schneiden – das heißt nicht aufrührerisch „Jetzt ziehen wir los gegen das Kapital!“, sondern es wird ausgedrückt: Leute, es muss sich etwas verändern. Wenn man es vergleichen will mit der Aktualität, dann fällt mir „Fridays For Future“ ein.

Vor Jahrzehnten galt es in Wien noch als Skandal, Brecht zu spielen. Jetzt ist er in den Kammerspielen angekommen.

Einen Skandal kann man heute am Theater nicht mehr erzeugen, da sind wir kulturell zu erwachsen geworden. Selbst, wenn man denen den Arsch zeigt, sagen sie eher: „Geh Oida, des kennen ma schon.“ Nein, ich traue dem Publikum in den Kammerspielen sehr viel zu!

Wie wird es nach der Pandemie weitergehen?

Ich habe gelesen, dass immer in der Geschichte nach Katastrophen die Wirtschaft und Kultur einen Riesenaufschwung genommen haben. Da wurden Feste gefeiert!

Nach der Pest.

Genau. Oder die wilden Zwanziger. Die Historiker gehen davon aus, dass es nach 2022 wieder voll losgehen wird. Und ehrlich gesagt, freue ich mich schon darauf. Stellen Sie sich vor, wir haben die Zwanzigerjahre wieder!

Aber nach den Zwanzigerjahren kamen die Dreißigerjahre.

Und genau da wird es spannend. Geht es dann auch wieder so weit?

Wie wird es mit der Kultur weitergehen?

Ich denke, dass dieses ganze Streaming an Bedeutung verlieren wird.

Droht nicht die Gefahr, dass die Menschen verlernen, zur Kultur zu gehen?

Ich glaube nicht. Einen Kulturabend kann man in mancherlei Hinsicht mit einem ersten Date vergleichen. Zugegeben eines, in das ich, als der Spieler, meistens besser vorbereitet als der Zuschauer gehe. Aber dennoch: die Energie, die in die Vorbereitung fließt, die Vorfreude, die Möglichkeit der Verbindung, oder ein gänzliches Nichtgefallen, das Spüren, oder der Glaube, spüren zu können, was der andere gerade fühlt, wie etwas beim anderen ankommt, die Möglichkeit, sich danach erneut wiederzusehen, der Wunsch und die Hoffnung, sich verlieben zu wollen ... All das, was ausnahmslos bei jeder einzelnen Vorstellung in der Luft liegt, fehlt einem, wenn man ohne Zuschauer spielt. Und ich glaube, das ist etwas, was beide Seiten zutiefst vermissen. Ich hoffe, dass die Leute sich gerade darauf freuen werden, wieder ins Theater zu gehen. Bitte macht das, Leute! Kommt!

Fühlen Sie sich als Deutscher wohl in Wien?

Ich liebe die Stadt und die Leute! Am Anfang war es schwierig. Ich erinnere mich, ich kam aus einer Bäckerei, da hat mich ein Mann angesprochen: Heast Oida, host an Tschick? Dass Tschick Zigarette heißt, wusste ich schon. Ich habe gesagt: Nein, leider. Darauf er: Dann schleich di, du Nazi! (lacht). Nach einer Woche Österreich hast du als Deutscher noch keine Ahnung von Schmäh. Aber mittlerweile liebe ich es. Vor allem diese Kulturbesessenheit der Österreicher ist großartig. Man wird hier als Schauspieler auch so beschützt vom Publikum: Du host eh gut g’spüt, owa die Inszenierung woar a Schas, der Regisseur is’ sicher a Oaschloch!

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