© Belvedere Wien

Kultur
06/06/2021

Biedermeier: Die Idylle, die keine war

Unter dem Titel „Bessere Zeiten?“ zeigt das Belvedere seine Biedermeier-Malerei – und lädt zu Vergleichen zwischen einst und jetzt

von Michael Huber

Selbst angesetzter Sauerteig war beim Bürgertum in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts offenbar nicht so ein Ding. Jedenfalls schaffte es die Praxis des Brotbackens, mit der Stadtmenschen in den Lockdown-Phasen der jüngsten Vergangenheit zahlreiche Medienkanäle überfluteten, nicht wirklich in die Gemälde, die uns als Zeugnisse der so genannten Biedermeierzeit überliefert sind.

Wohl aber erzählen diese Bilder vom Rückzug ins Eigenheim, von der Idealisierung des Landlebens und von der Entdeckung Österreichs als pittoreskes Urlaubsziel: Vom Salzkammergut bis zum Wienerwald operiert die Tourismuswerbung bis heute mit Bildern, die im Wesentlichen in der Biedermeierzeit geprägt wurden (damals noch ohne E-Mountainbikes).

Nicht nur Retro

Die Schau „Bessere Zeiten“ im Oberen Belvedere bietet eine tolle Gelegenheit, sich in die Epoche, die generell als die Zeit zwischen dem Wiener Kongress 1814/’15 und der Revolution von 1848 definiert wird, hineinzusehen: Wiewohl aus einem coronabedingten Zwang zur Arbeit mit hauseigenen Beständen geboren, erscheint die Schau nicht als Notlösung, verfügt das Belvedere doch über eine der wichtigsten Biedermeier-Sammlungen überhaupt.

Kurator Rolf Johannsen ist zudem gut darin, an vielen Stellen des nach Themen gegliederten Parcours kleine Widerhaken zu setzen: Mit zuckersüßen Sprüchen wie „Trautes Heim, Glück allein“ oder „Heimat, süße Heimat“ als Saalüberschrift wird da schon insinuiert, dass die viel zitierte Biedermeier-Idylle brüchig war, ja sein musste.

Und tatsächlich: In Peter Fendis Bild „Die Pfändung“ (1840) wird eine verschuldete Familie delogiert, das „Mädchen vor dem Lottogewölbe“ von 1829 (oben), ebenfalls von Fendi, blickt womöglich dem Ruin entgegen. Auch Selbstdarstellungsgesten kippen in den Bildern mitunter ins Karikaturhafte – famos ist hier die Reihung dreier Damenbildnisse, von denen eines eine Wirtin, quasi eine Selfmade-Woman, das andere eine reich verheiratete Bürgerin und das Dritte eine Adlige zeigt. Gemeinsames Merkmal: Der zur Schau gestellte Kaschmir-Schal.

Flucht in die Idylle

Mögliche Verbindungen zur heutigen Instagram-Gesellschaft werden einem in der Ausstellung nicht aufs Auge gedrückt. Es wäre trotzdem zu wünschen, dass die Schau auch in der jungen Generation ein Publikum findet: Man darf angesichts der Bilder ruhig diskutieren, was es mit der Besinnung auf das kleine Glück und die Sicherheitsversprechen der Kleinfamilie heute auf sich hat – und ob sich unsere via Social Media geteilten Idyllen wesentlich von jenen des Biedermeier unterscheiden.

Wie Kurator Johannsen meint, resultierten heutige Rückzugstendenzen schon vor der Pandemie aus der „Unübersichtlichkeit der Welt“. Auch das frühe 19. Jahrhundert war, mit anbrechender Industrialisierung und politischem Wirrwarr, äußerst vielschichtig.

Die Stärke der Gemälde aus jener Zeit liegt dabei nicht zuletzt in ihrer erzählerischen Kraft: Ob in Josef Danhausers Bild vom „Reichen Prasser“, der wenig später die Klostersuppe löffelt, oder in den kleinen Familien-Dramen bei Ferdinand Georg Waldmüller – wie sich Geschichten in verdichteter Form bildlich darstellen lassen, lässt sich hier lernen. Der „Star Wars“-Erfinder George Lucas, der in Los Angeles gerade sein „Museum für narrative Kunst“ baut, weiß Derartiges zu schätzen, dürfte das Wiener Biedermeier aber noch nicht recht entdeckt haben. Die erste Adresse bleibt also (vorerst) das Belvedere.

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