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Interview
09/27/2020

Autor Radek Knapp: Der echte Wiener muss geschützt werden wie der Orang-Utan

Radek Knapp erforscht Österreich – und findet Essenzielles wie Blunzengröstl, iPhone-Schnösel und Veltliner.

von Georg Leyrer

Frisch aus Warschau angereist, wird Radek Knapp in Wien mit den rätselhaften Worten „Geh bodn!“ begrüßt. Das steht nicht im Deutsch-Lehrbuch und ist nur der Einstieg ins viele Erstaunliche, dem Knapp in Folge begegnet. In „Von Zeitlupen-Symphonien und Marzipantragödien“ dokumentiert Knapp seine Erforschung Österreichs. Als Ein-Mann-„Universum“-Sendung erkundet er Wiener Wasser und Musikliebe und den Heurigen und Mehlspeiszuckerschock und Pragmatisierung.

KURIER: Also das, was viele Österreicher gern als Klischees abtun. Zu Unrecht?

Radek Knapp: Österreich kann auf seine Klischees stolz sein. Über den Tod redet man hier so lange, bis man sich totlacht. Der Mohr im Hemd ist die angenehmste Art, sich Diabetes zu holen. Hier kam auch der weltbeste Komponist zur Welt. Auch wenn Donald Trump glaubt, Mozart hätte kürzlich eine olympische Medaille im Riesenslalom gemacht. Und Österreich ist auch nicht klein. Würde man die Berge platt drücken, wäre Austria noch größer als Deutschland.

Gegen Schluss gibt es einen Kalenderspruch: Der Fremde sieht Dinge, an denen der Einheimische vorübergeht. Das Buch: Ein Gegenmittel zu diesem Vorübergehen. Wie könnte, sollte es auf den Leser wirken?

Dieses Buch ist der bisher gründlichste Versuch, Österreich aus dem Blick eines Fremdlings zu sehen. Der Österreicher wird staunen, in welchem Paradies er sich befindet. Und wie leicht man sich daran gewöhnt. Zugleich ist es ein Dankeschön im Namen anderer Fremdlinge, die dazu keine Möglichkeit haben. Geschleimt wird in diesem Buch aber nicht, so nach dem Motto – auch die Wahrheit kann manchmal ein Kompliment sein. Das Raunzen habe ich den echten Experten überlassen – den Österreichern selbst.

Auf der Habenseite des Forschers: Blunzengröstl und Mohr im Hemd als Essensentdeckungen. Da zeigt sich Österreich von seiner gefährlichen Seite. Haben Sie das unbeschadet überstanden?

Das Essen in Österreich ist ausgezeichnet. Fragen Sie die Deutschen. Ein Ingenieur aus Stuttgart plante seine Dienstreisen immer so, dass er in einem ÖBB-Speisewagen landete. Österreichs Küche hat eine wichtige Weisheit verinnerlicht. Wir alle sind nur so gut drauf wie unser Verdauungstrakt. Blunzengröstl liebe ich am meisten. Habe mir aber bei Oberlaa öfter einen Zuckerschock geholt, nach dem ich alles doppelt sah.

Auf der Verlustseite: Der echte Wiener, der doch untergeht – von den Bobos und Fischlokalen an den Rand gedrängt, wo er beim Heurigen trinkt und motschgert. Ist der Mundl noch zu retten?

Der Wiener ist leider eine aussterbende Spezies. Schuld daran ist eine raumforderne Spezies namens Bobo. Überall sieht man diese iPhone-Schnösel, die den Wiener Dialekt gegen WhatsApp getauscht haben. Alte Wirtshäuser weichen Lokalen, die wie Aquarien aussehen und solchen Unsinn wie „Tofunudeln“ servieren. Nur im alten Wirtshaus konnte man solche Lebensweisheiten hören wie: „Wir Wiener schauen niemandem in die Augen und sehen trotzdem alles“ oder „Trinken wir ein Fluchtachterl, obwohl wir nicht auf der Flucht sind“. Der echte Wiener gehört unter Artenschutz gestellt wie der Borneo Orang Utan.

Der Forscher entdeckt auch ein Gleichgewicht zwischen „Angstidioten und Gutmenschen“, mal sind die einen an der Macht, mal die anderen. Beunruhigend?

Das ist ein Naturgesetz. Die Menschheit teilte sich immer in Extreme. Nehmen wir die berühmte Ausländerfeindlichkeit, die ein Resultat der Angstidiotie ist. Zum Glück gibt es hierzulande erstaunlich viele Österreicher, die immun gegen diesen Unsinn sind. Sie wissen: Nicht alle Ausländer sind Terroristen oder slawische Vierkantschlüsselakrobaten. In Wahrheit teilt sich die Welt immer in zwei Sorten: Arme und Reiche. Hilft man den Armen nicht vor Ort, kommen sie hierher und helfen sich selbst. Das ist der Grund für die hohe Kriminalität unter Migranten.

Das Buch bringt sich auch als ultimative Waffe gegen Angst vor Ausländern ins Spiel: Mit dem Vorschlag, diese so sehr zu integrieren, dass sie selbst die FPÖ wählen, damit keine Fremden mehr kommen. Man würde gern lachen, aber das ist wirklich so, oder?

Die FPÖ-Wahltorte sagt: Der Islam zerstört die europäische Identität. Totale Angstmache. Der geniale Mathematiker Norbert Hofer rechnete aus, dass jede arabische Frau vier Kinder kriegt. Die kriegen wieder vier und am Ende gibt es bald nur in St. Pölten 50 Millionen arabische Kinder. Diese Rechnung hat einen Haken: Sobald die hier geborenen Kinder sich ein Smartphone kaufen und ein paar Mal ausgehen, werden sie alles haben wollen, nur keinen Nachwuchs. Unsere Konsumgesellschaft integriert diese bösen Fremdlinge so gründlich, dass sie dann sogar den magischen Norbert Hofer wählen, damit nicht noch mehr „Gesindl“ reinkommt. Ich kenne viele ehemalige Ausländer, die sich für Strache und Co. in Stücke schneiden würden. Angst wirkt Wunder.

Neben „Jeeedeeeermann“ und „Alles Walzer“ der zentrale Satz in Österreich ist: „Zweite Kassa, bitte“. Zerschellt die österreichische Identität an diesen absurd schlecht funktionierenden Selbstbedienungskassen im Supermarkt endgültig?

Die österreichische Identität ist hart im Nehmen. Seit Jahrhunderten wird Österreich mit Fremdelemten überflutet. Jemand hat ausgerechnet, dass hier inzwischen 10 Mal so viele Fremdlinge sein müssten wie Einheimische. Aber wie durch ein Wunder sind die Österreicher immer noch in der Überzahl und werden es bleiben. „Schauma mal, dann werma sehen“, „So jung kommen wir nie wieder zusammen“ und die Unmengen an grünen Veltliner, die jedem hier verabreicht werden, machen die österreichische Mentalität unwiderstehlich. Sie assimiliert mühelos jedes Fremdelement. Und warum? Weil wir alle aus H zwei O und anderen Mikrolementen bestehen, die eine Zwangsehe mit dem Wein eingehen, wie mir ein Philosoph aus Langenlois erklärte.

Am Schluss bedanken Sie sich beim Großvater, der den langgezogenen Kaffeefleck Österreich als Reiseziel vorschlug. Haben Sie den Entdeckerblick in Polen auch? Was sehen Sie dort?

Polen leidet unter der gleichen Angstidiotie wie inzwischen ganz Europa. Noch dazu wird es von einem Trump im Kleinformat regiert. Hier kann man nichts erforschen, sondern verzweifeln. Was beweist, dass es sich nicht auf Dauer   in einem Angstzustand leben lässt. Corona beweist uns das jeden Tag. Wir sind genervt, gestresst und missmutig und das obwohl es uns eigentlich blendend geht. Ich bin froh in Österreich zu sein, wo man für solche Fälle den grünen Veltliner erfunden hat. Dagegen kommt nicht einmal Corona an.

Und: Wie entfernt man am besten einen Kaffeefleck?

In dem man so tut, als wäre er nicht da.

Info: Radek Knapp: „Von Zeitlupen-Symphonien und Marzipantragödien“ Amalthea. 160 Seiten. 20 Euro

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