© Radek Knapp

Kultur
04/25/2020

Radek Knapps Corona-Tagebuch: Die bescheuerte Normalität

Der Autor begleitet Sie durch die Krise

Irgendetwas stimmt mit mir nicht. Was mich kürzlich noch interessierte langweilt mich auf einmal.

Schlimmer noch. Ich finde es doof.

Ich schaute gelegentlich „Deutschland sucht den Superstar“. Nicht, um meinen IQ anzuheben. Im Gegenteil. Es war erfrischend zuzusehen wie ein gelifteter Ex-„Modern Talking“-Sänger und erklärter Prolet zum Professor der deutschsprachigen Unterhaltung wurde.

Jetzt finde ich das nicht mehr witzig. Um über Oberflächliches zu lachen, muss man gut in Form sein. Der Bachelor war auch nie meine Lieblingssendung. Aber es schadete nicht, mal vorbeizuschauen, wie 20 identische Frauen, die sich nur durch Tätowierungen unterschieden, einem Dreitagebart-Schönling nachjagten. Einem Schönling, der sich übrigens (ich glaube in der Slowakei) am Ende einer Staffel als schwul herausstellte.

Noch vor einem halben Jahr zitterte ich beim Tennis-Finale für Rafa Nadal gegen Dominic Thiem. Jetzt frage ich mich: Müssen zwei erwachsene Männer wirklich derart einem kleinen gelben Ball nachjagen.

Das Einkaufen ist auch nicht mehr so prickelnd. Vor dem Geschäft steht eine Menschenschlange in Masken wie in einem Katastrophenfilm.

Sogar meinen digitalen Mitmenschen kommt das neueste iPhone-Modell nicht mehr so sexy vor. Und das will schon was heißen. Die Regierung nennt das die „neue“ Normalität. Das klingt toll, aber was soll das genau heißen? Bald werden sie eine „neue“ Luft und „neue“ Wirklichkeit ausrufen. Trotzdem: Etwas Neues hat es aus mir doch herausgeholt. Ich bin hellhörig geworden. Und ich bin nicht der einzige. Berichte über Leute, die mit der neuen Normalität nicht zurechtkommen häufen sich. Selbsternannte Polizei läuft zum Beispiel jetzt überall herum.

Auf dem Obstmarkt geht eine Frau mit einem 1 m langen Stock und misst den Menschenabstand. Wer aus der Reihe tanzt, wird gerügt. Ein alter Mann schreit mich von 20 Entfernung an „Halten Sie 1 m Abstand“. Und kommt laufend näher, damit ich ja jedes Wort verstehe.

Niesen: 200 Euro

Die echte Polizei ist auch emsig. Einmal niesen 200 Euro. Einen Unbekannten nach dem Weg fragen: 400 Euro. Eine App, wo man die bereits C-Immunen namentlich anführt, steht bereits zur Debatte. Auch die Infizierten sollen notiert werden. Dass die Immunen wieder krank werden und die Infizierten gesund bleiben können, kümmert niemanden. Eine Zwei-Klassen-Gesellschaft für Gehirnamputierte lässt grüßen. Und welchen Spass hätten die Hacker erst? Mit einem Klick aus halb Wien eine Million Infizierte machen. Oder umgekehrt. Für Leute, die die CIA sogar beklauen können, ist das ein Kinderspiel. Denkt da oben jemand noch mit? Oder wie lange tun wir noch so, als würde ein Asteroid auf uns zukommen?

Ich ertappe mich bei Seltsamem. Ein Auto fährt mich fast nieder, weil der Fahrer gerade eines SMS schreibt. Früher wäre ich ausgerastet, jetzt seufze ich nostalgisch: Ach wie nett – das war wie früher. Ich will zwei Dinge zurück. Nicht mehr als Virenschleuder von meinen Mitmenschen angesehen werden. Den Bogen, den sie um mich machen, nenne ich nur noch den Coronabogen. Und die alte Normalität. Die „neue Normalität“ ist nämlich nicht neu. Sie ist einfach nur bescheuert.

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