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Kultur
01/29/2021

Auf dem Weg zur nächsten Generation der Online-Kunstmessen

Das Format "Interconti.Wien" serviert Kunst in Vitrinen in einem Ballsaal. Auch andere Anbieter wollen weg vom Luxus-Webshop

von Michael Huber

Langsame Kamerafahrten durch Hotels haben ein bisschen ein Imageproblem. Stanley Kubrick ist mit seiner Verfilmung des Stephen King-Klassikers "The Shining" wohl Schuld daran - man weiß: Jederzeit kann aus den Gängen der Horror hereinbrechen.

Im Hotel Intercontinental in Wien ist aber deutlich mehr Platz als in Kubricks entlegenem Horror-Hotel, mangels VIP-Programms ist Jack Nicholson nicht da, und auch vor der Kunst muss man keine Angst haben: Sie wird nämlich im Terrarium gehalten, in edlen Vitrinen, die sich die Initiatorinnen und Initiatoren aus dem Depot des MAK ausgeborgt haben.

Doch genug des Sarkasmus: "Interconti.Wien" ist ein neues Kunstmarkt-Format, das durchaus wegweisende Impulse für die Kunstmessen-Situation nach der Pandemie beinhaltet. Dass in dieser so genannte "Hybride" aus Online- und Präsenzveranstaltungen eher häufiger als seltener anzutreffen sein werden, gilt mittlerweile als Konsens.

Die Initiatoren von "Interconti.Wien" - die Galeristinnen Sophie Tappeiner und Henrikke Nielsen sowie der Galerist Emanuel Layr -   haben sich ganz offensichtlich Gedanken darüber gemacht, wie sich Atmosphäre über eine Webplattform vermitteln lässt. Denn auch die meisten großen Kunstmessen und Galerien gestalteten ihre so genannten "Online Viewing Rooms" (kurz OVRs) bisher meist als optisch gediegene Websites mit Shop-Funktion und Videofenstern. 

Auf der von der Agentur "treat.agency" gestalteten "Interconti.Wien" fährt man nun entlang eines Video-Streams durch den Ballsaal und um die einzelnen Vitrinen herum, dazu poppen nach und nach Statements der Galeristinnen und Galeristen sowie der Künstlerinnen und Künstler auf. Natürlich hat ein persönlicher Rundgang mit Kunstschaffenden oder Kuratoren noch immer eine andere Atmosphäre - aber die Interconti-Seite kommt der Erfahrung zumindest insofern näher, als sie eine zeitliche Achse des Erlebens einführt und neben nüchternen Kunstabbildungen auch die Perspektivwechsel und Erläuterungen einbindet, die einem auf einer "realen" Messe vielleicht von Galeriemitarbeiterinnen zugeflüstert würden.

Abseits der Flachware

Kunst gibt es nicht nur zu sehen, sondern auch zu kaufen: Die Galerie Hubert Winter hat etwa minimalistische Objekte von Alfredo Jaar (Chile/USA) im Programm, die Vitrine der Galerie Martin Janda bespielt Melanie Ebenhoch mit einem zweiseitigen Rundgemälde, das das Motiv des Horror-Hotelgangs nochmal explizit aufgreift. Bei Meyer Kainer zeigen Gelatin einen ihrer aus Styropor abgegossenen Köpfe, in dem zweimal nur die Rückseite zu sehen ist und das Gesicht verborgen bleibt. Die Kunst nimmt also durchaus auf die Betrachtungssituation von allen Seiten Bezug.

Einige Preise sind auf der Website angeschrieben und bewegen sich im eher moderaten Bereich: Ebenhochs Bild kostet 7000 €, Maskenobjekte von Matthieu Haberard (bei Gianni Manhattan) 3.600 €, Zeichnungen von Soshiro Matsubara (bei Croy Nielsen) 1500 €, im Bereich Editionen sind Objekte schon ab 294 € zu haben. Insgesamt sind 13 Galerien beteiligt, wobei abseits der drei Initiatoren sowohl jüngere Player als auch etablierte Namen dabei sind: Die notwendigerweise selektive Einladungspolitik hatte im Vorfeld durchaus für Verwerfungen in der städtischen Galerienszene gesorgt, wie man hört.

Hybridisierung

Doch "Interconti.Wien" wird wohl nicht das einzige Kunsterlebnis bleiben, das nach neuen Erlebnissen abseits gepflegten Kunst-Onlineshoppings sucht. Im selben Atemzug, in dem die großen Messen Art Basel und TEFAF die Verschiebung ihrer Termine in den Herbst bekanntgaben, kündigten Sie neue Online-Formate an, oft mit kuratierten Themen und Schwerpunkten.

Inzwischen wird auch schon diskutiert, ob die real stattfindenden Messen ein Kontrollsystem für geimpfte Kundinnen und Kunden implementieren sollen. Was innerhalb der hochgradig elitären Kunstwelt noch eine weitere Zwei-Klassen-Gesellschaft einführen würde. Denn bei aller Exklusivität sind Messen doch auch stets für ein allgemeines Publikum die Gelegenheit, neue Kunst zu sehen, bevor sie für lange Zeit in Privatgemächern oder Lagern verschwindet.

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