© Brescia e Amisano © Teatro alla Scala

Nachtkritik
12/07/2021

Netrebko singt - und tanzt: So war die Saisoneröffnung an der Scala

Erste Großpremiere in Mailand unter der Intendanz von Dominique Meyer: Am Ende gab es sogar einige Buhs für die Diva.

von Gert Korentschnig

Die Mailänder Scala, das berühmteste Opernhaus der Welt, spielt wieder - und im Gegensatz zu Wien sogar in einem ausverkauften Haus. Vielleicht gab es deshalb zu Beginn der Inaugurazione für Staatspräsident Sergio Mattarella den mit Abstand größten Applaus des Abends: In Mailand hat man das Gefühl, die Krise sei für Geimpfte wirklich zu Ende, aber wer weiß das heute schon.

Dominique Meyer, der Intendant der Scala, der die Inaugurazione, die jährlich fast wie der Opernball zelebrierte Saisoneröffnung im vergangenen Jahr nicht feiern hatte können, bot für seine erste Großpremiere ein Staraufgebot auf - Teile davon hatte man zuletzt schon in Wien gehört, nämlich die beiden Protagonisten Anna Netrebko als Lady in der hochdramatischen Verdi-Oper "Macbeth" und ihren Bühnenpartner Luca Salsi (in der Titelpartie).

Am Ende der Aufführung ereignete sich etwas, was zumindest Ihr Rezensent noch nie erlebt hat: Es gab doch zahlreiche Buhs für Netrebko.

Die als größte Sängerin unserer Tage geltende Sopranistin wirkte in den ersten beiden Akten routiniert, etwas müde in der Stimme und auch nicht sonderlich präzise. Normalerweise braucht Netrebko ja nur den Mund aufzumachen und einen Ton ihrer Wahl ausströmen lassen, und sie schafft es sofort, ihr Publikum zu faszinieren. Das war diesmal nicht der Fall. Zuletzt hatte sie wegen einer Schulter-Operation einige Aufführungen abgesagt, bei ihrer Rückkehr auf die Bühne erlebte man sie definitiv nicht in Bestform.

Nach der Pause jedoch bestach sie bei der Balletteinlage (gespielt wurde die wesentlich längere Version von 1865) als Tänzerin. Barfuß, im Negligé, tanzte sie neben Profis etwa drei Minuten lang sehr engagiert, präzise und gut choreografiert. Auch das hat man so noch nicht auf einer Opernbühne erlebt.

Als wäre sie durch den Tanz wachgerüttelt, sang sie ihre Wahnsinnsarie bezaubernd schön, sehr innig, zart und zerbrechlich. Und das auf einer etwa sechs Meter hohen Brücke tänzelnd, nur durch ein Seil gesichert.

Viel Applaus gab es am Ende für den Dirigenten Riccardo Chailly, der die Genialität der Partitur auslostet und in dunklen Farben, packend und niemals vordergründig auf Schönklang fokussiert realisiert.

Luca Salsi ist ein stimmlich mächtiger Macbeth, der die Brüche und Unsicherheiten dieser Figur auch gut spielt, Ildar Abdrazakov ein famoser Banco und Franceso Meli ein erstklassiger Macduff. Sie alle wurden - ebenso wie der Chor - vom Publikum ebenfalls lautstark gewürdigt.

Ganz im Gegensatz zu Regisseur Davide Livermore, der die Handlung rund um einen Immobilientycoon im Stil von Donald Trump ansiedelt. Seine Interpretation zeigt, wie sehr Macht korrumpiert - auch die vermeintlich Guten. Das Bühnenbild der Architekten von Giò Forma ist exzellent, wandelt sich vermittels Videos und großen Stahlkonstruktionen permanent und bietet spektakuläre Schauerlebnisse.

In Wien hat man Meyer vorgeworfen, viel zu traditionell zu sein. Für Mailand war diese zeitgemäße und gelungene Interpretation offenbar zu modern. Aber was sagt schon eine Premiere aus. Auch in Hinblick auf Anna Netrebko.

eine Newsletter Anmeldung Platzhalter.

Wir würden hier gerne eine Newsletter Anmeldung zeigen. Leider haben Sie uns hierfür keine Zustimmung gegeben. Wenn Sie diesen anzeigen wollen, stimmen sie bitte Piano Software Inc. zu.

Um diesen Artikel lesen zu können, würden wir Ihnen gerne die Anmeldung für unser Plus Abo zeigen. Leider haben Sie uns hierfür keine Zustimmung gegeben. Wenn Sie diese anzeigen wollen, stimmen sie bitte Piano Software Inc. zu.

Jederzeit und überall top-informiert

Uneingeschränkten Zugang zu allen digitalen Inhalten von KURIER sichern: Plus Inhalte, ePaper, Online-Magazine und mehr. Jetzt KURIER Digital-Abo testen.