© Wiener Staatsoper / Michael Pöhn

Kritik
12/14/2020

Anna Netrebko als Tosca in Wien: Traum-haft

Netrebko sang erstmals in Wien Puccinis Tosca – für Fernsehen und vor unwirklich leeren Rängen.

von Gert Korentschnig

New York 2018: Anna Netrebko singt an der Metropolitan Opera New York erstmals die Partie der Tosca – und erklimmt damit den Mount Everest des Divenfaches, an dessen Aufstieg die meisten Sopranistinnen scheitern. An ihrer Seite als Cavaradossi: ihr Ehemann Yusif Eyvazov, der für Marcello Álvarez eingesprungen war. Angeblich hatte sie am Tag vor diesem Debüt den dritten Akt noch gar nicht beherrscht. Das Ergebnis: ein Ereignis.

Mailand 2019: Netrebko ist bei der Saisoneröffnung der Scala als Tosca zu hören – wieder neben ihrem Mann Eyvazov. Nach ihrer großen Arie versingt sie sich kurz, der Bariton Luca Salsi rettet sie über das Chaos hinweg, nur wenige Premierenbesucher kriegen das mit, der Triumphzug ist prolongiert.

Gespann mit Gespons

Wien 2020: Netrebko ist auch an der Staatsoper als Tosca zu erleben – der neuen Direktion sei Dank, die unmittelbar nach dem Debüt von Piotr Beczala als Werther mit einem solchen Knüller weitermacht. An Netrebkos Seite? Erraten. Und damit dieses Thema gleich abgehakt ist, ehe wir uns mit den schönen Stimmen beschäftigen: Dieser Cavaradossi singt von Anfang bis zu seinem Ende gleich laut, gleich undifferenziert, mit dem gleichen Ausdruck. Kann man mögen, muss man aber nicht.

Aber bleiben wir bei Netrebko und fragen wir uns, was denn so einzigartig ist, sodass wir von der Symbiose ToscAnna sprechen können? Stimmlich einfach alles. Sie singt atemberaubend in allen Lagen, Registerübergänge bereiten ihr nicht das geringste Problem, ihr dunkles Timbre besticht in der Tiefe, ihre Ausbrüche in der Höhe sind kraftvoll und präzise. Bei den meisten Toscen wackelt irgendwo irgendwas, bei ihr sitzt fast jeder Ton. Und sollte er ausnahmsweise nicht sitzen, macht sie es mit phänomenaler Intensität wett.

Netrebko singt die Tosca auf dem Zenit ihrer Kunst, als wäre ihre bisherige Karriere das Vorspiel gewesen. Aber bei ihr weiß man ja nie, was noch kommt, in jeder Hinsicht. Sängerisch ist Wien nochmals eine Steigerung gegenüber NY und Mailand. ohne jede Coronadelle.

Ihr Gegenspieler ist diesmal der exzellente Bariton Wolfgang Koch, der die Partie des Scarpia vordergründig extrem schön singt, dabei jedoch all die Infamie dieses Schurken mitschwingen lässt und auch mit seiner Wortbehandlung beeindruckt.

Bertrand de Billy am Pult des fabelhaften Staatsopernorchesters ist eben so guter Erzähler wie dramatischer Gestalter.

Wien 2020: Das bedeutet auch, dass im Zuschauerraum nur ganz wenige Journalisten sitzen, dazu ein paar Angestellte des Hauses – die Staatsoper befindet sich im verordneten Lockdown, gegen den man sich mit allen künstlerischen Mitteln stemmt. Dennoch ist es schwer erklärbar, warum bei einem solchen Triumph nicht zumindest 100, 200 oder 500 Besucher live dabei sein können. So, ganz ohne Applaus, wirkt ein solcher Abend flüchtig, vergänglich, wie ein Traum, so traurig, wie Netrebko das „Vissi d’arte“ singt.

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