© Netflix/Netflix/Frederic Batier

Interview
09/19/2020

Anke Engelke: „Wir haben eh nur so einen Mini-Kopf“

Die Schauspielerin über Trauerbewältigung und einen schrägen Trip in Österreich.

von Philipp Wilhelmer

Anke Engelke (54) kennt man als Fixstern der deutschen Comedy: Auf „Die Wochenshow“ in den 90er-Jahren folgte „Ladykracher“ und ein eigenes Late Night-Format, das allerdings floppte.

In der Netflix-Serie „Das letzte Wort“ ist sie als Witwe im dramatischen Fach zu sehen. Und: Engelke drehte vergangene Woche einen neuen Film mit dem österreichischen Ausnahme-Comedian Michael Ostrowski.

KURIER: Sie spielen eine verwitwete Trauerrednerin. Wie ist der Kontrast zwischen Komödie und Drama?

Anke Engelke: Fühlt sich für Zuschauer vermutlich eher wie ein Kontrast an als für Schauspielerinnen, kann das sein? Angang, Haltung und Vorbereitung sind ja gleich. Ich bereite mich auf einen Menschen, über den in lustigen Situationen gelacht wird, genauso vor wie auf eine Figur, mit der man weint. Beides lässt sich am besten spielen, wenn man die Figur und die Situation total ernst nimmt. Drehbuch studieren, Text lernen und den Kollegen nicht im Licht stehen.

Es wäre also ein Missverständnis zu glauben, als Schauspielerin nimmt man die lustige Rolle weniger ernst als die ernste.

Japp.

Sie sind in einer Serie auf Netflix zu sehen. Auch immer mehr Filme werden statt im Kino via Streamingdienst veröffentlicht. Macht es für Sie grundsätzlich einen Unterschied, ob ein Film im Kino startet oder gestreamt wird?

Während der Vorbereitung und der Dreharbeiten spielt das keine Rolle. Ich möchte ernst nehmen, was ich da tue, und die Arbeit genießen, weil ich sonst gar nicht weiß, warum ich zur Arbeit gehe (lacht).

Sehen Sie Filme lieber im Kino oder zu Hause?

Ich kann nicht gut auf dem Sofa still sitzen, deswegen verlasse ich gerne mein Haus, um etwas zu schauen. Ich bin vor Corona mehrmals die Woche ins Kino gegangen, weil ich wahnsinnig gerne in eine andere Welt tauche und meinen Kopf aufmache für andere Menschen, für andere Leben. Wir haben eh nur so einen Minikopf. Deswegen muss man, so oft es geht, in andere Köpfe reingucken und in anderen Schuhen durch die Gegend laufen. Aber Streamingdienste sind schon was Feines.

Sie spielen eine Trauerrednerin. Das übliche Ritual bei Beerdigungen ist ja: Man kleidet sich schwarz und alles ist schwer und getragen. Wie weit darf man das brechen?

Ich bin leider keine Expertin. Aber jeder muss das für sich entscheiden, oder? Brauche ich jetzt diese Verabschiedung, möchte ich mich danach gut fühlen oder möchte ich es so ausrichten, wie es der oder die Verstorbene gemacht hätte? Das ist, glaube ich, die zentrale Frage. Und der Frage-Prozess und die Antwort sind eventuell schmerzhaft.

Sie haben gerade den neuen Michael-Ostrowski-Film „Der Onkel“ abgedreht. Sie spielen darin seine Schwägerin. Das Drehbuch liest sich einmal mehr wie ein sehr bunter, verrückter Trip. Wie ist die Arbeit mit ihm?

Ich habe so einen Menschen noch nie getroffen! Jemanden, der sich mit so viel Intensität, so viel Wagemut, so viel Passion in ein Projekt stürzt und so in seiner Arbeit aufgeht. Michael Ostrowski hat diesen Film ja quasi in Personalunion zu verantworten als Autor, Regisseur und Hauptdarsteller. Co-Autor und Co-Regisseur ist Helmut Köpping, aber Michael Ostrowski habe ich am Set immer wieder etwas fragen müssen – mal als Autor gefragt, manchmal als Regisseur und manchmal als Schauspielerkollegen. Schizophrenie wäre untertrieben. Bei „Das letzte Wort“ hatte ich ja schon so ein Glück, aber dass ich jetzt wieder mit einem so unglaublich tollen Menschen arbeiten durfte – Hammer!

„Das letzte Wort“
In der  Netflix-Miniserie spielt die 54-Jährige eine Trauerrednerin und Witwe: Nach dem völlig überraschenden Tod ihres Mannes durch ein Aneurysma im Kopf bricht nach 25 Jahren Ehe für Engelkes Figur Karla Fazius die Welt zusammen. Sie wird unorthodoxe Trauerrednerin

„Der Onkel“
Der schräg-komödiantische  Kinofilm von und mit Michael Ostrowski wurde gerade abgedreht. Er erscheint im Laufe des Jahres 2021

Erzählen Sie!

Michael Ostrowski ist extrem zugewandt, was das Team angeht. Er ist so nah an jedem einzelnen Menschen dran. Das gibt es ganz selten, dass jemand alles stehen und liegen lässt, weil gerade jemand eine Frage gestellt hat. Und die Uhr tickt. Und Geld kleckert weg. Aber er nimmt sich die Zeit, hört zu, nimmt das Gegenüber ernst, egal ob für Cast, Kostüm, Licht oder Ton. Auch die Produktionsfirma Lotus Film war ein Glücksfall.

Inwiefern?

Dort scheinen alle daran interessiert zu sein, dass es den Menschen im Hier und Jetzt gut geht. Jeder Tag Arbeit ist wichtig – Arbeitszeit ist Lebenszeit. Das Leben ist zu kurz, um zu sagen: „Ach komm, die sechs Wochen zieh’ ich das jetzt durch, Hauptsache, die Kohle stimmt.“ Abgesehen davon, dass ich das zynisch fände.

Sie wirken auch nicht so, als ob Sie so arbeiten würden.

Ich habe schon viele Regisseurinnen und Regisseure, Produzentinnen und Produzenten erlebt, die als erstes an sich gedacht haben. Solchen Menschen begegnet man in jedem Beruf, oder? Wenn jemand nur an sich denkt, dann kommt nur Käse dabei heraus. Käse ist toll, nur nicht für mich. Ich bin vegan.

Am Anfang vom „Onkel“ geht es um ein Wiedersehen des verrückten Onkels, der in das bürgerliche Leben der Gloria gerät, seiner Schwägerin. Sie hat eine Lebenskrise. Daneben geht es um die Bewahrung eines Grundstücks für die Allgemeinheit. Ist es eine Liebesgeschichte oder ein Film mit einer großen Moral?

Ich fürchte, man kann nur die einzelnen Szenen runterbrechen auf ein zentrales Thema. Mal geht es um Wut, mal um Trauer, mal um Eifersucht. Den ganzen Film auf ein Genre oder eine Botschaft zu reduzieren, das ist schwer – er ist zu sehr davon geprägt, dass er das Leben einzelner Menschen zeigt. Die Spielzeit ist vier Tage. Es ist ein bisschen so, als habe man Einblick in das Leben einer Familie. Da passiert alles: Da ist es lustig, da ist es tragisch, da wird gelacht, da wird geweint…

Wie kam es eigentlich zu der Zusammenarbeit mit Ostrowski?

Wir haben vor ein paar Jahren miteinander in Kapstadt gedreht, für die ARD-Reihe „Tödliche Geheimnisse“, in der Nina Kunzendorf und ich zwei Journalistinnen gespielt haben. Michael Ostrowski stieg recht kurzfristig in das Projekt ein und war ein Hauptgewinn, weil er uns in einer Szene mit seinen Textvorschlägen und seinem Spiel wirklich geholfen hat. Da haben wir gemerkt, dass wir beide großen Wert darauf legen, Figuren ernst zu nehmen und nicht zu verraten. Auch wenn man sich kaputt lacht über eine Figur. Wenn man sich Monty Pythons, Loriot oder Jim Carrey anschaut: Die haben ihre Figuren ernst genommen. Das macht Michael Ostrowski auch. Und ich genauso. Es ist immer wieder erstaunlich, dass man sich so findet.

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