Kultur
16.10.2017

Andreas Lust im Interview: Die bitteren Tränen der Anspielwurst

Der österreichische Schauspieler Andreas Lust über den Film "Casting", Zicken und warum er so selten einen Wiener spielt.

Andreas Lust ist ein Ur-Wiener mit Wohnsitz in Berlin. Wer gerne fernsieht, kennt ihn als Gerichtsmediziner Dr. Stefan Schnell, Ex-Mann von Chef-Inspektorin Angelika Schnell (Ursula Strauss) in "Schnell ermittelt". Wer ins Kino geht, findet ihn in herausragenden Filmen wie Götz Spielmanns Oscar-Kandidaten "Revanche" (2008). Bei Benjamin Heisenberg war er "Der Räuber" (2010), in Florian Flicker ein "Grenzgänger" (2012). Auf der Viennale ist Andreas Lust nun in der vortrefflichen Tragikomödie "Casting" von Nicolas Wackerbarth zu sehen (Termine siehe unten).

In " Casting" sucht eine TV-Regisseurin die Besetzung der weiblichen Hauptrolle für ihr Remake von Rainer Werner Fassbinders "Die bitteren Tränen der Petra von Kant". Sie lässt Schauspielerinnen vorsprechen und stellt ihnen bei den Proben Gerwin (Andreas Lust) zur Seite, der als ihre Anspielperson den abwesenden Partner vertritt. Doch als die männliche Hauptrolle frei wird, hofft Gerwin, ins Ensemble aufzusteigen. Ein erbittertes Ringen um die Besetzung beginnt.

KURIER: "Casting" erzählt davon, wie Schauspieler beim Casting starke Stress-Situationen durchleben. Wurden Sie selbst auch für "Casting" gecastet?

Andreas Lust:Ja, wir haben im Vorfeld eine Woche lang improvisiert. Es gab sicher noch zwei, drei andere Schauspieler, die für die Rolle ins Auge gefasst wurden.

Ist es ab einem gewissen "Star-Status" so, dass man als Schauspieler den Casting-Prozess als Beleidigung empfindet?

Jein. Es gibt schon Situationen, wo man als Schauspieler das Gefühl bekommt, dass das Casting unnötig ist, weil das Gegenüber ja weiß, wie man eine Rolle spielt. Wenn ich beim Vorspielen quasi überprüft werde, ob ich etwas spielen kann, reagiere ich verschnupft. Dann denke ich mir: Schau dir einen Film von mir an. Wenn es aber darum geht, Konstellationen auszuprobieren, dann verstehe ich das gut und mag es auch.

Apropos Ausprobieren: Gab es zu "Casting" ein Drehbuch?

Es gab überhaupt kein Drehbuch. Der Film wurde von dem deutschen Sender SWR beauftragt, daher gab es zur Beruhigung für die Verantwortlichen ein Treatment. Aber das haben wir Schauspieler gar nicht bekommen. Stattdessen sind wir Tag für Tag darüber informiert worden, wie es weitergeht und was mit den Figuren passiert.

Gerwin, Ihre Figur, ist anfangs sehr demütig. Er fängt aber zu zicken an, sobald er als Hauptrolle ins Gespräch kommt.

Ich war umgeben von Zicken, da fängt man dann irgendwann auch selbst an zu zicken. Das ist ja das Schreckliche: Schauspieler, die Situationen improvisieren, funktionieren ähnlich wie Kinder – sie erspüren sofort, wo der Schwachpunkt des anderen liegt. Und darauf stürzen sich dann alle, damit es eine schöne Improvisation gibt. Beim Drehen war das ganz schön anstrengend.

Wie muss man sich das konkret vorstellen?

Ich war beim Drehen wochenlang die Anspielperson oder " Anspielwurst", wie sie gerne genannt wird. Da wurde ich auch privat so behandelt – und zwar vom Filmteam. Nicht von den Diven, die nur kurz für ihren Part da waren wie Andrea Sawatzki, die sich großartig selbst persifliert. Aber für das Team war ich Gerwin, die Anspielwurst und wurde auch so behandelt – zumindest hatte ich das Gefühl.

Das klingt skurril, denn die Anspielwurst ist doch die Hauptrolle von "Casting"?

Die Frau, die die Regisseurin spielt (Judith Engel, Anm.) dachte, dass sie die Hauptrolle hat, denn sie war ja die Regisseurin im Film. Und es wusste keiner, wo die ganze Sache hingeht und was passiert. Ich dachte bis zuletzt, dass der Film am Ende einen Schlenker macht und ich die Rolle der Petra von Kant bekomme. Ich habe mich deshalb ins Zeug gehaut und die Texte der Petra gelernt – aber dann kam es doch anders. Es wusste niemand, wohin es geht.

Das heißt, es gab auch auf dem Set eine Konkurrenzsituation?

Ja, ein bisschen. Wir haben uns natürlich nicht zerfleischt. Aber man ist sich schon ein wenig so begegnet wie in der Funktion, die man auch im Film hatte. Jeder hat zu spekulieren begonnen, wohin sich das entwickeln könnte. Man hat von Tag zu Tag improvisiert, dann gab es Einzelgespräche mit dem Regisseur, der jedem gesagt hat, was er noch einbringen könnte, um den Konflikt zu verschärfen. Und dann wurde wieder improvisiert. Keiner wusste, das der andere mit dem Regisseur geredet hatte und was als nächstes kommen würde. Man musste jeden Tag acht Stunden lang parat sein, weil im nächsten Moment dir einer eine knallen oder sagen könnte, du seist die größte Sau. Man hat ständig mit allem rechnen müssen. Und weil man acht Stunden mit dieser Figur verbracht hat, hat sich das dann auch ein wenig ins Private gezogen.

Sie wussten also nicht, dass Sie von einer Ihrer Spielpartnerinnen angespuckt werden?

Nein.

Diese Dreharbeiten klingen ein bisschen wie die Versuchsanordnung eines sadistischen Regisseurs.

Ein bisschen ist es mir tatsächlich so vorgekommen. Ich mag aber den Nicolas Wackerbarth sehr, und er ist jemand, der sich genauso in die Sache hineinschmeißt, wie er es von den anderen fordert. Das macht es dann wieder gut. Ich habe großes Vertrauen zu ihm gehabt, sonst hätte ich das nicht gemacht.

Am Ende sind Sie in "Casting" auch jener Schauspieler, der sich noch eine weitere Einstellung einer Szene wünscht. Warum?

Darum geht es ja: Noch einmal etwas besser machen zu können, noch einen Versuch zu haben – das ist etwas, was man im Film tun kann und was im Leben nicht möglich ist. Ich habe mir den Film alleine angeschaut und er ist mir so nahe gegangen, dass ich jetzt noch zu weinen anfange. Es war immens beklemmend für mich, das zu sehen. Bei der Premiere in Berlin auf der Berlinale aber gab es ein lachendes Publikum. Für mich war das überraschend. Aber es ist eben eine Tragikomödie.

Die FAZ hat über Sie geschrieben, bei Ihnen hätte man das Gefühl, man müsste Sie als Schauspieler aus dem Fernsehen erlösen. Sehen Sie das auch so?

Also, erlösen muss mich niemand. Es ist natürlich so, dass ich mehr im Fernsehen als im Kino gearbeitet habe; insbesondere im österreichischen Kino war ich in tragenden Rollen wenig zu sehen. Ich komme auch im österreichischen Fernsehen nicht vor, außer in "Schnell ermittelt", das jetzt ausläuft. Wäre ich von österreichischen Produktionen oder vom ORF abhängig, würde ich verhungern. Dadurch, dass ich nach Berlin gezogen bin, konnte ich größere Kreise ziehen.

Sie haben kürzlich einen Südtiroler Bergbauern in Ronny Trockers "Die Einsiedler" gespielt. Wie schwierig ist es, bestimmte Dialekte zu beherrschen?

Es war schon eine Herausforderung, im Vinschgau zu stehen und einen auf Tiroler Bergbauern zu geben. Ich nehme diese Herausforderungen wirklich ernst. Aber das ist das Absurde: Ich komme aus Wien. Doch dort, wo ich mich am besten auskenne, wo ich jeden Zentimeter und jedes Hauseck kenne, dort darf ich nicht spielen. Ich muss Kärntnerisch und Tirolerisch lernen und an meinem Englisch feilen. Ich spiele deutsche Chirurgen oder deutsche Geschäftsleute auf Reisen. Natürlich bin ich froh über jede Herausforderung. Aber auf der anderen Seite denke ich mir schon: Wo ich mir nichts erarbeiten müsste, weil ich alles kenne und man mir nichts vormachen kann, dort gibt es für mich nichts zu tun.

INFO "Casting" ist zu sehen am 21. Oktober im Urania-Kino (18.30 Uhr) sowie am 22. Oktober im Stadtkino (13 Uhr). Mehr Infos gibt es hier.