(GERMANY OUT) Heller, Andre - Artist, Musician, Actor, Author, Austria (Photo by VIRGINIA/ullstein bild via Getty Images)

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Kolumne
03/10/2017

André Heller: "Das ist also mein Leben"

Vom wilden, goscherten Hund zum melodiösen Melancholiker. André Heller, der Meister der Wandlungsfähigkeit, wird siebzig Jahre alt. Der Schauspieler, Musiker, Sein Biograf Christian Seiler begab sich auf Spurensuche nach dem echten Heller.

von Christian Seiler

Ich kenne André Heller seit fast 25 Jahren, und eigentlich ist daran ein österreichischer Schriftsteller schuld, dessen Einfluss auf mein Leben sonst eher gering blieb. Der Kärntner Autor Antonio Fian hatte nämlich der Wochenendbeilage des „Standard“ eine Totalvernichtung von André Heller angetragen, und weil der damalige Beilagenredakteur das nicht unkommentiert lassen wollte, suchte er händeringend nach jemandem, der dieser geplanten Vernichtung irgendetwas entgegenstellen würde, vielleicht sogar etwas Positives.

Das war Anfang der neunziger Jahre, und es war damals gar nicht so einfach, jemanden zu finden, der pro Heller war. Heller hatte es mit großer Geste und fast überirdischer Arroganz geschafft, dass jeder eine Meinung zu ihm besaß. Oft war diese Meinung eher ungünstig, weil Heller den Österreichern und speziell den Wienern kunstvoll ausrichtete, dass seine Meinung über sie auch nicht die beste sei.

„Bei mia seids alle im Oasch daham“, sang Heller etwa im Chor mit Helmut Qualtinger, als wäre es eine Art von Programm. „Im Oasch, dort is Eicha Adress'“. Kein Zweifel, dass er das wörtlich meinte. Soviel zur unmittelbaren Vorgeschichte.

Ich ließ mir Fians Debattenbeitrag faxen (Faxen! Wir sprechen vom Vor-E-Mail-Zeitalter, so lang ist das her. Andererseits gab es den Standard schon, also doch nicht soo lange).

Heller mit seinem Spielkameraden Helmut Qualtinger im Prater. Das Foto ist bis 28. Mai in der Ausstellung „Horowitz. 50 Jahre Menschenbilder“, im Museum Judenplatz zu sehen

Freundschaftliche Notwehr
Fians Text war so infam wie befürchtet. Ich beschloss, schon aus Gründen der universellen Gerechtigkeit, etwas dagegenzusetzen, damit der Lesart, die der Mann aus Kärnten vorgegeben hatte, ein paar notwendige Facetten hinzugefügt würden. Mein erster Text zu André Heller war also ein Akt der freundschaftlichen Notwehr, obwohl ich Heller gar nicht persönlich kannte, obwohl mich mit ihm noch längst keine Freundschaft verband und ich nicht im Traum daran dachte, dass es einmal dazu kommen würde.

Heller hatte zu diesem Zeitpunkt bereits eine ganze Reihe von Berufen absolviert. Als Radiomoderator war er beim neu gegründeten Radiosender Ö3 schnell zur Berühmtheit aufgestiegen, indem er Berühmtheiten wie John Lennon und Frank Zappa interviewte und andere wie die Bee Gees publikumswirksam beleidigte. So wurde Heller – der damalige ORF-General Gerd Bacher verbat ihm, seinen zweiten Taufnamen André zu führen und degradierte ihn zu Andreas – schnell selbst zum Star, hatte aber bald genug davon: „Ich wollte keine Fragen mehr stellen, sondern Antworten geben.“

„Wir bestaunten die großen Popstars unserer Zeit, aber wir bestaunten auch uns selbst: Wir hatten das Gefühl, wir können jederzeit auch alles erreichen.“ (André Heller, r. im Bild mit John Lennon in Wien)

Goscherter Hund, melodiösen Melancholiker
Zum ersten Mal wechselte er das Gewand, streifte die Haut des Radiostars ab und begann, selbst Musik zu machen. Die Lieder, die er schrieb, fielen zu hundert Prozent aus dem Rock’n’Roll-Kontext, in dem sich Heller bis dahin bewegt hatte. Der wilde, goscherte Hund verwandelte sich in einen melodiösen Melancholiker, der mit seinem literarischen Bildungshintergrund nicht hinter dem Berg hielt und seltsam aus der Zeit gefallene Lieder schrieb, die erstaunlicherweise rasenden Erfolg hatten.

Der Bruch in Hellers Biografie, der Wechsel hinter die Fronten des Musikgeschäfts, war nur die erste Häutung von vielen. Denn Heller nahm sich heraus, auf dem frühen Höhepunkt seiner Musikkarriere die nächste Haut abzustreifen und sich selbst und seine Ideen auf anderen Terrains auszuprobieren. Es folgten so unterschiedliche Aktivitäten wie die Gründung eines Zirkus, die Programmierung von Revuen, die Wiedererweckung des Feuertheaters unter Beteiligung von Millionen Zuschauern, Auftritte als Schauspieler, als Bühnenautor, als Ehemann der begehrtesten Schauspielerin dieser Zeit, Erika Pluhar, oder als künstlerischer und wirtshausmäßiger Spielkamerad von Helmut Qualtinger.

Musiker Heller. Die Lieder, die er schrieb, fielen zu hundert Prozent aus dem Rock’n’Roll-Kontext

Wie kann man Heller gut finden?
Ich weiß, dass mich an Heller am meisten seine Wandlungsfähigkeit beeindruckte. Sie erforderte den meisten Mut. Heller hatte, so viel war mir schon damals klar, vielfach die Gelegenheit ausgeschlagen, an sicheres Land zu gehen. Er bevorzugte die hohe See, um zu überprüfen, ob hinter dem Horizont lohnendes Neuland verborgen sei und nicht etwa das Ende der Welt. Klar, manchmal ging sein Schinakl unter. Aber er selbst soff nie ab. Und sobald er wusste, dass dort, wo angeblich der Pfeffer wächst, tatsächlich der Pfeffer wächst, kümmerte er sich um eine neue Himmelsrichtung. Das war in etwa, was ich damals schon für Heller ins Treffen führte. Der „Standard“ erschien. Ein paar Freunde fragten mich mit hochgezogenen Augenbrauen, was für eine neue Grille von mir es sei, André Heller gut zu finden. Man darf nicht vergessen, dass sich die Feuilletons der österreichischen Presse, also jene Kulturjournalisten, die einander attestierten, ernstzunehmend zu sein, Heller bei jeder Gelegenheit von Neuem hinrichteten. Vielleicht hätte es ihnen zu denken geben sollen, dass er jeden dieser herbeigeschriebenen Tode mit sieben neuen Leben quittierte.

Anruf von ihm
Ich hatte aber nicht nur vor dieser Wandlungsfähigkeit Hellers Respekt. Ich mochte seine Lieder, das unheimlich gute Gefühl, mit dem er im Hochdeutschen, aber noch mehr im Wiener Dialekt das jeweils nächste Wort setzte und mit welch außerordentlichem Timing er sang. Außerdem war ich bei eigenen Streifzügen durch die Gegenwelten der Kultur immer wieder auf Spuren Hellers gestoßen, der überall bereits gewesen zu sein schien, wo ich gerade ankam, ob bei den Tamburizza-Musikanten in Siegendorf oder den schizophrenen Künstlern Guggings, bei fast schon unbekannten französischen Chansonniers oder dem genialen Schriftsteller Henry Miller.

Mir imponierte, dass Heller keine Unterschiede zwischen E- und U-Kultur machte, dass er H.C. Artmann offenbar genauso inbrünstig liebte wie Hugo von Hofmannsthal und den „Rosenkavalier“ so wie „Sad Eyed Lady of the Lowlands“. Denn auch diese Selbstverständlichkeiten waren vor 25 Jahren nicht selbstverständlich. Da galt es schon als mutig, wenn das Feuilleton mit einem Langhaarigen aufmachte, der nicht Albrecht Dürer war.
Eines Tages läutete mein Telefon (ja, Festnetz). Eine bekannte Stimme sagte: „Hier spricht André Heller“.
Sofort versuchte ich, an den Rändern dieser Stimme Bekanntes festzumachen, zum Beispiel das unterdrückte Kichern von Freunden, deren Neigung zum Telefonscherz ich aus eigener Anschauung kannte – André Heller eignet sich bekanntlich erstklassig zum Nachahmen. Während mich the real André Heller also höflich zum Tee einlud, lauschte ich misstrauisch in den Hörer, nicht hundertprozentig sicher, ob ich nicht gerade verarscht werde.

Der echte Heller
Aber ich wurde nicht verarscht. Ich besuchte Heller in seiner Villa in Hietzing, die von Adolf Loos entworfen und von Luigi Blau umgebaut worden war. Ich trat zum ersten Mal ein in die Welt geschmackvoll gedimmten Lichts, fernöstlicher Gerüche, eklektizistischer Kunstgegenstände, aus denen sich Heller seinen Kokon baut, wo immer er gerade ist. Und ich fand schnell heraus, dass der echte Heller eine noch weit vielschichtigere Figur ist als die Kunstfigur, als die ich ihn bisher zu kennen geglaubt hatte.

Eine der wesentlichen Fähigkeiten Hellers ist sein Talent zum Gespräch: Übrigens nicht nur zum Vortrag, mindestens genauso zum Zuhören. Er kann ein noch so verstocktes Gegenüber mit wenigen Fragen öffnen und die so gewonnene Offenheit in Nähe verwandeln und in fruchtbare Irritation. Ich kenne viele Menschen, die nach einem Gespräch mit Heller nachdenklich wurden und manche, denen er mit seinen Fragen, seinem Warten, seinem Zuspruch die Augen für Neues geöffnet hat, für Ideen oder Entscheidungen, auf die sie allein niemals gekommen wären.
Ich greife vor. Als ich Heller persönlich kennenlernte, war ich Kulturredakteur des profil und begann Hellers Leben journalistisch zu begleiten. Ich schrieb eine Coverstory zu seinem 50. Geburtstag, erlebte aus der Nähe mit, wie er mit Salman Rushdie beim „Fest der Freiheit“ auf dem Heldenplatz auftrat, die Swarovski-Kristallwelten in Wattens gestaltete und für die deutsche Delegation die Bewerbung für die Fußballweltmeisterschaft inszenierte.

Der Mann der Häutungen probierte sich immer wieder neu aus

Die vielleicht schönste Arbeit
Regelmäßig trafen wir uns, manchmal mit, oft ohne konkreten Anlass, entweder in seinem Stadtpalais in der Renngasse, wohin er inzwischen übersiedelt war, oder in einer Loge des Edelitalieners Fabios, wo Heller gern am Nachmittag ein spätes Mittag- oder frühes Abendessen einnahm. Ich besuchte Heller in seinem Garten in Gardone, war dabei, als dort thomas d von den Fantastischen Vier „Die wahren Abenteuer sind im Kopf“ neu interpretierte und Hellers Grappa vernichtete, lernte zahlreiche Freunde und Bekannte Hellers kennen und hörte ihn eines Tages, als wir einander in seinem Salon gegenübersaßen, fragen, ob ich nicht seine Biografie schreiben wolle. Vielleicht, antwortete ich. Ein paar Jahre später schrieb ich, zu Hellers 65. Geburtstag, die autorisierte Biografie „Feuerkopf“, die dieser Tage in einer aktualisierten Fassung neu erscheint.

Die Arbeit daran war die vielleicht schönste, jedenfalls aber die facettenreichste, die ich meiner Karriere als Buchautor absolviert habe. Über Heller, Jahrgang 1947, zu schreiben bedeutete, eine kleine Geschichte der Zweiten Republik, Jahrgang 1955, zu schreiben, und zwar eine Geschichte politischer, literarischer, komödiantischer, musikalischer, soziologischer, künstlerischer, spiritueller Entwicklungen. Immer befand sich dabei Heller im Blickfeld, aber ich lernte auf den Spuren seiner Biografie auch die unzähligen Kraftfelder kennen, durch die er gegangen, von denen er aufgeladen worden war. Das konnte das Café Hawelka sein, wo sämtliche Vertreter des Wiener Geisteslebens einen Meldezettel ausgefüllt hatten, oder die Küste der Côte d’Azur, wo Heller den alten Chagall besuchte und im Haus von Jean Cocteau die Werke des genialen Impresarios Sergej Diaghilev studierte, des vielleicht größten Wesensverwandten unter Hellers Vorbildern (Diaghilev hatte schon früh – und erfolgreich – an der Auflösung künstlerischer Terrains durch die Wechselwirkung höchster Qualitäten gearbeitet, ein Motiv, das Heller wie kaum sonst etwas einleuchtete). Es konnte das politische Parkett Wiens sein oder die melancholische Grandezza des Gardasees, später der afrikanische Zauber Marokkos. Vor allem aber war es Heller selbst, der sich in zahllosen Gesprächen, wie er selbst sagte, „pudelnackert auszog“ und mir neben den Hintergründen und Dokumentationen seiner großen Triumphe keine Verwerfungen und Fundamentalkrisen schuldig blieb.

Der Künstler mit Lebensgefährtin Albina Bauer

500 A4-Seiten Leben
Wir hatten verabredet, dass Heller das Manuskript vor Drucklegung lesen dürfe, um etwaige Fehler korrigieren zu können. Als ich ihm, ein paar Tage nach Weihnachten 2012, seinen Ausdruck vorbeibrachte, schaute er ungläubig auf die fünfhundert A4-Seiten im Zellophanmantel und sagte: „Das ist also mein Leben ...“
Er kündigte an, er werde einige Tage brauchen, um das Konvolut durchzuforsten. Aber er rief schon am nächsten Morgen an: Er hatte die ganze Nacht gelesen, und er sagte, was er auch später, bei zahlreichen Veranstaltungen, die wir gemeinsam absolvierten, immer wieder sagte: Dass dieses Buch zu einer regelrechten Lebensbeichte geraten sei.
Es gab Menschen, die genau das unmöglich fanden (Hellers Vaterfreund, der inzwischen verstorbene Gerd Bacher, hielt es für ganz und gar unangemessen, in welcher Angreifbarkeit sich Heller präsentierte). Aber Heller selbst, dem durchaus etwas gelegen ist an dem Bild, das sein Publikum von ihm hat, wollte etwas anderes viel dringender als eine Politur des eigenen Denkmals: Er wollte die Facetten seiner Menschwerdung zeigen, die Entwicklung von der Eitelkeitsmaschine aus Hietzing zum spirituellen Kosmopoliten, von der von Ängsten behafteten Aufmerksamkeitsguerilla zum Kind, das nach all den Jahrzehnten unter weiß gewordenem Haar zum Vorschein kommt.

Als ich zuletzt mit Heller darüber sprach, woran man den Erfolg eines Lebens bemessen könne, zählte er drei sehr einleuchtende Punkte auf.
Erstens, sagte er, erkennt man ein gelungenes Leben am eigenen Gesicht. Jeder Mensch sei für sein Gesicht selbst verantwortlich. Zweitens an den eigenen Kindern. Zu seinem Sohn Ferdinand hat Heller eine enge, geradezu symbiotische Beziehung.
Drittens an den Freunden, die einem geblieben sind. Kein Tag vergeht, an dem Hellers Talent zur Freundschaft nicht eine neue, intensive Bestätigung erfährt.

Seine Mutter Elisabeth Heller, Sohn Ferdinand Sarnitz, Erika Pluhar

Ich spazierte mit Heller durch seinen Garten in Marokko. Ich saß mit ihm in seiner prächtigen, neuen Wohnung an seinem Wiener Lieblingsplatz. Er nähert sich auf vielfältige Weise der Figur an, die er gerade ist, und doch strahlt er die notorische Heller-Unruhe aus. Oder sagen wir: eine spezifische Form von Aufbruchsbereitschaft.

Siebzig Jahre war er auf Reisen, um sich und die Welt auszuprobieren. Das Ankommen hat er auf irgendwann später verschoben.

Buchtipp und Infos:
Am 22. März wird Franz André Heller 70 Jahre alt. Aus diesem Anlass erscheint eine aktualisierte Ausgabe von Christian Seilers Heller-Biografie „Feuerkopf“ (C.Bertelsmann).


Auf ORF 2 läuft am Montag, 20.3. um 22.30 das TV-Porträt „Die wahren Abenteuer des André Hellervon Andrea Morgenthaler und Christian Seiler.

Bei Zsolnay erscheint der Band „Gespräche mit meiner Mutter im 103. Jahr“, das Dialoge zwischen André Heller und seiner Mutter Elisabeth dokumentiert. (Im KURIER gibt es jetzt schon zwei der Gespräche zu lesen)


christian.seiler@kurier.at

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