Kolumnen
08/31/2019

Schuh geht essen: Nobel essen

Die Cantinetta ist aber auch ein vornehmes Lokal, ein "Nobellokal", wie wir Kleinbürger es mit leicht denunziatorischem Unterton sagen.

von Franz Schuh

Ich kannte jemanden, der hatte diese Obsession: Italianità.

Was ist das, Italianità? Wenn der deutsche Schauspieler Uwe Kockisch, alias Commissario Brunetti, in Venedig über Brücken schreitet, gekleidet im scharf geschnittenen Maßanzug und mit offenem Hemdkragen, dann weiß ich, so geht italienische Lebensweise.

Dagegen sieht der dicke Salvini mit seiner Badehose wie ein deutscher Tourist am Strand aus. Aber Brunetti im Film, von einer Amerikanerin erdacht, geht – gepflegt unrasiert – durch seine weltberühmte Umgebung, zielstrebig, aber im Grunde doch nirgendwohin. Warum sollte er auch, er hat ja so ein schönes Zuhause. Die Gattin kocht ausgezeichnet und man nimmt das Mahl auf einem Balkon über des Meeres Wellen ein.

Mein Bekannter, der Italienliebhaber, war von seiner Leidenschaft so besessen, dass er in einem griechischen Restaurant feststellte, es sei kein italienisches und daher nicht satisfaktionsfähig. Aber eines Tages sperrte zum Glück in der Wiener Jasomirgottgasse die Cantinetta Antinori auf.

Die Cantinetta stellte meinen Freund zufrieden, und ohne Zweifel würde Uwe Kockisch, falls er in Wien weilte, in der Cantinetta Antinori zu Gast sein.

Die Visitenkarte des Geschäftsführers des Innenstadtlokals verzeichnet vier Städte: Firenze, Zurigo, Vienna, Mosca, und in der Tat habe ich, Stammgast der Cantinetta seit der Gründung, dort vor allem „die Russen“ bewundert, deren Tische sich bogen und deren Verhalten mir zu denken gab: Das hat Lenin nicht gewollt.

Wegen meines kultivierten Appetits verspotten Freunde und Feinde mich als Vertreter der „Oberen Zehntausend“. Die Cantinetta ist aber auch ein vornehmes Lokal, ein „Nobellokal“, wie wir Kleinbürger es mit leicht denunziatorischem Unterton sagen. Der KURIER hat jüngst den Satz von Lotte Tobisch zitiert: „Je linker sie sind, desto lieber gehen sie nobel essen.“ Wäre ich ein Linker, würde ich sagen, irgendwas will man doch von seiner Ideologie auch haben!

Frei nach Brecht geht es aber gar nicht darum, dass ich mir den Luxus nicht leisten kann. Es geht darum, dass alle ihn sich leisten können – und die Sozialisierung des Luxus würde ihn zugleich abschaffen. So weit geht Lotte Tobisch in dem zitierten Interview über Adorno nicht, aber weise, wie sie ist, kennt sie das Problem auch beim Essen: „Die Idee ist doch, dass man das gesellschaftliche Niveau hebt und nicht senkt.“

Auf gehobenem Niveau gibt es in der Cantinetta Antinori zum Beispiel die Vorspeise: Tagliatelle al ragú di vitello, zu Deutsch: Hausgemachte Pasta mit Kalbfleischragout. Daraus kann man eine Hauptspeise machen, aber die Krone der Hauptspeisen ist in der Cantinetta und in der gesamten Italianità: Costata di manzo fiorentina, die Hochrippe nach Florentiner Art. Das ist Rindfleisch in jener Größenordnung, die zu sich zu nehmen der Klimawandel uns eines Tages mit Recht verbieten wird. Solange es aber noch so etwas gibt, nehme man es wenigstens in der Cantinetta Antinori ein, dort zahlt es sich aus und man wird ergriffen davon seinen Enkeln erzählen können.