Kolumnen
06/30/2019

Schuh geht essen: Unter Philosophen

Ein Weiser hat gesagt, Essen ist eh wurscht – es kommt allein darauf an, dass man täglich das Gleiche isst, schreibt Literat Franz Schuh.

In der Hegelgasse, in der sich ein Ausstellungsraum für die Werke des Hermann Nitsch befindet, fragte mich ein Herr: „Sind Sie Herr Nitsch?“ Wahrheitsgemäß verneinte ich. Ich fragte meinerseits den Herrn, ob er nicht geruhen könnte, mich mit jemanden anderen zu verwechseln. „Na“, antwortete er, „mit dem John Travolta geht das nicht.“

Ich war in der Hegelgasse, um mir ein Abendessen zu kaufen, und diese Gegend hat etwas Besonderes. Es ist das Philosophenviertel: Auf der anderen Seite des Rings liegt die Kantgasse, benannt nach dem Philosophen Immanuel Kant. In der Kantgasse hat meine größte Jugendliebe gearbeitet, als Sekretärin bei einem Nobelanwalt. Ach, heute noch spüre ich mein Herz bis zum Halse schlagen, wenn ich die Kantgasse überquere.

In der Hegelgasse, Ecke Johannesgasse, ist das Libanesische Restaurant mit dem edlen Namen Elissar. Das Elissar ist nichts für Strache oder Kickl, sie könnten einen Bevölkerungsaustausch-Anfall bekommen. Dafür ist immerhin Hegel ein großer Deutscher, es sind ja überhaupt die Philosophen des Deutschen Idealismus, die den Gassen hier ihre Namen spenden: die Schellinggasse nach Friedrich Wilhelm Joseph Schelling, die Fichtegasse nach Johann Gottlieb Fichte – alle Gelehrte des 19. Jahrhunderts.

Ich gehe gerne ins Elissar und halte mich dort an die Regel eines anderen Weisen. Dieser hat nämlich gesagt, Essen ist eh wurscht – es kommt allein darauf an, dass man täglich das Gleiche isst. So esse ich im Elissar stets Linsensuppe und dann „Shish Kafta“, also Spieße aus Rinderfaschiertem, dazu gegrillte Tomaten und Zwiebel.

Meine Jugendliebe habe ich auf Maturareise in der Türkei kennengelernt, und jetzt setze ich im Elissar eine andere Leidenschaft fort, die ich aus Antalya mitgenommen habe: Raki. Raki heißt bei den Griechen Uozo und bei den Arabern, glaube ich, Arak. Es ist Anis-Schnaps, den ich mit Eisbergen verdünne und der in die richtige Balance gebracht köstlich auf der Zunge zergeht.

Kunst des Gründers

Die Kulinarik der Gegend hat ihren Höhepunkt in der Schellinggasse. Es ist das Reich des Herrn Huth. Herr Huth regiert in der Schellinggasse drei Lokale und um die Ecke – in der Himmelpfortgasse – ein viertes. Die Kunst der Gründerpersönlichkeit besteht darin, sich selbst keine Konkurrenz zu machen – jedes seiner Lokale hat ein präzises, sich jeweils an ein anderes Publikum wendendes Programm.

Diesmal bleibe ich in Huths Stammlokal: Huth Gastwirtschaft. Die Lokalität kenne ich noch aus Vorzeiten. Damals hieß das schlichte Wirtshaus

Drei Schwalben – nach den drei Schwestern, denen es gehörte. Na ja, es waren nur zwei, aber drei Schwestern passen schöner zu den Drei Schwalben. Zu meiner Zeit waren die Drei Schwalben spärlich besucht, von Gästen, die die Innenstadt sonst nicht bevölkerten: Arbeiter saßen im dämmrigen Gastraum beim Bier.

Heute ist beim Huth alles hell, ein Gasthaus an der Grenze zum Nobellokal. Auch den unverwechselbaren Hermann Nitsch, den ich davor schützen muss, mit mir verwechselt zu werden, habe ich beim Huth schon gesehen. Ich esse dort immer das Gleiche: Tafelspitz, großartig!, und ich habe dabei das unglaubliche, einer anderen legendären Restauration gewidmete Wort auf den Lippen: RINDFLEISCHTEMPEL.

Elissar / Huth Gastwirtschaft
Elissar: Johannesgasse 27, 1010 Wien
01/512 82 82, elissar.at
täglich 11–24 Uhr (warme Küche bis 23 Uhr)
Huth: Schellinggasse 5, 1010 Wien
01/513 56 44, huth-gastwirtschaft.at
täglich 12–24 Uhr (Küche bis 23 Uhr)