Kolumnen
07/15/2019

Schuh geht essen: Nostalgie

"Der Mann verschluckte sich am Saft der gerösteten Leber". Franz Schuh, Schriftsteller, im Reinthaler Gasthaus.

von Franz Schuh

Bevor ich anfange, ein Lokal zu beschreiben, nämlich den Reinthaler in der Gluckgasse, will ich das Maß aller Dinge nennen, das schönste Erlebnis, das ich beim Essen und Trinken hatte, den Höhepunkt der Erlebnisgastronomie: Es war in der Kantine der Bayrischen Staatsoper. „11 Kantinen in München, in denen du günstig mittagessen kannst“ lautet die Parole. Ich kam auf ein günstiges Bier vorbei und starrte schließlich, fast wie ein echter Münchner, gelangweilt in das kalte Glas. Da plötzlich öffneten sich die Türen und eine vielköpfige Truppe floss herein.

Die Männer, und das waren Männer!, hatten alle Kostüme an, und ich dankte Gott, dass der Regisseur keine moderne Inszenierung gewagt hatte. Dieser Chor einer Oper von Richard Wagner war stilecht. Die Männer trugen Helme, Bärte und Lanzen, machten bei Siegfrieds Tod sicher gute Figur oder standen im „Lohengrin“ als erstklassige Armee herum. Dieser Chor war vorbildhaft durstig und hungrig. Erfüllt vom Geist der Musik, hatten sie jedes Recht, in der Pause ihre Leiblichkeit in den Vordergrund zu rücken.

Unbedingt musste ich unter ihnen Platz nehmen und noch ein Bier trinken. Es war ein heißer Sommertag und schon Tacitus hatte angemerkt, dass die Germanen besonders zweierlei verabscheuten: Hitze und Durst. Noch ein Bier und dazu eine Weißwurst und der Germane hört die unendliche Melodie.

Frau HertaJa, der Reinthaler in der Gluckgasse, an der Ecke vis-à-vis vom Theatermuseum. Auch Gluck, ein Deutscher aus der Oberpfalz, hatte Opern komponiert und er ist 1787 in Wien gestorben. In meiner Studentenzeit befand sich ein Teil des Germanistik-Instituts in der Nähe der Gluckgasse und ich war oft beim Rheintaler, der mir besser gefiel als die altdeutschen und altbackenen Vorträge, die damals – anders als heute – gehalten wurden.

Beim Reinthaler saßen auch einige Mitglieder vom Chor der Wiener Staatsoper, aber die sitzen, so heißt es, ob beim Wirt in der Vorstadt oder in der Innenstadt, überall drin. Der Sänger, und das ist seine Pflicht, muss ja in erster Linie die trockene Kehle bekämpfen!

So war für mich der Reinthaler ein Kulturzentrum. Oft saß ich, der Student, mit dem Direktor des Kunsthistorischen Museums beim Mittagstisch.

Ich erklärte ihm sein Museum, die Kunstgeschichte überhaupt, und zusätzlich alles, was ihm nicht schaden würde, wenn er es wüsste. Der Mann verschluckte sich am Saft der gerösteten Leber, die beim Reinthaler heute wie eh und je empfehlenswert ist.

Ach, du liebe Güte. Als ich mich jüngst, um den Reinthaler wieder in Augenschein zu nehmen, die wenigen Stiegen hinunterquälte (die Gehbehinderung ist vorerst das größte Stigma meines Alters), da rief mir eine herb-nette Frau hinter der Schank zu: „I kenn Ihna. I hob Sie im Fernsehen reden hören.“

Das rührte mein Herz, denn die gute Frau war der Frau Herta so ähnlich, die viele Jahre in diesem wunderbaren Lokal gearbeitet hatte. Jedenfalls genierte ich mich sofort für alles, was ich im Fernsehen gesagt haben soll, und bestellte einen Bauernschmaus, aber nicht mit bloß einem Frankfurter Würstel, sondern gleich mit zwei davon.

Reinthaler Gasthaus

Gluckgasse 5, 1010 Wien

01/512 33 66, Mo.–Fr. (feiertags geschlossen) 11–23 Uhr (Küche bis 22 Uhr)