Kolumnen
02/15/2021

Rabinowich geht essen: Die Entfleischung

Das Vegetarische ist auch eine Sünde. Etwas ebenso Verführerisches. Es hat so rein gar nichts mit Kasteiung zu tun. Wenn man es richtig anlegt.

von Julya Rabinowich

Manchmal möchte man dem allzu Menschlichen abschwören. Und irdisch werden. Sehr irdisch. Erdig. Erdverbunden. Wurzeln schlagen, Wurzeln essen. Kurzum: auch Vegetarisches kosten. Und nachdem ich das Vegansl dieses Jahr ausgelassen habe, bestand das Kind bei einem seiner seltenen Besuche darauf, wenigstens im neuen Jahr mit guten Gewohnheiten zu beginnen, wenn schon das alte der übliche Sündenpfuhl gewesen ist. Das, sagte ich dem Kind mit einer meiner seltenen Zurechtweisungen, wird dem Vegetarischen nicht gerecht. Das Vegetarische ist auch eine Sünde. Etwas ebenso Verführerisches. Es hat so rein gar nichts mit Kasteiung zu tun. Wenn man es richtig anlegt.

Eine sehr schöne Anlaufstelle für das Unkasteiische ist das Ramasuri im zweiten Bezirk. Im Sommer gibt es einen netten Gastgarten, der aber im Jänner überraschenderweise noch nicht aktiviert ist. Hier entschlüsseln sich an dem staunenden Gaumen unbekannte Codes des Vergnügens: Schon die Vorspeise heißt „süßer Kaif“, was in russischer Umgangssprache Vergnügen bedeutet und damit ein ebensolches verspricht – und auch hält. Der Kaif besteht aus einem tatsächlich süßen, geschmorten Karfiol, der auf cremigen Mandelmuslinsen ruht, und nie im Leben wäre mir so eine Kombi eingefallen. Und ich muss sagen: Schade, dass sie mir bis jetzt nicht eingefallen ist. Das süße und dennoch knackige des Gemüses kontrastiert ganz vorzüglich mit der Beilage. Die zweite Vorspeise ist ein winterlicher Salat mit Nüssen, Trockenfrüchten und ebenso geschmortem Kürbis an einer dickbauchigen Burratakugel, die sowieso den Goldenen Schnitt der Käsefreude bedeutet. Mit Burrata kann man eigentlich nichts falsch machen. Mit Burrata hat man sowieso schon gewonnen. Danach folgt eine Ofensüßkartoffel mit Baba Ganoush und Lotusblütenchips (hat man denn ahnen können, dass es Lotusblütenchips gibt? Nein, hat man nicht!) und immer noch macht sich nicht einmal die leiseste Fleischeslust bemerkbar, was das Kind mit großer Zufriedenheit quittiert: Wohnt es doch seit einiger Zeit mit Veganern der überzeugtesten Sorte zusammen, eine Tatsache, die offensichtlich abgefärbt hat.

Und wo das hemmungslos angelegte Schlemmen stattfinden soll, dort braucht es natürlich ein Dessert. Ohne Dessert ist nichts vollkommen. Wir beenden also den Wendekreis des Gemüses mit einem cremigen Cheesecake samt Keksboden an Sauerkirschen, ein Kunstwerk, das Cheesecakes in New York City vor Neid ergrünen ließe. Grün macht gesund. Wenn man kein Cheesecake ist, genau genommen.

Ramasuri
Praterstraße 19, 1020 Wien
Tel. 0676/466 80 60, derzeit Abholung und Zustellung möglich, ramasuri.at

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