© Jeff Mangione

Kolumnen
06/26/2022

Paaradox: Es krabbelt

Das Leben kann oft tückisch sein: Kaum ist er aus dem Haus, feiern Hunderte Ameisen Party beim Mann gegenüber. Wie gut, dass es jemanden gibt, der weiß, was zu tun ist.

von Gabriele Kuhn, Michael Hufnagl

SIE

Die Ameise! Bah, das ist eines der heuchlerischsten Tiere, die es gibt. Sie tut nichts anderes, als dass sie spazieren geht, und doch will sie uns aufbinden, dass sie arbeite: Der Mann, der das gesagt hat, war der katalanische Philosoph Miguel Unamuno. Was den spanischen Michel mit dem österreichischen Michel zu einen scheint, ist der kritisch-leicht phobische Blick auf die so genannte "Wohlriechende Hausameise“, auch "Tapinoma sessile“. Das Insekt frisst so gut wie alle Lebensmittel, bevorzugt aber süße Speisen und mitunter Tierfutter. Wird sie zerdrückt, riecht’s leicht nach Kokosnuss, daher ihr Name.  

Aus dem Hinterhalt

Gefühlte 10.000 dieser Viecherln haben vor kurzem den Mann gegenüber überfallen – listig, raffiniert und äußerst tückisch, quasi aus dem Hinterhalt. Während er mit mir gemütlich grillte und einen lauen Sommerabend genoss, riefen ein paar Ameisenchefs zum kollektiven Hollodero im Hufnagl’schen Singlereich, Motto: "Leute, sturmfreie Bude – Party geht ab! “ Flugs war der Ameisen-Ballermann eröffnet. Und so kam es, dass mich noch spätnachts sein Hilferuf ereilte: Gaby, Hilfe, bei mir krabbelt es! Ohne Brille las ich allerdings: Gaby, Hilfe, bei mir kribbelt es! Worauf ich etwas irritiert fragte, wo genau es kribbeln würde und was ich denn damit zu tun hätte. Erst als er mir ein Foto eines Ameisen-Highways schickte, kapierte ich, worum es wirklich geht. Dabei war er offenbar so in Panik, dass er tatsächlich überlegte, die Feuerwehr zu rufen. Könnte doch sein, dass die Ameisenchefs beschlossen haben, ihn zu verspeisen! "Besser nicht, die kommen nur bei Hornissen“, textete ich zurück und riet ihm, Backpulver zu verstreuen. Doch mangels Backambitionen ist er kein Pulverbesitzer. Also wanderte ich (im Pyjama) mit fünf Sackerln Backpulver bewaffnet, die 50 Schritte zu ihm bergab und half ihm, nicht nur die Falle auszulegen, sondern wieder so zu atmen, dass er kein Riechsalz braucht. Denn das hatte ich glatt vergessen.  

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Email: gabriele.kuhn@kurier.at

ER

Früher  habe ich im Wald gerne vor Ameisenhaufen Position bezogen – fasziniert vom regen Treiben und bemüht, ein System im scheinbaren Durcheinander zu erfassen. Meine Frau spöttelte ein wenig: Na, alter Ameisenbär, irgendwelche Erkenntnisse gewonnen, die unser Leben besser machen? Ich habe das immer nur mit einem Lächeln kommentiert. Das allerdings verging mir, als ich meine Wohnung betrat und eine Minimundus-Version der Südosttangente zur Stoßzeit vorfand. Der mehrspurige Ameisenverkehr zog sich von der Küche, entlang  Kästen, unter dem Tisch durch das gesamte Wohnzimmer bis zur Terrassentür. Das ist nicht der Anblick, den ein müdes Auge vor dem Schlafengehen noch dringend braucht. Und ich musste mir eingestehen, dass ich mit meinem eher überschaubaren myrmekologischen Wissen an die Grenzen stieß. Anders gesagt, ich war mit dem großen Krabbeln zu nächtlicher Stunde überfordert.

Weltmacht

Mein erster gedanklicher Reflex war: Gnä Kuhn anrufen und eine als gelassene Anfrage getarnte Maximalalarmierung formulieren. Aber ich wollte mir einen Rat aus der Kategorie "Leben und leben lassen“ ersparen, wie: Fühl’ sie, sprich mit ihnen, vermittle ihnen in aller Freundschaft Abmarsch-Energie. Statt eines esoterischen Wegredens oder Wegschickens kam mir eher das pragmatische Wegsaugen oder Wegwischen in den Sinn. Doch erstens erinnerte ich mich sofort an den Buchtitel "Weltmacht auf sechs Beinen“, und wer will in so einem Bewusstsein schon einen Konflikt provozieren? Und zweitens würde ich damit mein Karma-Konto auf Jahre hinaus belasten. Aber deshalb einfach ins Bett gehen und darauf vertrauen, dass sich die Ameisen aus Respekt und Dankbarkeit fröhlich über die Häuser hauen, schien mir keine Option. So sendete ich am Ende doch eine Nachricht an die Expertin für alles. Und bitte, geschätztes Universum, es war dann ihr Backpulver, ihr Aktionismus … und ihr Karma!“

Facebook: facebook.com/michael.hufnagl9  

Email: michael.hufnagl@kurier.at

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