Kolumnen
22.07.2018

Paaradox: "A Brett, a g’führiger See"

Stand-up-Paddling: Ein Wasser-Wagnis als Herausforderung für Körper, Geist und Ehe.

Sie

Badetuch, Bikini, Bellini. Wie  idyllisch. Wäre da nicht der spinnerte Schwan   sowie ein  Mann nebenan, der das Stand-up-Paddling für sich entdeckt hat und nun dringend Stand-up-Paddling-Rekorde brechen möchte. Das klingt sympathischer, als es ist. Weil er dabei  einen ausgeprägten Südhang ins Fanatische entwickelt. Statt entspannt mit mir in der Sonne  zu frühstücken, hetzt die Boarderline-Persönlichkeit bereits um sieben Uhr morgens an den See, um Wellen, Wind und mögliche Konkurrenten zu checken, mit denen er um die Wette paddeln kann. Motto: Hey,  wer ist als erster am anderen Ufer und wieder zurück?

Ätsch, Erster!

Aus seiner Sicht sind sportliche Aktivitäten  nur dann lustig, wenn er am Ende sagen kann: Ätsch, Erster! Also paddelt er alsbald gegen Konkurrent Nr. 1,  um 47 Minuten, 22 Sekunden und 5 Hundertstelsekunden  später tatsächlich zu johlen: Ätsch, Erster! Während seine (wenigen) Fans applaudieren, weiß ich, was jetzt dann bald kommen wird. Das ganz große Aua und Buhu, ich bin so arm. Hat er nicht nur im sportlichen Überschwang vergessen, Sonnenschutz aufzutragen, sondern auch diverse Gelenksprobleme verdrängt.  Daher kann ich mich dann auch  fix darauf verlassen, dass er am Ende des Tages siegesbewusst, aber komplett erledigt in den Liegestuhl plumpsen wird, um nach dem persönlichen Körperlcoach (= ich) zu schnipsen: Ein bisserl Jogurt auf der Haut wär  jetzt sehr angenehm und hast eh die Murmeltiersalbe für die Gelenke mit?  Frau Körperlcoach wird schmieren und dosieren, um gleichzeitig zu wissen: Das mit dem gemeinsamen Wandern wird für die nächsten Tage wohl eher nix mehr. Also gilt ab sofort die neue Urlaubsdevise: noch mehr Badetuch. Noch mehr Bikini.  Und noch viel mehr Bellini.  

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Er

Also sprach der  Freund: „Das ist gar nicht so leicht, wie es aussieht.“ Eine Formulierung, die ich seit jeher stets als sportliche Aufforderung begreife. Zumal ich gestehe, dass ich jene Menschen, die mit einem Paddel auf einem Brett stehend von Dynamik befreit übers Wasser gleiten, bis dato eher nur aus dem Augenwinkel registriert und mit zartem Hochmut in die Kategorie „Jössas, wie putzig“  eingeordnet habe. Bis zu dem Tag, als ich  zum Gaudium der am Rosé nippenden Freunde-Schar am Strand erstmals den Versuch unternahm, auf dem Brett die Balance zu finden. Während die Liebste mit der Eleganz der Sonnenliege-Diva für johlende Begeisterung sorgte, als  sie meinen wackeligen Kampf und die Pirouetten-Abgänge ins Wasser als grandiose Show eines Stand-up-Comedians bezeichnete.

Triumphgefühl

Aber weil auf meinen Ehrgeiz Verlass ist, dauerte es nicht sehr lange, ehe ich   das System erfasst und umgesetzt hatte, um mich augenblicklich zum Prince of Paddling auszurufen. Der selbstverständlich  bereit zur Wettfahrt zwecks Erlangen eines Legendenstatus war. Eine Entwicklung, die gnä Kuhn traditionell mit verächtlich hochgezogener Augenbraue zur Kenntnis nimmt, weil in ihrer besonderen Sportwelt immer nur die Bewegung das Ziel ist und niemals der Sieg. In diesem Sinne  definiert sie den Begriff „Triumphgefühl“ auch völlig anders, beispielsweise in der leidenschaftlichen Betonung des Fragesatzes „Hab’ ich’s dir nicht gesagt ...?“ Dieser als Mitgefühl getarnte Ausdruck der Genugtuung über das späte Rechthaben (sie hätte rechtzeitig reserviert, sie wäre links abgebogen, sie hätte sich sogar für diese halbe Stunde am See eingeschmiert)ist für einen Ehemann auch eine ziemliche Herausforderung. Ein bisserl wie Stand-up-Paddling über die Wellen des  Lebens. Und gar nicht so leicht, wie es aussieht.

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