Kolumnen
08.07.2018

"Paaradox": Glanz oder gar nicht

© Bild: Kurier / Jeff Mangione

Reinheitsgebot: Wer eine saubere Terrasse will, braucht gute Nerven im Hochdruck-Gebiet.

SIE

Manchmal, wenn ich wieder einmal mit meinem Text auf dieser Seite fertig bin, frage ich mich, wie viel Bissgurn-Potenzial ich habe. Sie kennen das Wort? Laut „Wien Geschichte-Wiki“: „Bissgurn, so viel wie zänkisches Weib, mundartlich abgeleitet von bissige Gurre (altes untaugliches Pferd), übertragen auf „bissiges“ (streitsüchtiges) Weib.“ Grobe Einschätzung meinerseits: Ich bin  totaler Durchschnitt. Warum? Weil ich  konsensuell bin. Ich schaffe es fast immer, dass er am Ende denkt, meine Meinung sei seine Meinung. Oder nach Liz Taylor: „Eine Frau tut, was der Mann will, wenn er verlangt, was sie wünscht.“

Hinterhältig? Ein bisserl.

Sagen Sie jetzt nicht, ich sei manipulativ. Gar nicht. Es ist nur so, dass manche Menschen ihr Glück nicht alleine finden können, sondern diskret geführt werden müssen. Schönes Beispiel: Seit Wochen schaue ich auf einen grauen  Terrassenboden, unter dem Archäologen  helle Bodenplatten vermuten. Der Dreck muss weg, aber nix passiert. Seit Wochen halte ich die Bissgurn im Zaum, dafür packe ich mein Best-of-Hinterhältigkeit aus und sage zum Beispiel: „Ich kenne einen Typen, der hatte in jüngeren Jahren noch die Kraft, einen Kärcher zu bedienen. Leider geil, aber leider vorbei.“ So was in der Art, oft wiederholt, macht was mit ihm. Überraschung: Gestern kam ich heim, Meister Proper strahlte, und verwies auf sein nachmittägliches Gekärchere. Selbst in solchen Momenten ist Strategie alles. Jetzt nur ja nix Blödes sagen wie „War ja höchste Zeit,  dachte schon, wir brauchen einen jungen Gärtner.“ Stattdessen Seelenstreicheln. Also holte ich das gewisse Glitzern in meine Augen und hauchte: „Ein starker Mann weicht nicht“,  packte den Franzbranntwein aus und massierte seine leicht verspannten Muskeln.

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ER

Nun, die Terrassenreinigung unter Hochdruck ist vermutlich die einzige Domizilverschönerungstätigkeit, die ich gerne vollbringe. Und diesem Selbstverständnis folgend weiß ich, dass ich als Kärchermeister eine derart souveräne und raffinierte Kraft entwickle, wie man sie bestenfalls noch bei Bruce Willis in „Stirb langsam“ oder Jason Statham in „The Transporter“
erkennen könnte. Es ist allerdings so: Nach den sehr vielen gemeinsamen Terrassenjahren mit gnä Kuhn sind die (stark verdreckten) Steinfliesen leider nur mehr ansatzweise zu
erspähen. Was daran liegt, dass die Liebste in jedem Frühling zwar von juchzendem Frohlocken begleitet zwei neue Töpfe mit Grünzeug in unser kleines Gartenreich integriert, sich jedoch von keinem einzigen Pflänzlein trennt. Heißt: Wer mit höchstem Kärcher-Anspruch ans Werk geht, ist bereits völlig erledigt, ehe er das Gerät überhaupt aktiviert.

Theater

Denn abgesehen vom Energie raubenden Abschleppdienst  offenbart sich auch stets die logistische Herausforderung, wohin genau ich die tönerne Armee ächzend zur Zwischenlagerung befehlige. Vor einigen Jahren deponierte ich einmal sämtliche Töpfe im Wohnzimmer (und ein Hochbeet zwecks Gaudium im Schlafzimmer), die Reaktion meiner Frau fiel jedoch bedauerlicherweise nicht in die Kategorie Amüsement. Faktum ist, dass ich das Kärchern gerne hinauszögere, weil ich mich für das Abenteuer des Umtopfens in einen mentalen Ausnahmezustand versetzen muss. Leider hat die strenge Erledigungsgenerälin an meiner Seite für
diese Sonderkommando-Attitüde null Verständnis und sagt nur: „Mah, jetzt mach' net so a Theater!“ Mir egal, ich habe die Bühne mittlerweile in einen Hochglanz-Zustand versetzt und kann vermelden: Inszenierung vom Feinsten. Held lebt.

michael.hufnagl@kurier.at

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