Kolumne
09/18/2019

Kralicek geht essen: Der Heurige

"Das Essen dient beim Heurigen hauptsächlich dazu, sich eine solide Unterlage für den Wein zu schaffen", schreibt Kolumnist und Theaterkritiker Wolfgang Kralicek.

von Wolfgang Kralicek

Was war zuerst da, der Heurige oder der Heurige? Der aktuelle Wein oder das Lokal, in dem er ausgeschenkt wird? Die beiden sind so untrennbar miteinander verbunden, dass sie sich sogar den Namen teilen. Der Heurige – und damit ist in diesem Text ab sofort ausschließlich der Lokaltyp gemeint – heißt so wie sein wichtigstes Produkt; auch das macht ihn zu einem Unikum. Das ist, als hieße das Beisl „Bier“, das Gasthaus „Schnitzel“ oder das Tschocherl „Flügerl“.

Das Einzige, was dem Heurigen in der Beziehung nahe kommt, ist das Café. Aber abgesehen davon, dass sich das Café vom gleichnamigen Heißgetränk immerhin durch das Geschlecht (Neutrum statt Maskulinum) unterscheidet, spielt der Café im Café nicht unbedingt die Hauptrolle. Anders beim Heurigen: Hier wird schon deshalb fast ausschließlich Heuriger getrunken, weil sonst nur Sodawasser, Himbeerkracherl und andere Kindergetränke angeboten werden. Einzige alkoholische Alternative zum Heurigen ist der „Alte“ – also der Heurige vom letzten Jahr. Der hat seine Fans, ist für die meisten Gäste aber keine besonders verlockende Option, alt sind sie nämlich selber. Die eingeschränkte Auswahl führt dazu, dass Bestellungen beim Heurigen oft extrem knapp formuliert werden: Wer lässig „Liter, Liter“ sagt, wird wunschgemäß einen Liter Heurigen und einen Liter Soda auf den Tisch gestellt bekommen.

Das Essen dient beim Heurigen hauptsächlich dazu, sich eine solide Unterlage für den Wein zu schaffen. Angeboten wird ein ähnliches Programm – Schnitzel, Schweinsbraten und Co – wie in einem Wiener Wirtshaus; die Speisen werden jedoch nicht serviert, sondern müssen am sogenannten Heurigenbuffet geholt werden. (Wenn nicht, handelt es sich vermutlich um einen „Nobelheurigen“.) Am Buffet steht der Heurigengast dann vor einer mehr oder weniger gut gefüllten Vitrine und stellt sich dort recht abenteuerliche Menüs wie „Kümmelbraten an Grammelschmalzbrot im Salzgurken-Pfefferoni-Nest“ zusammen. Das Bestellte kommt auf einen Teller und wird zusammen abgewogen, woraus sich auf wundersame Weise ein Kaufpreis ergibt, der stets bezahlbar, aber nie besonders günstig erscheint. Interessant auch, dass am Heurigenbuffet Delikatessen angeboten werden, die man anderswo nur noch äußerst selten antrifft, Schwarzwurzelsalat zum Beispiel, oder in Essig eingelegte und mit Kraut gefüllte Paprika. Man isst so was hauptsächlich deshalb, weil diese Speisen sonst aussterben würden. Auch die Pischinger-Torte, das traditionelle Heurigen-Dessert, hat hier ihr Reservat gefunden.

Noch einmal anders verhalten sich die Dinge in einer Buschenschank. Das sind jene Lokale, die von den Weinbauern selbst betrieben werden und nur zu bestimmten Zeiten des Jahres „ausg’steckt“ haben. Die mysteriösen Öffnungszeiten sind ein Faszinosum, mit dem sich die Buschenschank rar und damit besonders attraktiv macht. Man kann sie auch als Sinnbild für staatliche Willkür sehen: Es gibt genaue gesetzliche Regelungen, keiner durchschaut sie, aber eigentlich ist es eh wurscht. Hauptsache, der Wein ist jung. Und irgendein Heuriger hat immer offen. Liter, Liter!