Kolumnen
03/04/2020

Kralicek geht essen: Das Stammlokal

Drei Dinge, die ein Stammlokal auszeichnen.

von Wolfgang Kralicek

Das Stammlokal ist der Lebensabschnittspartner unter den Gaststätten. Oft kann ein Stammgast gar nicht so genau sagen, was ausgerechnet dieses Lokal für ihn so unwiderstehlich macht. Viele Stammlokale sind äußerlich nicht einmal besonders attraktiv. Manche tun dem Stammgast gar nicht gut, und trotzdem zieht es ihn immer wieder hin. Das Verhältnis des Stammgasts zu seinem Stammlokal hat etwas von einer Liebesbeziehung. Liebe auf den ersten Blick ist auch in diesem Fall selten: Dass ein Lokal zum Stammlokal geworden ist, merkt man meist erst nach einiger Zeit. Und irgendwann kann man sich nicht mehr vorstellen, wie man ohne dieses Lokal überhaupt ein glückliches Leben führen konnte. Die Wahl des Stammlokals ist, wie die Wahl des Lebenspartners, etwas sehr Persönliches. Man kann es also nicht wirklich erklären, aber man kann es ja zumindest versuchen. Was hat ein Stammlokal, was andere Lokale nicht haben?

Erstens: Es ist unkompliziert. Viele Stammgäste frequentieren ihr Stammlokal mehrmals die Woche, manche sogar mehrmals täglich; jedenfalls sollte es zumindest möglich sein, auch spontan schnell einmal vorbeizuschauen. Die richtige Lage spielt also eine wichtige Rolle. Ein Gasthaus, das meilenweit von den täglichen Routen entfernt ist, wird eher nicht zum Stammlokal werden (es sei denn, es handelt sich um eine geheime Liebschaft). Auch ein allzu feines Restaurant kommt nicht in Frage. Abgesehen vom Finanziellen kann man ein Stammlokal, in dem man ohne Reservierung keinen Platz kriegt, vergessen.

Zweitens: Es kocht gut. Die Küche des Stammlokals muss kein Hauben-Niveau haben; schmecken sollte es allerdings schon, und es muss gewährleistet sein, dass einem die Speisekarte auch nach Jahren nicht auf die Nerven geht. Allzu spezialisierte Restaurants werden deshalb selten zu Stammlokalen, in einer Langzeitbeziehung ist eher Hausmannskost angesagt.

Drittens: Es ist einfach das Richtige. Wie in jeder Beziehung hängt auch im Stammlokal alles davon ab, wie gut Nähe und Distanz ausbalanciert sind. Es ist schön, wenn das Stammlokal seinen Stammgästen eine gewisse Vertrautheit vermittelt. Das Personal gibt zu verstehen, dass es sich über den Besuch freut, stellt vielleicht gleich einmal das Standardgetränk auf den Tisch oder dergleichen; wie bei Verliebten entwickeln sich zwischen Stammgästen und ihren Lieblingskellnern bisweilen sogar geheime Sprachcodes oder Gesten, die Außenstehende nicht lesen können. Zu viel Aufmerksamkeit aber kann auch zum Problem werden. Wer sich dreimal überlegt, ob er heute in sein Stammlokal gehen soll, weil er befürchtet, dass ihn der Wirt dort wahrscheinlich wieder zutexten wird, befindet sich schon mitten in einer schweren Beziehungskrise. Verändert sich nur einer der drei Stammlokal-Faktoren, hilft oft nur noch ein Lokalwechsel. Ja, auch mit seinem Stammlokal kann man sich auseinanderleben: Mein Lokal versteht mich nicht mehr! Und so wie die wenigsten Menschen ihr ganzes Leben mit demselben Partner oder derselben Partnerin verbringen, bleibt es selten bei einem einzigen Stammlokal. Auch andere Lokale haben schöne Biere.

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