Kolumnen
11/22/2019

Kralicek geht essen: Der Schankraum

Der Schankraum ist in erster Linie ein Arbeitsplatz, und zwar einer der besten, die man sich vorstellen kann.

von Wolfgang Kralicek

Dies ist ein Loblied auf den Schankraum. Er ist das Herz jedes Gasthauses. Betritt man ein solches, steht man meistens schon mitten drin – der Schankraum ist nämlich nicht nur das Vorzimmer des Wirtshauses, sondern auch das Wohnzimmer, das Foyer ist zugleich die Bühne. Wodurch zeichnet sich der Schankraum aus? Zunächst einmal dadurch, dass dort die Schank steht. Idealerweise ist es eine schöne alte Schank mit dunkelbraun gebeizter Theke und Zapfhähnen, an denen kühle Kondenswassertropfen wie Edelsteine funkeln. Nach hinten abgeschlossen wird die Schank durch einen massiven Holzkühlschrank, dessen mächtige Türen auch in Tresoren gute Dienste verrichten würden. Der Schankraum ist in erster Linie ein Arbeitsplatz, und zwar einer der besten, die man sich vorstellen kann – jedenfalls aus der sicherlich romantisch verklärten Perspektive eines Gasthausbesuchers betrachtet. In Wirklichkeit ist der Schankdienst bestimmt ein ziemlich stressiger und anstrengender Beruf. Das Schlimmste daran ist wahrscheinlich, dass man nicht auf die Schank schauen kann, wenn man dahintersteht.

Im Schankraum wird das Wirtshaus zum Kaffeehaus, es gelten ähnlich lockere Regeln.

Der Wirtshausbesucher ist gut beraten, sich im Schankraum einen Platz zu suchen. Hier spielt die Musik, was in einem guten Schankraum natürlich nur eine Redewendung ist. Und es wird einem zwar nichts geschenkt, dafür aber so viel ausgeschenkt, wie man will. Nebenan, in der Gaststube oder gar dem sogenannten Extrazimmer, geht es zwar ruhiger und feiner zu, dafür aber auch fader und steriler. Im Schankraum hingegen, wo es in der Regel keine Tischtücher gibt, ist immer was los. Kellner geben Bestellungen auf und holen sie ab, Stammgäste stehen tratschend an der Budel und schauen dem Schankdiener beim Bierzapfen zu, während sie mit einem Auge Fußballmatches oder Skirennen verfolgen, denn selbstverständlich steht im Schankraum irgendwo auch ein Fernseher herum. Der Postler kommt herein und trinkt ein schnelles Seidl aufs Haus, oder wenigstens einen kleinen Mokka zum Tschick. Ja, ja, der Postler ist heute meistens ein DHL-Bote oder ein Lieferando-Sklave, der sich Pausen nicht leisten kann, und Zigaretten sind sowieso Geschichte. Aber solange es noch irgendeine offene Gesetzeslücke gab, war der Schankraum selbstverständlich Raucherzone, und zumindest gefühlt ist er das noch immer. Im Schankraum nämlich ist grundsätzlich alles erlaubt.

Den Schankraum, von dem hier die Rede ist, gibt es nur im Wirtshaus. In einem Restaurant wird man ihn nicht vorfinden, in einem Café schon eher, dort jedoch hat er anderen Charakter. Eines aber kann man sagen: Im Schankraum wird das Wirtshaus zum Kaffeehaus, es gelten ähnlich lockere Regeln. Zum Beispiel kann man hier zwar etwas essen, es ist aber auch okay, wenn man nur ein Achtel oder eine Melange bestellt. Meistens liegen sogar Tageszeitungen auf – nicht so viele und nicht so gute wie im Kaffeehaus, aber immerhin. Rätselhafterweise sind die Kreuzworträtsel in den Schankraumzeitungen übrigens immer ausgefüllt, obwohl man nie jemanden sieht, der dort Kreuzworträtsel löst (wahrscheinlich passiert das im Extrazimmer).

Das Wirtshaus ist auch deshalb eine so großartige Institution, weil es so demokratisch ist. Es ist für alle Menschen da, außer vielleicht für Veganer. Am pursten vermittelt sich der Spirit of Wirtshaus im Schankraum. Wer sich dort aufhält, sitzt mitten im Leben.